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Polio-Virus in London gefunden: Wie gefährlich ist das Virus, das die Kinderlähmung auslöst?

Polioviren wurden 2002 in Europa weitestgehend für ausgerottet erklärt - nicht zuletzt durch eine erfolgreiche Impfkampagne. - Copyright: Tobias Arhelger / EyeEm
Polioviren wurden 2002 in Europa weitestgehend für ausgerottet erklärt - nicht zuletzt durch eine erfolgreiche Impfkampagne. - Copyright: Tobias Arhelger / EyeEm

2002 konnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Polio, auch bekannt als Kinderlähmung, in ganz Europa für ausgerottet erklären. Nun ist das Virus wieder da: Wie der britische Nachrichtensender BBC berichtet, sind Polioviren seit Februar dieses Jahres 116-mal in Londons Abwässern erstmals wieder in Europa nachgewiesen worden. Das britische Gesundheitsministerium (UKHSA) empfiehlt nun allen Kindern im Alter von einem bis neun Jahren im Großraum London eine Auffrischimpfung gegen die Kinderlähmung.

Zwar haben die Behörden in London noch keine offiziellen Infektionsfälle ausmachen können. Doch die neuen Funde im Abwasser könnten durchaus darauf hinweisen, „dass es in diesen Bezirken ein gewisses Maß an Virusübertragung gibt, das sich auf angrenzende Gebiete ausbreiten kann“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Bis in den 1950ern ein Impfstoff gegen Polio auf den Markt gebracht wurde, war der Erreger weltweit verbreitet – und vor allem gefürchtet. Denn in den schlimmsten Fällen führt die Krankheit zu anhalten Lähmungen bei Kindern. Durch die Impfkampagnen konnte die Krankheit weitestgehend ausgerottet werden – ganz besiegt wurde sie allerdings nie. Demnach kommt Polio noch in einigen Weltregionen vor, etwa in Afghanistan und Pakistan und kann leicht in andere Länder eingeschleppt werden. Was das Virus ausmacht und wie die Situation in Deutschland ist, erfahrt ihr in unserem Überblick.

Was ist Polio eigentlich?

Polio wird laut RKI durch RNA-Viren ausgelöst, zirkuliert seit Jahrhunderten und ist bis heute nicht heilbar. In Deutschland starben 1953 und 1954 fast 10.000 Menschen an dem Virus – insbesondere Kinder und Jugendliche waren betroffen. Die Viren werden in der Regel fäkal-oral übertragen, also entweder durch den Darm ausgeschieden oder durch den Luftweg verbreitet. Besonders schnell vermehren sich die Erreger unter schlechten Hygienebedingungen.

Häufig verläuft die Krankheit ohne Symptome. Selten kommt es zu leichten Beschwerden wie Fieber, Schnupfen, Müdigkeit und Darmproblemen. Auch Rückenschmerzen, Muskelkrämpfe und Nackensteife sind möglich. Wenn auch das zentrale Nervensystem angegriffen wird, wie es bei etwa einem Prozent der Infizierten der Fall ist, entwickeln sich Lähmungen.

Gefürchtet ist auch das sogenannte Post-Polio-Syndrom, das Betroffene noch Jahre bis Jahrzehnte nach der ersten Ansteckung bekommen können und bei etwa 25 Prozent unter ihnen auftritt. Zu den Spätfolgen gehören Muskelschwäche, Muskelschwund, oft Gliederschmerzen, Müdigkeit, Frieren und etwaige Nervenschmerzen. Hierzulande sind derzeit rund 30.000 Erwachsene im Erwachsenenalter erkrankt.

Wo kursiert das Virus noch?

Laut dem RKI gab es bis zuletzt nur noch in Pakistan und Afghanistan vereinzelte Fälle der Polio-Wildviren des Typ 1. Offiziell galt das Virus der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge in Nord- und Südamerika seit 1994, im westpazifischen Raum seit 2000 und im europäischen Raum seit 2002 als ausgerottet. In Deutschland wurden laut RKI seit den 1990er Jahren keine Infektionen mit dem Poliovirus mehr nachgewiesen.

