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Paypal-Chef Dan Schulman: „Der Kapitalismus braucht ein Upgrade“

·Lesedauer: 10 Min.

Der Topmanager über den Trend zum kontaktlosen Bezahlen, den Kampf um digitale Geldbörsen - und warum er das Gehalt seiner Mitarbeiter an den Lebenshaltungskosten bemisst.

Paypal-Chef Dan Schulman arbeitet seit Monaten im Homeoffice. Nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen der schweren Waldbrände ist es derzeit im Silicon Valley ratsam, möglichst wenig vor die Tür zu gehen. Weil sich daran vermutlich so schnell auch nichts ändern wird, hat sich Schulman sicherheitshalber die Videotechnologie zu Hause upgraden lassen.

Geschäftlich profitiert Paypal allerdings von den widrigen Umständen. „Das vergangene Quartal war in vielerlei Hinsicht das beste aller Zeiten“, sagt Schulman im Interview mit dem Handelsblatt. 1,7 Millionen neue Händler hätten sich bei Paypal angemeldet – dreimal so viele wie sonst.

Schulman betont, dass Paypal keine Bank werden will und sich als Partner, nicht als Gegner der klassischen Geldhäuser versteht. Gleichzeitig möchte Paypal aber die Banken überflüssig machen, zumindest für jene 2,7 Milliarden Menschen auf der Welt, die bislang noch keinen Zugang zum klassischen Finanzsystem haben.

Der Paypal-Chef ist überzeugt, dass der Kapitalismus reformiert werden muss, wenn er überleben soll: „Ich bin ein großer Fan des Kapitalismus. Aber er braucht ein Upgrade – als Kapitalismus, der auf alle Stakeholder eingeht“, betont Schulman. Der Manager ist überzeugt, dass „eine gesunde Gesellschaft eine Grundlage für erfolgreiche Unternehmen ist“. Die Annahme, dass Sinn und Gewinn im Widerspruch stünden, sei „einfach falsch“.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Schulman, als Vorstandschef eines Silicon-Valley-Konzerns navigieren Sie gerade nicht nur durch die Pandemie, sondern müssen auch noch mit den Waldbränden und ihren Folgen zurechtkommen. Wie klappt das?
Wir ermutigen unsere Mitarbeiter derzeit, wenn möglich drinnen zu bleiben. Das ist einfach Teil der Welt, in der wir momentan leben. Der Klimawandel ist die naheliegende Ursache für die Brände. Und unsere Verantwortung als Unternehmen und als Einzelpersonen ist, alles zu tun, was möglich ist, um dagegen anzukämpfen. Auch wenn das Problem in den kommenden Jahren nicht gelöst werden wird.

Gleichzeitig ist es gut für Ihr Geschäft, dass die Leute zu Hause bleiben und Einkäufe online erledigen. Selbst die Bargeld-Fans in Deutschland schwenken seit Corona um. Wie profitiert Paypal davon?
Unternehmen und Branchen weltweit mussten ihre Digitalisierung wegen der Pandemie beschleunigen. Aber auch Regierungen haben zunehmend digitale Wege benutzt, damit Geld bei ihren Bürgern ankommen. Das gibt uns Rückenwind. Das vergangene Quartal war in vielerlei Hinsicht das beste aller Zeiten. 1,7 Millionen neue Händler haben sich bei uns angemeldet – dreimal so viele wie sonst. Von den 1000 größten Onlinehändlern in Deutschland sind mittlerweile 91 Prozent Kunden von uns.

Sie haben einen Vorstoß beim kontaktlosen Bezahlen gestartet, zunächst mit QR-Codes. Wie kommt das an?
Die Coronakrise zwingt große und kleine Unternehmen dazu, eine Digital-first-Strategie zu implementieren – auch in der analogen Welt. Kontaktlos im Laden bezahlen zu können ist extrem wichtig – für die Mitarbeiter und die Kunden. Unsere QR-Codes sind nun in 28 Ländern verfügbar, auch in Deutschland.

Es ist noch früh, aber es läuft besser, als wir erwartet hatten. Bislang hatten wir die QR-Codes vor allem für Transaktionen zwischen Privatpersonen, um zum Beispiel im Restaurant die Rechnung zu teilen. Aber das System ist sehr einfach einzuführen, gerade für kleine Firmen. Ein Wochenmarkthändler kann einfach seinen QR-Code ausdrucken und an den Stand hängen, damit die Kunden via Paypal-App bezahlen können.

Auch Apple soll an einem QR-Code für seinen Bezahldienst Apple Pay arbeiten. Wie stellen Sie sicher, dass Ihnen andere große Tech-Unternehmen, auf deren Plattform Sie angewiesen sind, nicht das Geschäft kaputt machen?
Als ich vor sechs Jahren zu Paypal gekommen bin, war das genau die Zeit, als Apple Pay startete. Die Frage nach der Konkurrenz verfolgt mich also schon seit dem ersten Tag. Und ich kann nur sagen: Wir sind seitdem stark gewachsen. Unser Vorteil: Wir konzentrieren uns ganz auf digitalen Zahlungsverkehr.

