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Prognos-Chef zu Corona-Folgen: „Wir verlieren das Wirtschaftswachstum von über drei Jahren“

·Lesedauer: 5 Min.

Der Chef des Forschungsinstituts Prognos spricht über den langsamen Aufschwung nach der Krise – und darüber, wie sich Reisegewohnheiten dauerhaft verändern werden.

Das Interview mit Christian Böllhoff findet als Teams-Besprechung statt, wie so vieles in diesen Monaten. Für den Chef des Forschungsinstituts Prognos soll das auch nach Corona so bleiben. Der bisherige Vielflieger hat sich vorgenommen, in Zukunft nicht mehr für ein einziges Treffen quer durch Deutschland zu jetten – mehr dazu am Ende des Interviews. Ein Beispiel, wie die Corona-Pandemie einen ohnehin anstehenden Wandel der Arbeitswelt beschleunigt.

Herr Böllhoff, laut Ihrer Studie gelingt es Deutschland im laufenden Jahrzehnt nicht, das entgangene Wachstum des Corona-Jahres 2020 vollständig aufzuholen. Was stimmt Sie so pessimistisch?
Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsforschungsinstituten sagt Prognos für 2020 einen etwas tieferen Einbruch voraus – wir sind da eher bei gut sechs als bei fünf Prozent. Und den Beginn der Erholung sehen wir nicht im ersten, sondern eher im zweiten Quartal 2021. Das führt dazu, dass Deutschland erst 2023 wieder den Output des Vor-Corona-Jahres 2019 haben wird. Wir verlieren also das Wirtschaftswachstum von über drei Jahren.

Warum gelingt es uns auch in der Zeit nach 2023 nicht, die verlorenen Jahre durch ein entsprechend schnelleres Wachstum auszugleichen?
In der zweiten Hälfe des kommenden Jahrzehnts ereilt uns, was wir alle seit 20 Jahren haben kommen sehen, aber einige nie so recht wahrhaben wollten: Der demografische Wandel schlägt voll auf den Arbeitsmarkt durch. Die letzten geburtenstarken Jahrgänge gehen dann allmählich in Rente und Deutschland verliert Jahr für Jahr 500.000 Arbeitskräfte. Deshalb sehen wir das Trendwachstum in Deutschland ab 2022 nur noch bei etwa einem Prozent.

Wo lag das Trendwachstum vor Corona?
Da waren es eher 1,2 Prozent.

Aber hatten wir in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht eine viel höhere Zuwanderung als zuvor prognostiziert? Und ist nicht auch die Geburtenrate etwas gestiegen?
Beides hilft durchaus – aber das reicht nicht. Immerhin wird die Bevölkerung dadurch in Deutschland nicht schrumpfen. Aber die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter geht trotzdem zurück.

Was hat Corona an den Zukunftsaussichten einzelner Branchen verändert?
Die Luftfahrt und der Flugzeugbau werden wahrscheinlich nicht mehr zu alter Stärke zurückfinden. Die Unternehmen haben während der Pandemie gemerkt, dass sich viele Termine auch via Videocall erledigen lassen. Der Tourismus wird zwar zurückkommen, aber es waren ja die Geschäftsreisenden, die den Airlines den Ertrag gebracht haben. Der Automobilbau erlebt derzeit einen ähnlichen Trendbruch, aber das liegt weniger an Corona als am Trend zu Klimaschutz und Elektromobilität.

Welche Region in Deutschland wurde ökonomisch am härtesten durch die Pandemie getroffen?
Vielleicht nicht am härtesten, aber doch am überraschendsten getroffen wurde für mich Hamburg. Die Stadt hat ja eigentlich einen gesunden Branchenmix mit ungewöhnlich viel Industrie für eine Metropole dieser Größe. Aber es kam für Hamburg einfach viel zusammen: Die Städtetouristen bleiben aus, die Hotels, Klubs und Musicaltheater bleiben leer. Wegen der weltweiten Rezession brach der Frachtumschlag im Hafen ein. Die Unternehmen sparten an ihren Marketingausgaben, deshalb rutschten Medien- und Werbebranche in die Krise. Und dann trifft der Rückgang der Flugzeugbestellungen auch noch Airbus in Finkenwerder. Das ist schon ein ziemlich perfekter Sturm. Aber Hamburg wird nach der Pandemie auch wieder zurückkommen.

