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Wie Pharmakonzerne an Mitteln gegen das Coronavirus forschen

Chinesische Zentren testen bereits verfügbare Wirkstoffe der US-Firmen Gilead und Abbvie. Grundlegende Neuentwicklungen gegen das Corona-Virus würden viel zu lange dauern.

Die Suche nach Medikamenten gegen die Corona-Infektion ist inzwischen in Fahrt gekommen. Foto: dpa

Das neuartige Corona-Virus 2019-nCoV breitet sich rasant aus. Das hat nicht nur bei einer Reihe von Impfstoff-Entwicklern heftige Betriebsamkeit ausgelöst. Auch die Suche nach Medikamenten gegen die Infektion ist inzwischen in Fahrt gekommen.

Bisher richtet sich das größte Interesse dabei vor allem auf Wirkstoffe der US-Firmen Abbvie und Gilead, die bereits zugelassen sind oder sich in klinischer Entwicklung befinden. Darüber hinaus drängen sich inzwischen aber auch eine Reihe von Biotechfirmen auf.

Einer Übersicht des Fachinformationsdienstes Biocentury zufolge laufen in chinesischen Zentren inzwischen neun klinische Studien. Die große Mehrzahl davon testet die Wirkmoleküle Lopinavir und Ritonavir, die von Abbvie als Kombinationspräparat unter dem Namen Kaletra als Aidsmedikament vertrieben werden.

Das Präparat wurde erstmals im Jahr 2000 zugelassen und gehört zu den sogenannten Protease-Inhibitoren, einer relativ prominenten Klasse von Aidswirkstoffen. Kaletra ist damit aktuell das einzige potenzielle Corona-Medikament, das bereits auf dem Markt verfügbar ist.

Als zweiter aussichtsreicher Kandidat wird der Wirkstoff Remdesivir des US-Biotechkonzerns Gilead gehandelt. Dieses Mittel ist bisher noch nicht zugelassen, wurde von Gilead aber bereits in einer Phase-II-Studie als Wirkstoff gegen Ebola getestet.

„Auch wenn bisher noch keine Resultate für das Molekül im Einsatz gegen 2019-nCoV vorliegen, geben uns die Daten bei anderen Corona-Viren Hoffnung“, erklärte das US-Unternehmen dazu. In Tiermodellen hat Remdesivir nach Angaben von Gilead Aktivität gegen Mers- und Sars-Viren gezeigt, die mit dem neuen Coronavirus eng verwandt sind.

Hilft Breitbandwirkung besser als Antikörper?

Ein weiteres Molekül, das zumindest bereits erste Sicherheitstests an Menschen durchlaufen hat, ist der experimentelle Wirkstoff Galidesivir, den das US-Biotechunternehmen Biocryst Pharmaceuticals als eine Art Breitband-Antivirusmittel entwickelt, das gegen Krankheiten wie Ebola, Marburg, Gelbfieber oder Zika-Infektionen eingesetzt werden soll.

Potenzial für einen neu entwickelten Wirkstoff sehen auch Firmen wie das Tübinger Start-up Atriva, das an einem Wirkstoff arbeitet, der einen Wachstumsmechanismus von Zellen blockiert, den Influenza-Viren zur Vermehrung benötigen.

Es gebe erste Hinweise, dass der Stoff auch gegen Corona-Viren wirksam sein könnte, heißt es aufseiten Atrivas. Allerdings befindet sich das Atriva-Produkt noch in einer sehr frühen Phase der klinischen Tests. Die US-Firma Regeneron wiederum will ihre Antikörper-Plattform im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministerium für die Suche nach Wirkstoffkandidaten nutzen.

Antikörper bilden eine spezielle Klasse an komplizierten Eiweißwirkstoffen, die das menschliche Immunsystem nutzt, um schädliche Substanzen und Mikroorganismen zu eliminieren. Ähnlich wie Gilead verweist auch Regeneron auf positive Erfahrungen in der Ebola-Forschung.

„Die lebensrettenden Resultate, die wir mit unserem experimentellen Ebola-Medikament im vergangenen Jahr gesehen haben, unterstreichen die möglichen Ergebnisse, die wir mit unserer Plattform erzielen können“, erklärte Regeneron-Forschungschef George Yancopoulos.

Antikörper bieten die Möglichkeit, dass sie sehr präzise darauf zugeschnitten werden können, an bestimmten Oberflächenmolekülen von Viren anzudocken, diese dadurch zu blockieren und für das Immunsystem angreifbar zu machen. Auch die Wirkung von sogenannten Immunglobulinen, die aus Blutplasma gewonnen werden, beruhen vor allem auf dem Effekt von Antikörpern.

„Wer völlig bei null anfängt, braucht eine Ewigkeit“

Neben Regeneron steigt unter anderem auch die junge US-Firma Vir Biotechnology in den Kampf gegen Corona ein. „Wir verfügen über eine Bibliothek mit mehreren humanen Antikörpern, die Coronaviren wie Sars und Mers neutralisieren können“, verkündete Herbert Virgin, der Chef-Wissenschaftler des US-Unternehmens.