Das ermöglicht es uns, Innovationen zu entwickeln und sie schnell auf den Markt zu bringen. Wir wollen, dass eine Milliarde Menschen uns jeden Tag benutzen. Der Markt ist insgesamt 100 Billionen Dollar schwer, da gibt es viel Platz. Kein Unternehmen wird allein diesen Markt für sich beanspruchen.

Paypal ist ein großer Anbieter von Unternehmenskrediten, in den USA, aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Sehen Sie steigende Ausfallraten angesichts der drohenden Pleitewelle im Mittelstand?
Wir vergeben Kredite vor allem dort, wo sich die Banken zurückgezogen haben. In den USA ist das vor allem in Regionen, in denen Menschen unterdurchschnittlich wenig verdienen. Auch in der Krise verleihen wir weiter in verantwortlichem Maße Geld an Firmen.

Für Unternehmen, die von Frauen und Minderheiten geführt werden, sind wir oft die letzte Hoffnung. Das Erstaunliche ist: Sowohl die Unternehmen als auch Privatpersonen, die Kredite bei uns haben, sind deutlich seltener in Verzug, als wir gedacht hätten.

Wie kommt das?
In dieser Krise sehen wir neue Verhaltensmuster. Viele Leute sind sehr darauf bedacht, ihre Schulden zurückzuzahlen, um dann neue Kredite aufzunehmen. Es hilft, dass Regierungen ihre Wirtschaft mit Hilfspaketen unterstützen. Es ist sicher nicht alles perfekt, aber man muss anerkennen, dass viele Staaten schnell gehandelt haben.

Wenn Sie ein paar Jahre in die Zukunft schauen, wie wird sich unser Bezahlverhalten verändern?
In der Finanzbranche der Zukunft dreht sich alles um digitale Geldbörsen, „Wallets“ genannt. Sie werden Geld direkt in Ihre Wallet einzahlen können via Scheck oder Überweisung. Sie werden Ihre Rechnungen bezahlen und investieren und für Dienstleistungen online und offline bezahlen können.

Und diese digitalen Geldbörsen werden von Paypal angeboten, aber auch von Apple und Google.
Genau. Wir arbeiten auch an sogenannten Nachfragekurven, anhand derer wir feststellen können, was für Produkte Sie wollen und zu welchem Preis. Händler werden dann mit Rabatten entsprechende Gebote für die Produkte abgeben können. Auch werden immer mehr Auszahlungen vom Staat direkt in Ihre digitale Geldbörse geleitet. So können Vermittlungsinstanzen umgangen werden, die nur die Kosten in die Höhe treiben, aber keinen besseren Service bieten.

Sie wollen Banken überflüssig machen?
Es gibt eine Reihe von Kunden, die bei Banken sehr gut aufgehoben sind. Und es gibt eine große Gruppe der Bevölkerung, die keinen oder keinen ausreichenden Zugang zum Finanzsystem hat, rund 2,7 Milliarden Menschen weltweit. Und für alle Segmente muss es Angebote geben.

Wir sind in einer sehr guten Position, Finanzdienstleistungen zu geringen Kosten anzubieten, die auch noch schneller und sicherer sind und jene 2,7 Milliarden Menschen einfacher erreichen. Auch, weil sie ihr Mobiltelefon nutzen können und nicht zu einer Bankfiliale gehen müssen.

Das klingt so, als würden Sie Paypal zu einer globalen Internetbank machen wollen.
Wir haben nicht die Ambition, eine Bank zu werden. Aber wir wollen der wichtigste Finanzdienstleister der digitalen Wirtschaft werden. Es ist denkbar, dass wir dabei direkt mit Banken zusammenarbeiten und einen Teil unserer Dienste als sogenanntes White-Label-Geschäft an Banken lizenzieren. Kein Unternehmen allein kann alles aus einer Hand anbieten.

Die Frage ist daher: Wie arbeiten wir mit anderen zusammen, um das Beste aus allen Angeboten zu bündeln? Wir haben in den vergangenen vier Jahren versucht, die Spannungen in der Branche zu glätten und enger mit den Finanzinstituten zusammenzuarbeiten. In Zukunft muss es mehr und nicht weniger Kooperation geben.

Sie haben zuletzt viele Unternehmen gekauft, vom schwedischen Payment-Anbieter iZettle bis zum Rabattdienst Honey. Was fehlt Ihnen denn noch in Ihrem Portfolio?
Unsere Kassen sind gut gefüllt. Das ist eine Waffe, die wir gegen die Konkurrenz einsetzen werden. In den nächsten 18 Monaten werden wir eine Konsolidierung im Markt sehen, und es wird sich viel verändern: Wir werden neue Dienste für Händler und Konsumenten einführen. Aber wir sind auch intern viel produktiver geworden: Als ich vor sechs Jahren zu Paypal gekommen bin, haben wir acht Softwareupdates pro Jahr herausgebracht. Heute sind es 86 – pro Tag.

