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Private Messeveranstalter warnen: „Branche wird de facto verstaatlicht“

·Lesedauer: 5 Min.

Städte und Länder fangen ihre Messegesellschaften in der Krise mit Millionen auf. Viele private Firmen fürchten das Aus und fordern Gleichbehandlung.

Im Frühjahr war Messeveranstalter Christoph Hinte aus Karlsruhe noch total entspannt. „Bis Oktober, wenn unsere Fachmessen Arbeitsschutz in Stuttgart und Intergeo in Berlin starten, ist das Virus vorbei“, dachte er. Doch er irrte. Gerade einmal 1,5 Millionen Euro wird er 2020 wohl einnehmen – statt 7,5 Millionen Euro wie geplant.

Hinte, der seine Messefirma in dritter Generation führt, hat zwar schnell digitale Messeformate aus dem Boden gestampft. Zur virtuellen Intergeo, der Weltleitmesse für Geodaten, kommt aber nur ein Drittel der Aussteller – und das zu deutlich niedrigeren Konditionen.

„Die ganze Messebranche blickt derzeit in den Abgrund. Als private Veranstalter haben wir es doppelt schwer“, betont Hinte. Öffentliche Messegesellschaften würden mit Steuergeld gerettet, private Veranstalter dagegen hätten aktuell kaum Überlebensperspektiven. „Die deutsche Messebranche wird de facto verstaatlicht. Das kann ja nicht gewollt sein“, so Hinte.

Private und verbandseigene Messen machen mehr als ein Viertel des gesamten Marktes in Deutschland aus. Anders als die großen Messegesellschaften, die meist in der Hand von Kommunen oder den Ländern sind, erhalten sie keine öffentlichen Liquiditätshilfen, um ihre Verluste komplett auszugleichen. „Die Luft wird bei einer Reihe dieser Messeunternehmen spürbar dünner“, warnt Hans-Joachim Erbel, Vorstandschef des Fachverbands Messen und Ausstellungen (Fama). „Einigen droht schon jetzt das Aus.“

Hinte hat zwar bisher 142.000 Euro Soforthilfen vom Staat bekommen. Die decken aber kaum ein Drittel der Allgemeinkosten für drei Monate. Seine 40 Mitarbeiter konnte Hinte auch nicht in Kurzarbeit schicken wie so viele der großen Messegesellschaften. „Meine Leute haben so viel zu tun wie nie, weil wir digitale Formate vorbereiten mussten.“ Unbürokratisch bekam er eine halbe Million Euro als KfW-Kredit. „Wir sind dankbar für solche Kredite. Aber sie sind im Grunde nur verlängerte Sterbehilfe“, meint der Unternehmer.

Nicht nur Privatunternehmer wie Hinte, auch viele Verbände richten regelmäßig Branchentreffen mit aus: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet die Frankfurter Buchmesse, der Verband der Automobilindustrie VDA die IAA. Für den VDA etwa ist die Messe eine ganz zentrale Einnahmequelle.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat mit der Handwerkskammer München und Oberbayern und dem Bayerischen Handwerkstag einen eigenen Veranstalter gegründet. Die Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM) mit 85 Mitarbeitern richtet etwa die Internationale Handwerksmesse aus. Sonst kommen 110.000 Besucher, in diesem Jahr fiel die Messe aus.

Für 2020 erwartete die GHM ursprünglich etwa 30 Millionen Euro Umsatz. „Nun wird es im besten Falle die Hälfte sein“, sagt Geschäftsführer Klaus Plaschka. „Wir schreiben dieses Jahr rote Zahlen. Die Gewinne der früheren Jahre helfen uns dabei, die Kosten zu decken.“ 2021 könne es sehr eng werden. Plaschka erwartet eine Marktbereinigung in der Branche.

