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"Die Peripherieländer können mit einem starken Euro leben"

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"Die Peripherieländer können mit einem starken Euro leben"

Der Chefvolkswirt des Bankhauses HSBC Deutschland, Stefan Schilbe, sieht noch Aufwärtspotenzial für den Euro. Dass sei auch für die hoch verschuldeten EU-Länder im Süden kein Problem.


WirtschaftsWoche: Herr Schilbe, innerhalb weniger Monate hat der Euro gegenüber den wichtigsten Weltwährungen an Wert gewonnen. Was steckt dahinter?
Stefan Schilbe: Der Euro galt lange als Krisenwährung. Bis vor wenigen Monaten litt er unter zwei Faktoren. Zum einen waren die politischen Unsicherheiten im Zusammenhang mit den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich groß. Die Anleger fürchteten einen  Durchmarsch der Populisten. Nachdem dieser ausblieb, hat sich die Stimmung zugunsten des Euros gedreht. Zum anderen hat die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank den Wechselkurs des Euro gedrückt.


Die Geldpolitik ist noch immer sehr locker…
…aber die Aussichten haben sich geändert. Auch wenn die strukturellen Probleme in manchen Ländern, etwa  die faulen Kredite in den Bankbilanzen, noch nicht gelöst sind, so hat sich die Konjunktur dennoch spürbar erholt. Die Wirtschaft in der Eurozone läuft besser als erwartet. Die Kapazitätsauslastung steigt und die Unternehmen investieren mehr. Die EZB kann sich in diesem Umfeld eine weniger lockere  Geldpolitik leisten. Die Anleger wissen das und rechnen in absehbarer Zeit mit einer geldpolitischen Straffung.

Die jüngsten Sitzungsprotokolle der EZB zeigen, dass die Währungshüter Angst vor einem starken Euro haben. Spricht das nicht gegen eine geldpolitische Straffung?
Die EZB hat wenig Grund, sich zu sorgen. Solange der Euro nicht überschießt, können auch die Peripherieländer mit einer stärkeren Währung leben. Sicher, manche Länder haben ihre Wettbewerbsfähigkeit nach den Lohnexzessen der Vorkrisenzeit noch nicht wieder hergestellt. Doch die anziehende Weltwirtschaft und der auflebende Welthandel begünstigen die Exporte auch dieser Länder. Berechnungen für Deutschland zeigen, dass ein Anstieg des Welthandels um ein Prozent mit einem Zuwachs der Exporte um 1,2 Prozent einhergeht. Auch die Exporte der Peripherieländer profitieren von der guten Konjunktur im Ausland stärker als sie durch den Wechselkurs gedämpft werden. Zudem sollten wir nicht vergessen, dass die Bedingungen an den Kapitalmärkten weiterhin  sehr günstig sind. Davon profitieren vor allem die Peripherieländer. Die EZB sollte sich daher nicht von der avisierten geldpolitischen Straffung abbringen lassen.


Mit welchen Maßnahmen seitens der EZB rechnen Sie?
Die EZB dürfte im Herbst ankündigen, ihre Anleihekäufe ab Anfang nächsten Jahres allmählich zurückzufahren. Ende nächsten Jahres dürften diese dann komplett auslaufen.

Was heißt das für den Euro-Kurs?
Der Euro dürfte sich gegenüber dem Dollar bis zum Jahresende  auf etwa 1,20 Dollar verteuern und sich dann vorerst auf diesem Niveau einpendeln. Damit läge er leicht unter seinem fairen Wert.


Wo sehen Sie diesen?
Der faire Wert dürfte etwa bei  1,27 Dollar liegen…

…das bedeutet, dass der Euro noch Spiel nach oben hat.
Bisher wurde der  Euro vor allem durch spekulative Kapitalzuflüsse getrieben. Bei den längerfristigen Portfolioinvestitionen hat sich hingegen noch nicht allzu viel geändert.  Sollten diese in Schwung kommen, dürfte das den Euro zusätzlich stützen.



KONTEXT

Zur Person

Stefan Schilbe

Stefan Schilbe verantwortet als Chefvolkswirt von HSBC Deutschland seit 2001 das "Treasury Research", die volkswirtschaftliche Abteilung der Bank. In dieser Funktion steht er Unternehmen, institutionellen und privaten Investoren bei Kapitalanlagen und Finanzierungen beratend zur Seite. Herr Schilbe ist u. a. Mitglied im "Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik" des Bundesverbands deutscher Banken und in der "Chief Economist´s Group" der European Banking Federation EBF.