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Die Pioniere der deutschen Wirtschaft: bodenständig, vorausschauend und nachhaltig

Das Handelsblatt hat zum zwölften Mal Unternehmer ausgezeichnet, die die Zukunft des Landes vorantreiben. Die Gewinner wurden in die Hall of Fame aufgenommen.

Man kann es bedauern, dass Deutsche im Vergleich zu Amerikanern und Chinesen wenig gründerfreundlich sind. Und man kann es auch bedauern, dass die Geldgeber für die Finanzierung innovativer Geschäfte oft aus dem Ausland kommen, die Ideen und womöglich die Unternehmen perspektivisch dorthin abwandern.

Oder man kann sich auf die Tugend der deutschen Familienunternehmer besinnen, all jener Boschs und Mieles, die einst als Start-ups ihren Betrieb aufnahmen. Genau daran erinnerte Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe am Mittwochabend bei der Ehrung neuer Mitglieder der Hall of Fame der Familienunternehmen – um gleich mit dem Appell anzuschließen: „Wir brauchen eine Renaissance des Unternehmertums. Wir brauchen wieder mehr Menschen, die aus einer Idee ein Geschäft machen.“

Also genau solche Menschen, die dort im Ballsaal des Münchener Charles Hotels vor ihm saßen: allesamt Familienunternehmer, das „Who is Who“ der deutschen Wirtschaft, wie es Moderatorin Judith Rakers ausdrückte. Es war das zwölfte Mal, dass das Handelsblatt „Pioniere der Wirtschaft“ in die Hall of Fame berufen hat.

Und wie könnte es anders sein, ist bei solchen familiengeführten Pionierunternehmen der Übergang von einer Generation zur nächsten eines der bewegendsten Themen. Anekdoten zu der Frage, wie die Übergabe auf unterschiedliche Art gemeistert werden und dabei noch Mehrwert geschaffen werden kann, sollten sich durch den Abend und die Laudationen ziehen.

Zuerst aber machte der Chefredakteur des Handelsblatts noch auf eine „der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Wirtschaft“ aufmerksam und würdigte das Lebenswerk der Brüder Karl und Theo Albrecht, die posthum in die Hall of Fame aufgenommen wurden. Afhüppe brachte die Geschäftsidee dieser besonderen Brüder auf den Punkt: „Sie haben die Kunst des Weglassens beherrscht.“

Die Erfinder des Discounts haben mit Aldi Süd und Aldi Nord ein Imperium geschaffen, das den Lebensmittelhandel revolutioniert, das Leben vieler Menschen umgekrempelt und geprägt hat – und das heute weltweit fast 90 Milliarden Euro Umsatz generiert.

Zur Verleihung kam zwar kein Mitglied der Familie, die als verschwiegen gilt und es im Großen und Ganzen äußerst gut versteht, im Hintergrund zu bleiben. Aber sie hatten ihren Sprecher Florian Scholbeck entsandt, der prompt mit Augenzwinkern meinte, er sei allein, weil der Kollege von Aldi Süd aus Kostengründen in Mülheim geblieben sei.

Aber dann, ganz ernst, stellte er klar: Das Unternehmen habe sich durchaus geöffnet und könne ja auch gar nicht anders. Doch es sei „gutes Recht der Familie, so vorsichtig zu sein“. In jedem Fall sei es für die beiden Aldi-Familien „eine große Ehre, in die Hall of Fame aufgenommen zu werden“.

Lindner-Gruppe nun auch in der Hall of Fame

Neues Mitglied im Kreis der Pioniere ist die Lindner-Gruppe aus dem bayerischen Arnstorf. Laudatorin Vera Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die das Bauunternehmen vorab besucht und dabei fast alle Familienmitglieder – und es sind viele – kennengelernt hatte, ließ ihrer Begeisterung freien Lauf. So viel Herzblut, so viel Familienunternehmertum lässt sich wohl nicht allzu oft antreffen.

1965 hatte Hans Lindner das Unternehmen gegründet, heute beschäftigt der Bauspezialist für Gebäudehülle, Innenausbau und Isoliertechnik 7500 Mitarbeiter und setzt 1,1 Milliarden Euro um. Dabei stehe für den Gründer sinnbildlich ein recht einfacher Gegenstand: ein schwarzes Herrenfahrrad, mit dem Hans Lindner, der sein Auto vor Jahren an eine Mitarbeiterin abgab, immer unterwegs sei.

„Dieses Fahrrad verkörpert nämlich die drei Eigenschaften, die ihn auszeichnen: Bodenständigkeit, Weitblick und Nachhaltigkeit“, befand Laudatorin Elter, die auch die vorbildliche Übergabe an die nächste Generation hervorhob: Alle vier Töchter des Gründers und ihre Ehemänner sind im Unternehmen aktiv, Veronika Lindner hält mittlerweile als Verwaltungsratsvorsitzende alles zusammen.

