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Warum pathologische Lügner so gerne flunkern – und was sie damit erreichen wollen

(Symbolbild) Wieso flunkern pathologische Lügner eigentlich? - Copyright: Getty Images/ LaylaBird
(Symbolbild) Wieso flunkern pathologische Lügner eigentlich? - Copyright: Getty Images/ LaylaBird

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research ergab im Jahr 2016, dass ungefähr 60 Prozent der Deutschen täglich lügen. Dabei sind Lügen zwar verpönt, aber eben auch notwendig, um in einer Gesellschaft gut miteinander auszukommen. Oder sagt ihr etwa immer die Wahrheit, wenn euch jemand fragt, wie es euch geht oder teilt ungefiltert eure Meinung kund?

Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn Menschen nicht mehr mit dem Lügen aufhören können. Sogenannte pathologische Lügner verstricken sich in Lügen, bis sie sich zuletzt in hochkomplexen Lügengebilden wiederfinden. Auf Außenstehende erscheint das oftmals sinnlos. Der Psychologieprofessor Christian L. Hart ist sich jedoch sicher: Diese Lügen ergeben sehr wohl Sinn und lassen gar tief in die Psyche eines pathologischen Lügners blicken.

Vom Zwang, Lügen zu erzählen

Der Begriff der sogenannten Pseudologie (Fantastica) leitet sich von dem altgriechischen Wort „pseudos“ ab, was so viel wie „falsch“ bedeutet. Er beschreibt das Verhalten einer Person, wiederholt und zwanghaft Lügen zu erzählen. Geprägt wurde er durch den Psychiater Anton Delbrück im Jahr 1891 in seinem Buch „Die pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler“. Heute hat sich auch der Begriff des pathologischen Lügens durchgesetzt.

Pathologische Lügner wirken nach außen oft selbstsicher und charismatisch. Problematisch wird es jedoch, sobald ihre Ausführungen als Lügengebilde entlarvt werden. Oftmals kommt dann die Frage auf: Wieso können es pathologische Lügner nicht lassen, solche Unwahrheiten zu erfinden? Ist dieses Verhalten nicht völlig sinnbefreit? Letzteres verneint der Psychologieprofessor Christian L. Hart in einem Artikel auf "Psychology Today".

Neun von zehn Menschen haben bereits einen pathologischen Lügner kennengelernt

Er habe sich seit vielen Jahren mit dem Thema der Pseudologie beschäftigt. Dabei sei ihm immer wieder aufgefallen, dass pathologische Lügen oft als sinnlos, unvernünftig und zweckfrei abgestempelt werden. So schreibt etwa die Psychologin Cheryl Birch über eine junge pathologische Lügnerin: „Es ist klar, dass ihre Lügen nie aus einem der üblichen äußeren Motive heraus entstanden sind. Ihre Lügen waren keine altruistischen Notlügen, und sie hat nicht gelogen, um Geld, Sex oder einen höheren Titel (Macht) in ihrem äußeren Umfeld zu erlangen."

Eine eigene Erhebung von Hart zeigt Ähnliches. So hat er zusammen mit seiner Kollegin Renee Birch 251 Personen danach befragt, ob sie jemals einen pathologischen Lügner getroffen haben. Ganze 91 Prozent haben dies bejaht. Weiter schätzten diese Personen ein, dass etwa 49 Prozent der ihnen aufgetischten Lügen keinen ersichtlichen Grund hatten.

Doch: Nur weil man die Motive einer Lüge nicht direkt erkennen kann, heiße das nicht, dass die lügende Person keine Motivation dafür habe, sagt Hart. Zahlreiche menschliche Motivationen seien im Inneren begründet und für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar.

Genaue Zahlen, wie viele pathologische Lügner es auf der Welt gibt, existieren im Übrigen nicht, da die Pseudologia Fantastica in der Bibel der Psychiatrie, dem ICD (der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) nicht als Einzelphänomen verzeichnet ist.

Frau Bett
Frau Bett

Was pathologische Lügner antreibt

Der Psychiater Charles Ford ist sich sicher, dass es ein verzerrtes Bedürfnis nach Selbstwertgefühl ist, welches manche Menschen zu pathologischen Lügnern werden lässt. Auch die Psychologin Birgit Lesch sagt: „Sie lügen aus einem inneren Zwang heraus, um ihr beschädigtes Selbstwertgefühl aufzuwerten."

Hart sieht in einer pathologischen Lüge vor allem den Versuch, an Dinge wie Liebe, Verbindung und Gefühle von Wert zu kommen. Laut ihm haben Betroffene schlicht keinen ehrlichen Weg gefunden, anders an diese Dinge zu kommen. Die innere Motivation eines pathologischen Lügners sei also der Wunsch nach Aufmerksamkeit. Während manche Menschen diese ganz natürlich zu bekommen scheinen, haben Pseudologen das Gefühl, extra provokant auftreten zu müssen. Dafür erfinden sie ausgefallene Geschichten.

Laut einem Beitrag der AOK liegen die Gründe dafür oftmals in der Kindheit. So gebe es Berichte von Betroffenen, die als Kind vernachlässigt oder missbraucht wurden und die sich daher in eine Scheinwelt zu flüchten versuchten. Hier bekamen sie die Aufmerksamkeit und Zuwendung, nach der sie sich sehnten. Greifen Erwachsene auf pathologische Lügen zurück, dient das also der seelischen Entlastung.

Über CIA-Agenten und unheilbar Kranke

Besagte Scheinwelten können dabei gar nicht fantastisch genug sein. So schlüpfen pathologische Lügner oftmals in verschiedene Rollen, um sich die Anerkennung und Zuwendung ihrer Mitmenschen zu erschwindeln. Das kann Hart zufolge in zwei Richtungen abdriften: Entweder sie spielen den Helden oder sie inszenieren sich als Opfer. So erfinden manche etwa Geschichten darüber, wie sie als geheime CIA-Agenten die Welt gerettet haben. Während andere vorgeben, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Zwar kennen Betroffene den Unterschied zwischen Realität und Lüge, jedoch steigern sie sich derart hinein, dass sie bald selbst an ihre Lüge glauben. Ein Umstand, der sie ihre Lügen nur noch besser verkaufen lässt.

So sinnbefreit das für Außenstehende wirken mag: Pathologische Lügner versprechen sich einen Nutzen aus ihrer Unwahrheit. Für den Preis der Anerkennung nehmen sie sogar in Kauf, entlarvt zu werden – und die Anerkennung auf die Art wiederum zu verlieren. Geschieht dies, ist das aber oft kein Grund, dem Lügen zu entsagen. Vielmehr brechen pathologische Lügner dann einfach den Kontakt ab und wenden sich neuen Menschen zu, die willig sind, ihre Geschichten zu glauben.

Hart fasst zusammen: „Mit anderen Worten: Pathologische Lügner haben ihre Gründe. Es sind einfach Gründe, die den meisten von uns absurd erscheinen.“

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