Doch zuletzt kam es vermehrt zu vereinzelten Fällen weltweit. Demnach wurde im Juli im US-Bundesstaat New York erstmals seit 2013 wieder eine Polio-Infektion in dem Land nachgewiesen. Der Patient hatte sich wohl mit der Impfpolio infiziert. Diese kann nach einer Impfung mit Lebendimpfstoffen auftreten, die abgeschwächte Erreger enthalten und in seltenen Fällen auf Ungeimpfte übertragen werden. Deswegen werden Lebendimpfstoffe in den meisten Ländern der Welt nicht mehr verabreicht. Mittlerweile kommen Infektionen mit Impfpolio häufiger vor als mit dem natürlichen Wildvirus.

Im vergangenen Jahr wurden rund 700 Fälle von Impfpolio in über 20 Ländern registriert. Diese werden allerdings nicht zur offiziellen Statistik gezählt. Die globale Initiative zur Ausrottung der Polio (GPEI) berichtete laut der Süddeutschen Zeitung, dass die Viren-Stämme des infizierten Patienten aus New York schon im Juni in der Nähe seines Wohnortes nachgewiesen wurden. Es sind die gleichen Erreger, die auch zwischen Februar und Juni in den Londoner Gewässern gefunden wurden. Und im gleichen Zeitraum auch in Israel, wo Anfang des Jahres ein dreijähriges Mädchen an den Lähmungen erkrankte.

Gibt es Grund zur Sorge in Deutschland?

In den allermeisten Fällen verläuft die Krankheit ohne Symptome. Bei Menschen, die nicht vollständig geimpft sind, könne es nur in seltenen Fällen zu Lähmungserscheinungen kommen, so Vanessa Saliba, Epidemiologin beim UKHSA in einem Bericht der Augsburger Allgemeinen Zeitung.

Bei den Viren in den Londoner Gewässern handelt es sich zudem um die abgeschwächte Impf-Polio-Variante. In seltenen Fällen können sich diese allerdings, wenn sie lange genug zirkulieren, mutieren und stärker werden - und demnach ebenso die gefürchteten Lähmungen auslösen wie die Naturvariante. Den Proben aus den Kläranlagen der britischen Hauptstadt zufolge, könnten diese Mutationen zum Teil schon geschehen sein, gab die Gesundheitsbehörde bekannt. Die Polio-Expertin Kathlene O'Reilly rechnet zunächst mit einer „lokalen Ausbreitung des Poliovirus“, von der insbesondere Menschen mit fehlender oder unvollständiger Immunisierung betroffen seien.

Aktuell liegt die Impfrate in London bei etwa 87 Prozent. Damit ein ausreichender Schutz für die Bevölkerung gewährleistet ist, empfiehlt die WHO dringend eine Impfquote von mindestens 95 Prozent. In Deutschland lag die Impfquote den Zahlen des RKI zufolge 2018 zum Schulstart bundesweit bei 92,8 Prozent - das sind über 50.000 zu viele Kinder, die nicht gegen Polio geschützt sind. Denn: sobald nur ein Kind infiziert ist, kann sich das Virus schnell wieder weltweit verbreiten.

Wann müssen Kinder geimpft werden?

Die früher so übliche Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff gibt es in Deutschland heute nicht mehr. Stattdessen kommt ein inaktiver Stoff zum Einsatz, der gespritzt wird – in der Regel in Kombination mit anderen Impfstoffen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für alle Säuglinge und Kinder hierfür einen sechsfach-Impfstoff, bei dem auch gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hib und Hepatitis B geimpft wird.

Die erste Impfung sollte im Alter von zwei Monaten erfolgen, die zweite Impfung ab vier Monaten (wobei ein Abstand von 8 Wochen eingehalten werden muss), und die dritte Impfdosis wird dann ab einem Alter von 11 Monaten verabreicht. Im Alter von 9 bis spätestens 17 Jahren sollte die Polio-Impfung noch einmal aufgefrischt werden. Erwachsenen wird die Auffrischimpfung nur noch bei Reisen in Risiko-Ländern empfohlen.