Es gäbe viele Geschichten zu erzählen über diese Unternehmerfamilie, die ihren Mitarbeitern Ferienwohnungen zur Verfügung stellt und eine eigene Digitalwährung für das Unternehmen entwickelt hat. Ein Betriebsgeheimnis könnte – neben Leidenschaft und Innovationsfreude – auch jene Haltung sein, die Hans Lindner preisgab: „Ich habe nie etwas als Belastung empfunden, das ganze Leben nicht.“ Ja, jeder solle zusehen, „dass Euer Beruf Euer Hobby wird“.

Aus einer ganz anderen Branche stammt ein anderes neu in die Hall of Fame berufenes Unternehmen. Man könnte wohl sagen: ein Unternehmen, dessen Name wahrscheinlich keiner kennt, dessen Produkte aber jeder andauernd vor Augen hat. Orafol ist Marktführer für selbstklebende Folien – etwa auf Flugzeugen oder Autos, aber auch auf Autobahn-, Nummern- oder Baustellenschildern.

Der Erfolg und die Expansion ins Ausland war nicht absehbar, der geschäftsführende Gesellschafter Holger Loclair sagt selbst: Hätte ihm jemand vor 35 Jahren gesagt, dass er einmal Firmen in den USA kaufen würde, hätte er gedacht, „die sind verrückt, damals ging es für die Unternehmen ums nackte Überleben“. Damals gab es ja noch die DDR, der Chemiker Loclair war Gruppenleiter und später Betriebsleiter in einem volkseigenen Betrieb – dem Vorgängerunternehmen von Orafol.

Heute, sagte Laudator Sven Afhüppe, sei Orafol mit seinen weltweit 2500 Beschäftigten ein Vorbild für ost- und westdeutsche Unternehmen. Als Kontrapunkt zu der „Scheinwelt“ der DDR sei Loclair ein Weltenbummler und Salesman geworden, ja, „ein Antreiber, einer der Tempo macht“, bei dem zuweilen nicht immer alle Mitarbeiter mitkommen.

Und auch bei Orafol zeigt sich die Bedeutung Familienunternehmen von seiner wortwörtlichen Seite, denn Loclair sagt offen, dass der Unternehmensaufbau nach der Wende „ohne seine Frau“ nicht funktioniert hätte. Und wenn Loclair einen Wunsch frei hätte, sagte Sven Afhüppe, sei das die Übergabe der Firma an die eigenen Kinder. Ob es dazu komme, sei noch ungewiss.

Nun, vielleicht hatte Loclair sich das als Überraschung für den Gala-Abend aufgespart, vielleicht nutzte er auch nur die Stimmung und den Auftritt auf der Bühne. Dort jedenfalls stellte er bei der Annahme der Auszeichnung unter Applaus klar die Weichen: „Wenn eines meiner Kinder die Firma übernimmt, wird es meine Tochter sein.“

Erfolgreicher Generationswechsel bei Viessmann

Ebenfalls einen gelungenen Generationswechsel hat das abschließend geehrte Unternehmen vorgelegt: der Heizungsbauer Viessmann, wo Martin Viessmann frühzeitig die Nachfolge eingeleitet hat – wohl auch, weil sein Vater nicht so schnell loslassen wollte.

Mit Sohn Max präsentiert er sich als harmonierendes und ergänzendes Duo – etwa, wenn es um die Vorliebe des Seniors für die Kommunikation via Briefpapier geht. Der Sohn wiederum attestierte dem Vater im Hinblick auf die Qualitäten „Verantwortungsbewusstsein, Umsatzfreudigkeit, Empathie“ auf einer Skala von eins bis zehn jeweils mal „zwölf Punkten“. Hier war schnell klar: Da verstehen sich zwei und kennen ihre Rollen.

In die Hall of Fame aufgenommen wurde Viessmann aber auch deshalb, weil sich hier ein Unternehmen immer wieder neu erfunden hat, quasi wie ein permanentes Start-up. Und „wenn bei Viessmann etwas gemacht wird, dann richtig“, stellte Laudator Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, fest – davon zeugten allein die „beeindruckenden Leistungsdaten“: etwa 2,5 Milliarden Euro Umsatz mit Vertretungen in 74 Ländern, fünf Prozent Wachstum, mehr als 12.000 Mitarbeiter.

Und die sollen alle eingebunden werden. Denn bei Viessmanns, eben durch und durch Familienunternehmer, heiße es trotz aller Expansion und Internationalisierung über die Mitarbeiter: „Wir haben 12.000 Familienmitglieder.“

Und genau wegen solcher unternehmerischer Vorbilder sorgte sich Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, dass in Deutschland die Gründerquote immer weiter zurückgeht. Denn Deutschland lebe davon, dass es mutige und innovative Unternehmer gibt. „Sie sind die Zukunft unseres Landes.“

Mehr: Die Gründer der Aldi-Dynastie setzten neue Maßstäbe in der Branche. Das Handelsblatt hat sie jetzt posthum in die Hall of Fame der Familienunternehmer aufgenommen.