Hat sich die Spaltung Deutschlands in ökonomische Gewinner- und Verliererregionen durch Corona eher beschleunigt oder abgeschwächt?
Kurzfristig hat die Coronakrise mancher wirtschaftlich schwachen Region überraschend wenig anhaben können. Wo wenig ist, kann in der Krise auch wenig wegbrechen – zum Beispiel in manchen ländlichen Kreisen in Ostdeutschland. Die grundlegenden Trends laufen aber weiter: Metropolen und mittelgroße Schwarmstädte legen weiterhin zu, mitsamt ihrem Umland. Diese Ballungsräume ziehen auch in Zukunft Erwerbstätige an und können mit überproportionalem Wachstum rechnen.

Unter den wachstumsstärksten Regionen bis 2030 finden sich aber auch einige Überraschungssieger. Oder hatten Sie schon von der Boomtown Rostock gehört?
Ganz ehrlich – die gute Platzierung von Rostock hat mich selbst überrascht. Ich habe mir von unserem Regionalexperten erklären lassen, dass dahinter tatsächlich ein recht frischer Trend steckt: Attraktive mittelgroße Städte in ansonsten sehr dünn besiedelten Regionen saugen Infrastruktur, Arbeitsplätze und Erwerbstätige aus ihrem Umland ab, das dadurch immer mehr an Attraktivität verliert. Eine attraktive Universität scheint dabei ein Schlüssel zu sein: Die Schulabgänger kommen mit dem Abitur und bleiben auch nach dem Examen, wenn sie denn genug Lebensqualität und attraktive Arbeitsplätze vorfinden.

Dabei könnte man doch annehmen, dass sich der Run auf die Städte eher abschwächt. Wer dank Homeoffice nur noch zwei- oder dreimal pro Woche ins Büro muss, kann schließlich auch auf dem Land leben, wo die Häuser billiger und die Gärten größer sind.
Diesen Trend sehen wir nicht. Auch wer nicht mehr jeden Tag ins Büro fährt, sucht weiterhin die Nähe zur städtischen Kultur und den beruflichen Netzwerken, die dort zu finden sind. Man zieht vielleicht ein bisschen weiter in den Speckgürtel raus, aber nicht gleich aufs platte Land. Ich sage: Eine Stunde Pendelzeit „one-way“ wird für viele die magische Grenze bleiben.

Um das mal auf Ihre Heimatstadt Berlin zu beziehen: Kleinmachnow geht, Uckermark geht weiterhin nicht?
So in etwa.

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Wird sich Ihr eigener Arbeitsalltag durch Corona dauerhaft verändern?
Oh ja! Vor Corona war ich jede Woche zwei bis drei Tage auf Reisen, meistens für Gespräche mit Auftraggebern und Kooperationspartnern. Dieses Leben führe ich seit 30 Jahren. Ich konnte mir bislang gar nicht vorstellen, eine ganze Arbeitswoche an meinem Schreibtisch zu verbringen und mich dabei wohlzufühlen. Jetzt weiß ich: Es geht sogar sehr gut.

Sie wollen in Zukunft alle Termine per Zoom oder Teams erledigen?
Nicht alle. Ich werde weiter reisen, aber deutlich entschleunigter. Ich werde nicht mehr für ein Meeting quer durch Deutschland fliegen. Stattdessen fahre ich vielleicht mal mit der Bahn für drei oder vier Tage an unsere Standorte Freiburg oder München, arbeite von dort und bündele meine Kundentermine in der Region.

Alles dank Corona ...
Na ja, ein bisschen auch, weil ich den Flughafen Tegel nicht mehr vor der Tür habe.

Herr Böllhoff, vielen Dank für das Interview.