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Privatanleger setzen auf fallende Kurse – das könnte eine falsche Entscheidung sein

Die Anleger interessiert nicht, dass der Brexit um mehrere Monate verschoben wird. In den kommenden Handelstagen dürfte etwas anderes wichtig werden.

Es ist die wichtigste Entscheidung der vergangenen Woche gewesen: Der Brexit wird bis Ende Oktober aufgeschoben, doch die Anleger reagieren auf diese neue, mehrmonatige Phase der Unsicherheit ganz klar: Gar nicht.

Sowohl der Optimismus als auch der Pessimismus der Anleger zur künftigen Entwicklung an den Aktienmärkten ist im Vergleich zur Vorwoche gleich geblieben. Die Werte entstammen der wöchentlichen Handelsblattumfrage Dax-Sentiment, eine Erhebung unter mehr als 3300 Anlegern.

„Das verwundert mich“, meint Börsenexperte Stephan Heibel. Entweder sei das Vertrauen in das Verhandlungsgeschick der EU, einen harten Brexit zu verhindern, unendlich groß. Oder aber für Anleger sei es inzwischen egal, ob es einen harten oder geregelten Brexit geben wird. „Wenn Sie mich fragen: Mein Vertrauen in die EU-Politik ist gering“, sagt der Inhaber des Analysehauses Animusx.

Hinter der Handelsblatt-Umfrage zur Börsenstimmung stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Anleger interessieren sich möglichweise stärker für Unternehmensnachrichten, als für Politik

Dass die Anleger nun so gar nicht auf die neue Entwicklung beim Brexit reagieren, lässt eine weitere Schlussfolgerung zu: Anleger schauen weniger auf die Politik und dafür verstärkt auf Nachrichten bei den Unternehmens. „Dafür spricht auch die Entwicklung an den Aktienmärkten in der abgelaufenen Woche: Defensive Branchen haben deutlich abgegeben, während zyklische Aktien kräftig zulegen konnten“, sagt Heibel. „Das Vertrauen in die Wirtschaft ist in der abgelaufenen Woche zurückgekehrt.“

Interessant ist ein Blick zurück: In der Marktphase Ende des vergangenen Jahres waren bis zu vier weitere Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed denkbar. Der Handelsstreit zwischen China und den USA drohte zu eskalieren und eine weltweite Rezession war möglich. Unternehmen hatten in dieser Phase ihre Prognosen für das erste Quartal 2019 veröffentlicht.


Die tatsächlichen Zahlen fürs erste Quartal, die die Unternehmen nun nach und nach vorlegen, dürften besser ausfallen als prognostiziert. Aber: An sich wäre das nichts Neues für den Aktienmarkt. Denn dort hat man genau diese Entwicklung durch die heftige Rally zum Jahresbeginn bereits „eingepreist“, wie im Börsenjargon gesagt wird. Das heißt, dass die Akteure die besseren Zahlen erwartet und in ihren Käufen und Verkäufen bereits berücksichtigt hatten. Wenn eine Entwicklung bereits vollständig eingepreist ist, reagiert der Markt nicht mehr darauf, wenn sie tatsächlich eintritt.

„Wie immer wird es wohl wichtiger sein, die in den kommenden Wochen zu erwartenden Jahresprognosen der Unternehmen einzuordnen“, sagt Heibel. „Ich erwarte ich eine deutliche Entspannung, also freundlichere Prognosen als noch vor wenigen Wochen.“

Und für solch eine Situation sind insbesondere Privatanleger falsch positioniert. Denn die haben sich gegen fallende Kurse abgesichert oder spekulieren auf fallende Notierungen. Sollte der Dax aber in Richtung 12.500 Punkte steigen, müssen sie den Kursen hinterherlaufen und würden diesen Trend dadurch verstärken.

Die aktuellen Umfrageergebnisse signalisieren zumindest keine fallenden Notierungen. Noch vor einer Woche wurden Stimmungswerte erreicht, die schon an leichte Euphorie erinnerten. Das gilt als Kontraindikator. Entsprechend gab es diese Woche eine Konsolidierung, ohne jedoch die wichtige Marke von 11.800 Punkten zu unterschreiten. Nur noch 31 Prozent (minus 16 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) sehen in der aktuellen Entwicklung im Dax einen Aufwärtsimpuls, weitere 17 Prozent (minus ein Prozentpunkt) gehen von einer Topbildung aus.


