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Pioniere, Vorreiter und Nachahmer: Warum die Klimawirtschaft endlich boomt

·Lesedauer: 7 Min.

Politik und Gesellschaft machen Druck beim Klimaschutz – und Unternehmen treten die Flucht nach vorn an. Einige sind dem Rest schon um Längen voraus.

Windräder in Nordrhein-Westfalen: Grüner Strom ist inzwischen billiger als konventioneller Strom – Ökonomie und Ökologie müssen sich nicht ausschließen. Foto: dpa
Windräder in Nordrhein-Westfalen: Grüner Strom ist inzwischen billiger als konventioneller Strom – Ökonomie und Ökologie müssen sich nicht ausschließen. Foto: dpa

Ölkonzerne rufen das Ende des fossilen Zeitalters aus, Stahlunternehmen geben sich eigene Klimaziele, und Stromkonzerne müssen sich komplett neu erfinden, weil der Kohleausstieg per Gesetz besiegelt ist. Vor zehn Jahren hätte man das alles noch als einen schlechten Witz abgetan. Heute ist es Realität.

Vorbei sind die Zeiten, in denen umweltbewusste Bio-Veganer schräg angeschaut wurden. Nun ist der SUV-Fahrer das Feindbild einer ganzen Generation. Der Ökokapitalismus ist auf dem Siegeszug – und hat zum ersten Mal in der Geschichte gute Chancen auch wirklich erfolgreich zu sein.

Auf einmal scheint vereinbar, was lange Zeit nicht zusammenkommen wollte oder viel mehr noch – stets ein Gegensatz zu sein schien: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Immer mehr Unternehmen setzen sich Klimaziele, beschließen grüne Investitionen in Milliardenhöhe und ordnen ihre Prioritäten neu.

Dabei wurde längst bewiesen, dass Ökonomie und Ökologie sich nicht ausschließen müssen. Von Unternehmen, die ihr Geschäft schon lange vor dem Trend zur „Green Economy“ auf ein nachhaltiges Wirtschaften ausgerichtet haben. Diese Vorreiter haben nicht erst den Druck aus Politik und Gesellschaft benötigt und sich als „Klimapioniere“ bewiesen.

Jetzt werden sie von Exoten zu Vorbildern. „Das Bewusstsein ändert sich rasant, und ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen“, schrieb Blackrock-Chef Larry Fink in einem seiner jährlichen Briefe an die Mächtigen dieser Welt. Es sei der tiefste Einschnitt in jenen 40 Jahren, in denen er in der Finanzbranche arbeite, so der 67-Jährige. Und es scheint, als habe ihn die Finanzwelt diesmal tatsächlich erhört.

Man kann mit Wind, Solar und Bioenergie Geld verdienen

282,2 Milliarden US-Dollar wurden laut einem Bericht von Bloomberg New Energy Finance und der Frankfurt School of Finance im vergangenen Jahr weltweit in erneuerbare Energien investiert. Das ist zwar nur ein Plus von einem Prozent gegenüber 2018, wird die Kapazitäten aber deutlich vergrößern. Die steigen damit für die kommenden Jahre um satte zwölf Prozent. 184 Gigawatt (GW) an Erneuerbare-Energie-Anlagen können aufgrund der 2019 getätigten Investitionen in den kommenden Jahren gebaut werden – 20 GW mehr als 2018. Zum Vergleich: Das ist die Leistung von 74 mittelgroßen Kohlekraftwerken.

Wind, Solar und Bioenergie haben endlich jene Hürde überwunden, die in der Vergangenheit stets als ihr größtes Manko galt: Man kann mit ihnen Geld verdienen. Mittlerweile ist Solarenergie günstiger als Strom aus einem neuen Kohle- oder Gaskraftwerk. In immer mehr Ländern auf der Welt ist Photovoltaik schon heute die günstigste Art der Stromerzeugung überhaupt und soll laut Experten in den nächsten Jahren sogar noch billiger werden.

Aber noch ein wichtiger Umstand gibt den erneuerbaren Energien jetzt massiven Aufschwung: In Corona-Zeiten waren es die nachhaltigen Unternehmen, die sich als besonders krisenfest herausgestellt haben. Während die Kurse milliardenschwerer Weltkonzerne abstürzten, hielt sich der Verlust bei grünen Anleihen in Grenzen – ja kletterte gar in manchen Fällen wie bei einigen Wind- und Solarparkbetreibern in ungeahnte Höhen.

Und auf einmal wetteifern Unternehmen wie Shell, Blackrock, Thyssen-Krupp, Bayer und Co. um die Führungsposition auf einem Feld, das für die meisten bislang oft nichts weiter war als Imagepflege.
So wird der größte CO2-Emittent Europas, RWE, nach eigenen Angaben mal eben zum drittgrößten Ökostromproduzenten der EU.

Auf einmal will CEO Rolf-Martin Schmitz Milliarden in Wind, Solar und Wasserstoff investieren, wo er vor zwei Jahren noch um jedes Gramm Kohle gekämpft hat. Die macht übrigens auch weiterhin den deutlich größeren Teil am Energiemix des Ruhrpott-Riesen aus. Der Essener Konzern vollzieht den Wandel von Braun zu Grün, weil er keine andere Wahl hat.

Der Kohleausstieg bis spätestens 2038 ist beschlossene Sache, der nationale CO2-Preis soll schon in wenigen Monaten Einzug halten, und der Druck von Gesellschaft, Aktivisten, Investoren und Politik wächst in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit.