Subvention hat Tradition

Die Existenzgefährdung privater Messeveranstalter schätzt auch Branchenexperte Jochen Witt als hoch ein. „Demgegenüber wurde schon in der Vergangenheit eine Vielzahl der öffentlichen Messegesellschaften regelmäßig subventioniert“, sagt der Gründer der Beratung JWC. In Zeiten von Corona müssen Veranstalter zudem schnell auf digitale oder hybride Formate umschwenken. „Das ist vor allem für kleinere private Anbieter eine ganz besondere Herausforderung, da sie nicht über die erforderlichen Mittel verfügen.“

Auch Veranstalter Hinte investiert viel in virtuelle Messen, obwohl die Margen viel geringer sind als bei Messen vor Ort. „Momentan ein Zuschussgeschäft, aber unsere einzige Chance, um am Markt zu bleiben“, betont Hinte.

Die großen Messeplätze investieren derzeit massiv in digitale Formate, obwohl ihnen in diesem Jahr oft dreistellige Millionen-Einnahmen fehlen. Kurzarbeit und Sparen allein helfen nicht, um alle Kosten zu decken. Die Deutsche Messe AG in Hannover soll einen Überbrückungskredit von 50 Millionen Euro erhalten haben. „Im Moment wird jede Messegesellschaft durch ihre Eigentümer, meist Stadt und Land, aufgefangen“, sagte Messechef Jochen Köckler dazu kürzlich dem Handelsblatt.

Laut „Tagesspiegel“ müsste der Berliner Senat allein 2020 schätzungsweise 65 Millionen Euro bereitstellen, um die Verluste der Messe Berlin auszugleichen. Auch die Kölnmesse erhält von der Stadt einen Millionenkredit.

„Jetzt in der Krise treten die Wettbewerbsvorteile öffentlicher Messegesellschaften deutlich zutage“, meint Plaschka von der GHM. Die hohen Millionenhilfen rechtfertigt der Staat damit, dass große Messegelände unterhalten werden müssten.

Zudem seien die öffentlichen Messegesellschaften von den zahlreichen Corona-Unterstützungsprogrammen ausgeschlossen, schrieb etwa das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg an Messeunternehmer Hinte. Die Hilfsprogramme empfinden viele Privatveranstalter aber als Tropfen auf den heißen Stein.

Ihr Verband Fama beruft sich auf den Grundsatz der Gleichbehandlung. Er fordert auch für nicht-staatliche Messeveranstalter einen finanziellen Ausgleich, der das Eigenkapital erhält. Österreich habe im September der Messe- und Kongressbranche einen Schutzschirm von 300 Millionen Euro in Aussicht gestellt – unabhängig von der Rechtsform der Unternehmen. Wird eine Veranstaltung coronabedingt abgesagt oder eingeschränkt, sollen nicht stornierbare Ausgaben ersetzt werden.

Investoren nutzen Notlage

Der Schutzschirm soll Sicherheit geben, damit Veranstalter wieder beginnen zu planen. „Einige Aussteller haben aktuell Angst, sich bei privaten Messeveranstaltern anzumelden“, beobachtet Hinte. „Die könnten ja pleitegehen. Das ist ein Teufelskreis.“

In der Schweiz hat Medieninvestor James Murdoch die Notlage der Messen bereits genutzt. Mit mehr als 100 Millionen Schweizer Franken hat er sich in die darbende Messe Schweiz MCH eingekauft, Mutter der Kunstmesse Art Basel. Murdochs Firma Lupa Systems hält künftig ein Drittel der Messegesellschaft – mit Option auf mehr.

Der Fama fürchtet einen ähnlichen Ausverkauf hierzulande: Einige Messeveranstalter seien in Verkaufsverhandlungen, um einer Insolvenz vorzubeugen. Der weltgrößte Messekonzern, die britische Informa Group, hat 2020 eine Kapitalerhöhung von einer Milliarde Pfund durch den Staatsfonds von Singapur erhalten. Die Briten könnten die Gunst der Stunde nutzen, notleidende Veranstalter mit Leitmessen günstig aufzukaufen.

So dürften einige Veranstalter samt ihrer Fachmessen und -kongresse allerdings ganz vom Markt verschwinden. Das träfe auch die großen öffentlichen Messegesellschaften hart. Denn viele Messeplätze erzielen einen wichtigen Teil ihrer Einnahmen mit Gastveranstaltungen. „Allein schon deshalb müsste die öffentliche Hand ein großes Eigeninteresse haben, dass private Messeveranstalter erhalten bleiben“, meint Hinte.