Mit 44 Prozent (plus 17 Prozentpunkte) hat das Lager der neutral eingestellten Anleger, die den Dax in einer Seitwärtsbewegung sehen, die meisten Investoren aufgenommen, die vor einer Woche noch in Feierlaune waren. Fazit: Das Sentiment der Anleger ist wieder positiv gestimmt, aber nicht mehr euphorisch wie noch vor einer Woche.

Nur acht Prozent (minus 13 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) wollen auf die Konsolidierung spekuliert haben. Auf der anderen Seite wurden nur drei Prozent der Anleger (minus acht Prozentpunkte) von der Konsolidierung kalt erwischt.

Die meisten haben die Konsolidierung „zum größten Teil“ erwartet (plus 18 Prozentpunkte auf 65 Prozent). Weitere 24 Prozent (plus drei Prozentpunkte) sehen ihre Erwartungen kaum erfüllt. Die Selbstzufriedenheit hat sich unter dem Strich nicht verändert. Allerdings hat die Polarisierung der Vorwoche deutlich abgenommen.


Die Erwartung der Anleger über die künftige Entwicklung im Dax hat sich in dieser Woche kaum verändert. 19 Prozent (minus ein Prozentpunkt) erwarten für den Dax in drei Monaten einen Aufwärtsimpuls, 30 Prozent fürchten weiterhin einen Abwärtsimpuls. 39 Prozent (plus ein Prozentpunkt) gehen davon aus, dass es keine großen Ausschläge geben wird – weder nach oben, noch nach unten, also eine Seitwärtsbewegung in der Börsensprache.

Sogar die Erwartung einer Topbildung (plus ein Prozentpunkt auf neun Prozent) oder Bodenbildung (minus ein Prozentpunkt auf drei Prozent) hat sich zur Vorwoche kaum verändert. „Das große Ereignis der vergangenen Woche, die Verschiebung des Brexits, berührt den Zukunftsoptimismus oder -pessimismus der Umfrageteilnehmer nicht im Geringsten“, meint Heibel.

Genau wie bei der Selbstzufriedenheit hat sich auch bei der Investitionsbereitschaft eine moderatere Haltung durchgesetzt. Nur noch jeder Fünfte (minus drei Prozentpunkte) will in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen. Nur noch 18 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) wollen verkaufen. Mit 62 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) verzeichnet nur das Lager derer Zuwachs, die sich noch nicht über ihre nächsten Handelsaktivitäten entschieden haben.


Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, notiert bei minus 2,8. Damit ist es auf einem Niveau, das anzeigt, dass vermehrt Absicherungsgeschäfte eingegangen wurden. Das ist kein Wunder. Denn mit dem Überspringen der 11.800 Punkte im Dax vor knapp zwei Wochen wurde ein Kursniveau erreicht, bei dem eine Konsolidierung jederzeit den Großteil der seit Jahresbeginn erzielten Buchgewinne ausradieren könnte. Das möchte wohl niemand riskieren.

Institutionelle hingegen, die sich vorwiegend über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, haben ein Put/Call-Verhältnis von 0,8. Es werden also viel mehr Calls gekauft als Puts. Das bedeutet, dass die professionellen Anleger verstärkt auf steigende Kurse setzen.

Eine ähnliche Positionierung zeigt auch das Put/Call-Verhältnis der Chicagoer Terminbörse CBOE an. Fondsmanager haben ihre Investitionsquote nach dem kräftigen Sprung der Vorwoche leicht zurückgefahren (minus drei Prozentpunkte auf 89 Prozent). Mit solch einem Wert sind die Fondsmanager aber noch immer stärker investiert als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt im vergangenen halben Jahr.

Das Bulle/Bär-Verhältnis der US-Privatanleger ist mit 20 Prozent sehr „bullisch“, ist aber ähnlich dem Sentiment der deutschen Kollegen aber noch weit entfernt von euphorischer Kauflaune.


Der anhand von technischen Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Aktienmärkte zeigt mit 74 Prozent wieder Gier an. Er liegt aber noch knapp unter „extremen Gier“. Dieser Wer ist ab 75 Prozent erreicht. Andere kurzfristige technische US-Indikatoren zeigen einen leichten Konsolidierungsbedarf an.

Für die Experten der Investment-Beratungsfirma Sentix bleiben die Aktienmärkte zwar relativ stark. Doch auf die Anleger will der Funke nicht so recht überspringen. „Dies dürfte nach wie vor an dem relativ schwachen Grundvertrauen liegen“, meinen sie nach Auswertung ihrer Sentimentumfrage. Es findet kaum eine Verschiebung von den Bären zu den Bullen statt.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online.

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