Ebenfalls auf Antikörper setzt das chinesische Unternehmen Wuxi Biologics, das nach eigenen Angaben mit einem 100 Mitarbeiter starken Team an Corona-Medikamenten forscht. Klar ist unter Experten, dass schnelle Behandlungserfolge im Kampf gegen die Corona-Infektionen allenfalls mit Medikamentenkandidaten erzielt werden können, die bereits vorhanden sind – oder zumindest ein Stück weit klinisch getestet.

„Wer völlig bei null anfängt, braucht eine Ewigkeit“, sagt Holger Zimmermann, Chef der Wuppertaler Biotechfirma Aicuris, die sich voll auf die Entwicklung von Antibiotika und Antivirus-Medikamenten konzentriert. Für ein Engagement im Kampf gegen das neue Corona-Virus sieht Zimmermann bisher aber keine Basis im Forschungsprogramm von Aicuris.

Das Unternehmen, das einst durch Ausgliederung aus Bayer entstand, arbeitet in erster Linie an Wirkstoffen gegen das Zytomegalovirus, Herpes und Hepatitis B sowie an neuartigen Antibiotika gegen resistente Keime.

Viruserkrankungen begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden, auch wenn die Erreger erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals identifiziert wurden. Viren selbst gelten dabei nicht als Lebewesen, sondern als infektiöse organische Partikel, die im Gegensatz zu Bakterien über keinen eigenen Stoffwechsel verfügen.

Sie bestehen aus einem Kern an Nukleinsäuren (DNA oder RNA), der von einer Hülle aus Eiweißsubstanzen (Proteinen) umgeben ist. Zur Vermehrung nutzen sie die befallenen Wirtszellen. Dabei wird virale DNA in den Zellkern oder das Zellplasma eingeschleust und dadurch die jeweilige Zelle zur Produktion neuer Viren angeregt.

Ein mühsamer, aber lohnender Kampf

Insgesamt sind heute deutlich mehr als 200 Viren bekannt, die den Menschen infizieren können. Mehrere Dutzend davon verursachen schwere Krankheiten. Etliche Viren, so etwa das humane Papillomavirus und das Ebstein-Barr-Virus, gelten auch als Auslöser oder Risikofaktoren für Krebserkrankungen

Für Medizin und Pharmaindustrie entpuppte sich der Kampf gegen diese Viren bisher als mühsames, zum Teil aber auch lohnendes Unterfangen. Insgesamt behaupteten sich dabei Impfstoffe erfolgreicher als Medikamente. Immerhin stehen gegen mehr als 20 Virusinfektionen heute Impfstoffe zur Verfügung.

Dagegen sind bislang nur für zehn Viruserkrankungen Medikamente zugelassen – zum Teil vergingen Jahrzehnte zwischen der Entdeckung des jeweiligen Virus und dem ersten Mittel. Anders als bei bakteriellen Infektionen ist es im Virusbereich zudem bisher kaum gelungen, breit wirkende Substanzen zu finden. Soweit überhaupt Medikamente zur Verfügung stehen, wirken diese überwiegend gegen relativ spezifische Infektionen.

Ihren wohl größten Erfolg konnten Forscher dabei in der Entwicklung von Medikamenten für die Therapie der Immunschwäche-Krankheit Aids erzielen, für die inzwischen mehr als 40 Medikamente zur Verfügung stehen. Fast die Hälfte der mehr als 90 zugelassenen antiviralen Wirkstoffe entfällt damit auf dieses Therapiesegment.

Einen wichtigen Durchbruch erzielten Pharmaforscher zuletzt außerdem im Kampf gegen Hepatitis C. Mit dem von Gilead entwickelten Wirkstoff Sofosbuvir (Sovaldi) und einer ganzen Reihe ähnlicher Substanzen ist es gelungen, diese Erkrankung erstmals zu heilen. Bei vielen anderen Viruserkrankungen ist das Arsenal an Medikamenten dagegen wesentlich kleiner und weniger erfolgreich.

Der Weltmarkt für Medikamente zur Behandlung virusbedingter Krankheiten wird auf rund 40 Milliarden Dollar geschätzt. Mit Abstand führender Hersteller auf dem Gebiet ist der US-Konzern Gilead. Er hält sowohl in der Therapie von Aids als auch bei Hepatitis eine Führungspositionen und erzielt mehr als 80 Prozent von 22 Milliarden Dollar Gesamtumsatz mit antiviralen Produkten.

Dahinter folgt in dem Bereich der britische Konzern GSK mit seinem gut sechs Milliarden Dollar großen Aidsmittel-Geschäft. Engagiert im Bereich Aids oder anderer viraler Erkrankungen sind ferner Firmen wie Abbvie, Glaxo-Smithkline, Roche und Merck & Co sowie diverse Biotechfirmen.