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Per Ampel-App an den leeren Strand: So navigiert Portugal seine Touristen

Die Abstandsregel nehmen portugiesische Urlaubsorte ernst. Mit einem Ampelsystem auf dem Handy informieren sie Gäste über den Andrang an den Stränden.

Das Land will am 6. Juni seine Strände öffnen. Foto: dpa

Um in Coronazeiten eine sichere Reise versprechen zu können, müssen sich die Urlaubsländer etwas einfallen lassen. Portugal setzt dabei auf mobile Technik. Wenn das Land am 6. Juni seine Strände öffnet, navigiert es Besucher per App zur leersten Küste.

„Wir haben eine mobile Applikation entwickelt, die Nutzer darüber informiert, wie voll ein Strand schon ist“, sagt der portugiesische Außenminister Augusto Santos Silva dem Handelsblatt. „Sind bereits viele Leute da und man sollte ihn meiden, erscheint ein rotes Licht. Ist ein Strand noch leer, leuchtet es in grün und wenn er sich zu füllen beginnt in gelb – nach dem Prinzip einer Ampel.“ Gäste können damit schon im Hotel entscheiden, zu welchem Strand sie fahren wollen.

An den Flughäfen misst Portugal zudem die Körpertemperatur aller Ankömmlinge. Das Land hat zudem eine eigene Tracing-App entwickelt mit der Nutzer informiert werden können, falls sie Kontakt zu einem Infizierten hatten. Die Nutzung dieser App ist aber freiwillig.

Corona-Tests an Flughäfen sind bislang zwar nicht geplant, aber das könnte sich noch ändern. „Wir reden mit anderen EU-Staaten gerade darüber, ob stichprobenartige Tests sinnvoll sind, ebenso wie die Koordinierung von Tracking-Apps und einigen Mindeststandards für Hygienemaßnahmen“, sagt Santos Vila. „Vertrauen ist derzeit extrem wichtig.“

Das Land hat deshalb ein eigenes Gütesiegel namens „clean & safe“ entwickelt. Restaurants, Hotels oder Wohnungsvermieter können sich für dieses Zertifikat bewerben, das die nationalen Tourismusbehörden vergeben. „Voraussetzung dafür ist, dass die Anbieter bestimmte Hygienestandards und Gesundheitskontrollen einhalten“, sagt der Außenminister.

Portugal will sich auch für britische Urlauber öffnen

Portugal hat die Coronakrise durch frühe Gegenmaßnahmen gut in Schach halten können. So schloss das Land seine Schulen noch bevor es den ersten Toten auf heimischem Boden gab. Mit 143 Todesopfern pro Million Einwohner liegt das Land im weltweiten Ranking auf dem Platz vor Deutschland.

Dennoch macht sich Santos Vila keine Sorgen, dass die Touristen das Virus nun verstärkt ins Land bringen könnten. „Zum einen sinken die Infektionsraten überall in Europa. Wir haben es geschafft, die Ausbreitung des Virus mit den Ausgangssperren zu kontrollieren“, sagt er.

Zum anderen habe das portugiesische Gesundheitssystem sich im Stresstest der Krise bewährt. Aber, so warnt er: „Wir testen jetzt viel mehr, vor allem in der Hauptstadt Lissabon. Deshalb erwarten wir auch leicht steigende Infektionsraten.“ Wichtig aber sei die Zahl derjenigen, die eine Krankenhausbehandlung benötigten oder dort auf die Intensivstationen müssten. Beide Zahlen seien in Portugal sehr niedrig.

Portugal hat in den vergangenen Jahren eine wahren Touristenboom erlebt. Das Land hat in den vergangenen drei Jahren 580 neue Flugverbindungen geschaffen, unter anderem in die USA. Die Einnahmen mit Urlaubsgästen sind in der Zeit um 45 Prozent gestiegen. Der Tourismus macht inzwischen rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Die meisten Urlauber kommen aus Großbritannien – einem Land, das derzeit noch besonders heftig unter der Pandemie leidet. Doch Portugal hat vor, auch sie in der Sommersaison zu begrüßen. „Wir wollen uns auch für britische Touristen zu öffnen“, sagt Santos Vila „Aber bis Ende Juni gilt dort noch eine Quarantäne-Regel für alle, die aus dem Ausland wieder in das Vereinte Königreich einreisen. Wir haben der britischen Regierung vorgeschlagen, danach über einen Luftkorridor zwischen unseren Ländern zu reden.“

Auch Airlines Verlierer der Coronakrise

Doch trotz aller Sicherheitsversprechen und Strand-Apps ist der Regierung in Lissabon klar, dass die Erholung im Tourismus dieses Jahr vor allem auf den inländischen Urlaubern basieren wird. „Wir fordern deshalb alle Portugiesen auf, dieses Jahr ihr eigenes Land zu erkunden“, sagt Santos Vila. „Aber wir glauben, dass wir alle eine gewisse Erholung auf EU-Ebene beim Tourismus und im Transport brauchen, um wieder zur Normalität zurück zu finden.“

Neben der Tourismusbranche sind die Airlines in der Coronakrise die zweiten großen Verlierer. Der portugiesische Staat ist derzeit noch mit knapp 50 Prozent an der nationalen Fluggesellschaft TAP beteiligt.

Doch die braucht nach zwei Monaten Flugausfüllen nun dringend frisches Kapital – das will Lissabon bereitstellen, ähnlich wie die Bundesregierung der Lufthansa zur Hilfe geeilt ist. „Wir arbeiten derzeit mit dem TAP-Vorstand und der EU-Kommission, um einen Plan für die Rekapitalisierung von TAP und neue Regeln für das Management zu entwickeln“, sagt der Außenminister. „Für uns ist TAP sehr wichtig – Portugal hat zwei Inseln mitten im Atlantik und eine große Diaspora auf verschiedenen Kontinenten. Wir müssen die Verbindungen dahin sicherstellen.“

So sei TAP in der Vergangenheit eine der wenigen Airlines gewesen, die Flüge nach Venezuela angeboten haben, weil dort eine große portugiesische Gemeinschaft dort. „Aber wir wollen auch aus geostrategischen Interessen Portugals eine nationale Airline haben. Deshalb laufen die Verhandlungen.“

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