Was wollen Sie denn konkret als Nächstes entwickeln – oder kaufen?
Ach, wenn ich jetzt über eine spezielle Branche rede, gehen da überall die Bewertungen hoch. Aber klar ist: Wir wollen alles anbieten, was ein digitaler Geldbeutel können muss.

Facebook hat das mit seiner digitalen Währung Libra auch versucht. Paypal war erst Mitglied und ist dann ausgetreten. Wo steht das Rennen um den digitalen Super-Geldbeutel gerade?
Jeder hat eine andere Herangehensweise und andere Ziele beim Thema Bezahlen. Aber wir sind die zugrunde liegende Plattform für viele Initiativen. Weil wir jedes Quartal viele Milliarden Transaktionen analysieren, haben wir ein sehr ausgefeiltes Betrugs- und Risikomanagement. Deswegen arbeiten Google und andere auch so gerne mit uns zusammen, für die der Zahlungsverkehr kein Teil ihres Kerngeschäfts ist.

Deutschland verdaut derweil noch den Schock um Wirecard. Wie hat sich der Zusammenbruch des Bezahldienstleisters auf Paypal ausgewirkt, und was sind die Konsequenzen für die Branche?
Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich dazu wirklich nichts sagen kann.

Sie sind einer der Vorstandschefs im Silicon Valley, die sich häufig politisch äußern. Sie arbeiten nicht mit Waffenhändlern zusammen, geben Ihren Mitarbeitern am 3. November frei, um zu wählen, und sprechen sich für einen anderen Kapitalismus aus. Gehört das zu den Aufgaben eines Topmanagers?
Zunächst mal: Ich bin ein großer Fan des Kapitalismus. Aber er braucht ein Upgrade – als Kapitalismus, der auf alle Stakeholder eingeht. Bei Paypal ist jeder Mitarbeiter auch unser Aktionär. Wir errechnen das verfügbare Nettoeinkommen all unserer Mitarbeiter nach Steuern und lebensnotwendigen Ausgaben wie Miete. Dieses verfügbare Nettoeinkommen soll für jeden Berufsanfänger oder Callcenter-Mitarbeiter bei Paypal in diesem Jahr auf mindestens 20 Prozent steigen.

Von welchem Ausgangswert?
In einigen Regionen hatten Mitarbeiter nur vier Prozent an verfügbarem Nettoeinkommen über. In weniger als einem Jahr haben wir schon viel erreicht. Derzeit liegt der Wert bei 16 Prozent. Topmanager weltweit haben die moralische Pflicht, unsere gesellschaftlichen Probleme anzugehen. Und wir zeigen, dass das möglich ist. Eine gesunde Gesellschaft ist eine Grundlage für erfolgreiche Unternehmen. Die Annahme, dass Sinn und Gewinn im Widerspruch stehen, ist einfach falsch.

Die Vorstandschefs im Silicon Valley mussten viel Kritik einstecken, egal ob sie nun politisch eingreifen oder sich politisch zurückhalten. Da ist zum Beispiel Facebook mit seiner Entscheidung, Posts von Politikern zu entfernen. Wie sieht die richtige Strategie für Manager in diesem aufgeheizten politischen Klima aus?
Jeder muss da seine eigenen Entscheidungen treffen. Wir können nur über unsere eigenen Handlungen nachdenken. Ich denke, dass Paypal vor allem seinen Werten folgen muss. Wenn man zu politisch wird, verzettelt man sich nur. Es geht in den USA also weniger um Rot oder Blau ...
... die Farben der Republikaner und der Demokraten ...
... als vielmehr um Rot, Weiß, Blau – die Nationalfarben. Themen wie Diskriminierung sollten parteipolitische Grenzen überschreiten. Meiner Ansicht nach sollte jeder gleiche Chancen haben, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Das ist in meinen Augen kein politisches Statement.

Ich trage die Verantwortung dafür, dass wir unseren Werten treu bleiben. Das muss man auch seinen Mitarbeitern und Aktionären kommunizieren. Wenn man das nicht tut, dann ist es nur Propaganda.

Gleichzeitig gibt es viele Unternehmen, die wohlklingende Werte formuliert haben, sich in der Realität jedoch nicht daran halten.
Mein Vater sagte immer: „Du wirst daran gemessen, was du tust, nicht daran, was du sagst.“ Daran halte ich mich so gut ich kann. Im Moment gibt es viele ernsthafte Diskussionen darüber, was es heißt, sich nicht nur auf die Aktionäre zu fokussieren, sondern auch die Mitarbeiter, die Umwelt, die Gemeinden und andere Stakeholder gleichermaßen zu berücksichtigen.

CEOs wollen ernsthaft verstehen, was das für sie heißt. Es gibt einige gute Beispiele, und andere überlegen noch, wie sie das umsetzen. Aber ich bin überzeugt, dass dies eine Bewegung werden wird, die nicht so schnell wieder verschwindet.
Herr Schulman, vielen Dank für das Interview.