RWE steht beispielhaft für einen großen Teil der Wirtschaft. Für den Konzern geht es längst nicht mehr nur um ein grünes Gewissen, sondern ab jetzt um das wirtschaftliche Überleben.

Der Klimawandel birgt kostspielige Risiken

Dabei sind die Fakten alles andere als neu: Laut dem Weltklimarat IPCC könnte die Menschheit die Risiken der Erderwärmung durch eine Begrenzung auf 1,5 Grad gerade noch einschränken. Ansonsten drohen Hitzewellen, Trockenheit, Überschwemmungen und Stürme.
Das geht nicht nur jeden einzelnen Menschen etwas an, sondern würde auch die Wirtschaft in ihrem Kern treffen.

Laut einer Studie des Carbon Disclosure Project (CDP), einer unabhängigen Organisation, die eine der größten Datenbanken zu Klimarisiken von Firmen unterhält, beziffern 215 Unternehmen, die weltweit zu den 500 größten zählen, die Risiken durch den Klimawandel für ihre Geschäfte immerhin auf knapp eine Billion Dollar. Erste Auswirkungen spüren einzelne Branchen schon heute.

Aber es brauchte erst eine globale Jugendbewegung, die nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik zum Handeln zwingt. Fridays for Future hat erreicht, was Generationen von Aktivisten seit Jahrzehnten vergeblich versucht haben: Sie haben sich Gehör verschafft.

Und das selbst in diesen Zeiten. Während der vergangenen Monate war die Klimakrise immerhin nahezu das einzige Thema, dass es mit Ereignissen wie dem europäischen Green Deal geschafft hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – trotz Pandemie.

Jetzt legt die Politik die Latte beim Klimaschutz höher, und die Wirtschaft muss sich wappnen. So soll das EU-Klimaziel für 2030 nach dem Willen des Europaparlaments noch drastischer verschärft werden als bisher erwogen – und zwar von den heute geltenden 40 auf nunmehr 60 Prozent.


Aber anstatt in die Defensive zu gehen, treten unzählige Unternehmen die Flucht nach vorn an. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft vor einer Zeitenwende steht.

Die vom EU-Parlament beschlossene Verschärfung des Klimaziels auf 60 Prozent erkennt die Stiftung 2 Grad unter der Bedingung an, dass die Politik zeitnah Maßnahmen ergreift, die den Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität helfen. Und das will etwas heißen, immerhin versammelt sich in dieser Initiative eine wachsende Gruppe von Vorstandsvorsitzenden, Geschäftsführern und Familienunternehmen, die sich für den Klimaschutz starkmacht. Was früher „made in Germany“ war, soll zukünftig „made climate neutral“ werden, heißt es da sogar. Europa oder zumindest ein großer Teil davon, so scheint es, ist auf dem Weg zur Klimawirtschaft.

Vorreiter und Marktfolger

Welche der Ankündigungen sich am Ende bewahrheiten, bleibt zwar abzuwarten, aber eines ist gewiss: Selten war so viel Augenmerk auf den Großkonzernen dieser Welt. Ein Totalversagen kann sich schlicht keiner von ihnen leisten.

Und trotzdem stehen viele Unternehmen gerade mal am Anfang einer Entwicklung, die andere schon seit Jahren mit großen Schritten vorantreiben. Denn auch wenn Ölkonzerne wie die britische BP sich derzeit mit dem Titel „Vorreiter“ schmücken, mag das zwar auf die eigene Branche zutreffen. Aber in Wahrheit sind sie Marktfolger. Ein Weiter-so kann es auch nicht geben.

Wenn ein Unternehmen wie BP jetzt nicht in Erneuerbare investieren und seine Öl- und Gasproduktion sukzessive herunterfahren würde, liefe es Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Die Energiebranche ist da nur ein Beispiel von vielen.

Die Autoindustrie ist ein anderes. Wer hätte gedacht, dass der Chef des weltgrößten Automobilkonzerns sich einmal vor die Kameras der Weltpresse stellt und verkündet, das Heil der Pkw-Fahrer liege in der Elektromobilität? Die Angst vor Tesla und der Konkurrenz aus Fernost hat das traditionelle Herz der Verbrenner-Fans bekehrt – zum Glück für die Umwelt. Und selbst Branchen wie die Zementindustrie, die mit bis zu acht Prozent einen großen Anteil der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortet, gehen neue Wege.

In unserer neuen Serie wollen wir aber nicht diejenigen mit den ambitioniertesten Zielen in ferner Zukunft vorstellen, sondern solche, die ihrer Zeit weit voraus sind. Sie kommen aus verschiedenen Branchen.

Sie sind transparent, übernehmen Verantwortung entlang der eigenen Lieferkette und sind dabei auch noch wirtschaftlich erfolgreich.

Natürlich haben es Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche mit diesen Kriterien besonders leicht. Deswegen kommen unsere Klimapioniere aus Sektoren, bei denen man es vielleicht nicht erwartet. Sei es aus dem Maschinenbau, der Nahrungsmittelindustrie, der Tech-Branche, der Schifffahrt oder der Kosmetik.

All diese Unternehmen haben sich nicht erst jetzt Ziele gesetzt, sondern sie zum großen Teil schon heute erreicht. Damit sind sie Klimapioniere - und Trendsetter für eine bessere Zukunft.

Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

Auch in Corona-Zeiten geht Gründerin Greta Thunberg auf die Straße.  Foto: dpa
Auch in Corona-Zeiten geht Gründerin Greta Thunberg auf die Straße. Foto: dpa