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Paukenschlag! Siemens entwickelt eine Windturbine mit 15 MW – der Prototyp soll sich schon 2021 drehen

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
Neue Siemens Offshore-Turbine 2016

15 Megawatt! Das ist eine mächtige Ansage, hinter der sicherlich mehr steckt. Die Siemens (WKN: 723610)-Tochter Siemens Gamesa (WKN: A0B5Z8) setzt sich damit im Vorfeld des Börsengangs von Siemens Energy wieder an die Spitze des Wettbewerberfelds. Hier findest du drei Überlegungen dazu, um Anlegern dabei zu helfen, die Bedeutung dieser Entwicklung abzuschätzen.

Was daran überraschend ist

Schritt für Schritt werden die Turbinen größer. In den frühen 2000er-Jahren ging es mit angepassten 2-Megawatt-Anlagen offshore los. Danach waren lange Zeit 4 bis 6 Megawatt (MW) der Standard und um das Jahr 2015 stießen MHI Vestas und Siemens in Richtung 7 bis 8 MW vor. Ab etwa 2017 begann dann das Rennen um die erste 10-MW-Anlage und im September 2018 war es so weit: MHI Vestas stellte als Erster ein entsprechendes Modell vor.

Siemens setzte zunächst auf hochgerüstete 8- und 9-MW-Versionen, um dann im Laufe des Jahres 2019 mit den Modellen SG 10.0 und SG 11.0 ebenfalls in den zweistelligen Club aufzusteigen. Bereits im März dieses Jahres griff der große Projektentwickler und Anlagenbetreiber Ørsted (WKN: A0NBLH) zu. Windfarmen im Umfang von mehr als 1,1 Gigawatt installierter Kapazität sollen damit in der Nordsee entstehen. Das ist genug, um 1,2 Millionen deutsche Haushalte mit Strom zu versorgen.

Die SG 11.0 verspricht 40 % mehr Leistung gegenüber dem Vorgängermodell SG 8.0 und baut auf langjährig bewährten Komponenten und Technologien auf. Nun ist es so, dass bisher von Managern und Industrieexperten immer wieder zu hören war, dass das Fertigungsvolumen in dieser Branche noch viel zu gering sei. Seit 2011 hat Marktführer Siemens Gamesa schließlich gerade einmal 1.000 Anlagen gebaut – Massenfertigung sieht anders aus. Jede Neuentwicklung kostet Hunderte von Millionen Euro, die man so erst über viele Jahre wieder hereinbekommen kann.

Anlagen im Bereich von 15 MW wurden daher erst für die Jahre nach 2025 erwartet. Da die Serienfertigung der SG 11.0 erst 2022 starten soll, bin ich davon ausgegangen, dass dieses Modell auf Jahre hinaus der Standard sein würde. Schließlich versprachen bereits Modelle dieser Größe Stromgestehungskosten, die fossilen Kraftwerken überlegen sind. Nun erscheint allerdings bereits der Nachfolger namens SG 14.0 am Horizont, der nominal 14 MW leistet, aber im Power-Boost-Modus temporär auch bis 15 MW betrieben werden kann.

Das kann eine 15-Megawatt-Maschine leisten

Schon im nächsten Jahr soll der erste Prototyp der SG 14.0 aufgestellt werden. Danach folgen Tests und Zertifizierungen, ein Prozess, der etwa zwei Jahre dauert. Somit plant Siemens, ab 2024 in die Serienfertigung einzusteigen. Die Ausmaße sind gewaltig: Der Rotordurchmesser von 222 Meter übertrifft die SG 11.0 um 22 Meter. Zum Vergleich: Das Basler Prestigeprojekt, der voraussichtlich 2021 fertiggestellte zweite Roche Tower, wird eine Höhe von 205 Metern aufweisen.

Noch beeindruckender ist die überstrichene Fläche von 39.000 Quadratmetern (knapp 4 Hektar). Laut den Simulationen von Siemens lässt sich damit noch einmal 25 Prozent mehr Windenergie über das Jahr hinweg ernten als mit der ebenfalls bereits beeindruckenden SG 11.0. Dank des Einsatzes von Leichtbautechniken wird die Leistungssteigerung ohne Gewichtszunahme erzielt, sodass die Installationskosten konstant bleiben.

Da eine einzige Turbine genügend Strom produziert, um 18.000 Haushalte zu versorgen, genügt schon ein gutes Dutzend davon, um eine Stadt wie Kiel abzudecken. Geht man von Umwandlungsverlusten im Bereich von 40 % aus, dann lässt sich damit auch eine Kraftstoffmenge produzieren, die etwa 4 Millionen Litern Diesel pro Jahr entspricht. 250 solcher Anlagen in einer großen Offshorefarm könnten folglich zur Herstellung von jährlich 1 Milliarde Liter grünem Diesel (oder entsprechend Methanol oder Ähnliches) genutzt werden.

Warum ich die Bedeutung so hoch einschätze

In letzter Zeit gab es bereits eine Reihe spannender Entwicklungen zu beobachten. Schwimmende Plattformen stehen vor der Marktreife, neue Länder beginnen, sich konkret für die Technik zu interessieren, und die Wasserstoffwirtschaft steht dank großer Fortschritte bei den Elektrolysekosten kurz vor dem endgültigen Durchbruch. Das alles dürfte für enorme Impulse sorgen.

Gleichzeitig intensiviert sich aber auch das Wettbewerberfeld. Während Siemens Gamesa und MHI Vestas jahrelang fast unbehelligt ein Duopol bilden konnten, meldet nun General Electric (WKN: 851144) mit seiner 12-Megawatt-Turbine Haliade-X Ansprüche an. Außerdem war auch die chinesische Konkurrenz nicht untätig. Zuletzt stellte ein Rivale nach dem anderen ein Modell im Bereich von 10 MW vor. So wie es sich für mich darstellt, bereitet China eine größere Offensive vor, um Marktanteile zu erobern.

Siemens versetzt solchen Ambitionen nun erst einmal einen Schuss vor den Bug. Die 15-MW-Turbine, deren Technik sich über fünf Anlagengenerationen hinweg bewährt hat, sollte sicherstellen, dass man die Poleposition verteidigen kann. Es ist eine Kampfansage, die noch eine weitere Sache signalisiert: Das Management rechnet offenbar mit einer massiven Volumenausweitung in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. Nur so kann sich die schnelle Folge aus immer noch stärkeren Modellen lohnen.

Für Anleger sind das großartige Nachrichten. Hier könnte schon bald zusätzliche Dynamik entstehen, die nicht nur Siemens Gamesa zugutekommt, sondern der gesamten Branche entlang der Wertschöpfungskette. Es könnte sich daher lohnen, an diesem Thema dranzubleiben und sich frühzeitig mit passenden Aktien zu positionieren, bevor der 15-Megawatt-Turbo gezündet wird.

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Ralf Anders partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens und Siemens Gamesa. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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