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Pasta boomt in der Pandemie: Nudel-Zug rollt bald viermal wöchentlich über die Alpen

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In der Pandemie trösten sich die Menschen mit Nudeln. Der Export aus Italien boomt: Marktführer Barilla schickt tonnenweise Pasta nach Deutschland.

Nicht nur Toilettenpapier war Mangelware zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr, auch die Nudeln wurden knapp. Für Italien war das deutsche Hamstern eine gute Nachricht mitten in der tiefen Rezession, in die das Land seit Februar gefallen ist: Alle Wirtschaftsindikatoren sind negativ, doch die Pasta-Exporte boomen.

Um 30 Prozent sind sie global zwischen Januar und Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen, und das trotz – oder gerade wegen – des Lockdowns. Das zeigen aktuelle Zahlen der Statistikbehörde Istat. 60 Prozent der gesamten Nudelproduktion Italiens gehen in den Export.

Über den Pasta-Boom freut sich Nudelunternehmer Paolo Barilla besonders. „Der Anstieg sagt uns, dass Pasta allen schmeckt und Nudeln in den Monaten des Lockdowns das Lieblingsgericht waren“, sagt der 59-Jährige. Er ist Vizepräsident des Familienunternehmens, das sein drei Jahre älterer Bruder Guido als Verwaltungsratsvorsitzender leitet. Auch Bruder Luca ist in der Geschäftsführung. Paolo ist seit 2016 zudem Präsident der International Pasta Organisation.

„Schon seit einigen Jahren läuft das Geschäft in Deutschland gut“, erklärt der Manager mit der Rennfahrervergangenheit. Das Unternehmen aus Parma ist mit einem Anteil von 22 Prozent bei Nudeln Marktführer in Deutschland, bei den Saucen sogar mit 40 Prozent.

„Während der Pandemie ist die Nachfrage gestiegen – und das nicht nur in Deutschland, auch in Italien und auf der ganzen Welt sehen wir einen erhöhten Pasta-Konsum“, so Barilla. Wenn man viel zu Hause sein müsse, seien Nudeln ein einfaches, für alle erschwingliches Nahrungsmittel. „Pasta bringt die Menschen zusammen“, sagt Paolo Barilla.

Und damit der Nachschub nach Norden klappt, hat Barilla seine Pasta auf die Schiene gepackt: Seit Ende Juni fahren jede Woche drei Züge die 839 Kilometer lange Strecke von Parma nach Ulm über Mailand, Luzern, Basel, Straßburg, Karlsruhe und Stuttgart. In der Nähe von Ulm, in Langenau, ist das deutsche Zentrallager von Barilla.

In jedem Zug fahren 16 Waggons mit 32 Containern, die rund 490 Tonnen Nudeln transportieren. Das sind eine Million Packungen. Dazu kommen 60 Tonnen Saucen und 40 Tonnen Pesto. „Das Basilikumpesto ist der Bestseller in Deutschland“, meint Paolo Barilla, „es gefällt vor allem den jungen Konsumenten.“

Seit März fahren die Züge, zunächst waren es zwei pro Woche. War das gezielt geplant? „Nein, wir arbeiten seit Jahren daran, unsere Produkte und logistischen Prozesse nachhaltiger zu gestalten“, antwortet er. Aber es sei nicht leicht gewesen, ein integriertes, pünktliches System zu entwickeln. Das habe gedauert. „Anfang des Jahres waren wir fertig und konnten starten, als die ersten Einschränkungen im Transport wegen der Pandemie kamen.“ In Italien kam zum Lockdown ein rund zweimonatiger Produktionsstopp hinzu – bis auf die Produktion lebenswichtiger Güter. Und Nudeln gehörten zu diesen.

Doch dem Manager geht es um etwas anderes: um Nachhaltigkeit. Immer wieder bringt er das Gespräch auf die Strategie der Gruppe, die 2019 einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro erzielte und Weltmarktführer bei Pasta ist.

Klimaschutz und Nachhaltigkeit

„Mit unseren eigenen Zügen, die mittlerweile 95 Prozent des Transports nach Deutschland ausmachen, konnten wir 5000 Lastwagen einsparen“, erklärt er. Damit verringert sich der CO2-Ausstoß im Vergleich zum Straßentransport um durchschnittlich 70 Prozent pro Jahr. Es geht um eine Reduzierung von 6000 Tonnen CO2. Eine effiziente Logistik sei Teil der Barilla-Strategie „Vom Feld auf den Tisch“, zu der auch Verträge mit Bauern für einen nachhaltigeren Ansatz in der Landwirtschaft gehören.

„Wir verbessern kontinuierlich das Nähwertprofil unserer Produkte. Daher reduzieren wir stetig den Fett-, Salz- und Zuckergehalt und haben bereits vor vier Jahren Palmöl aus all unseren Produkten verbannt“, sagt Barilla. Und das Getreide für die Nudeln kommt inzwischen komplett aus Italien.

„Barilla hat schon seit einiger Zeit den Weg zur Nachhaltigkeit eingeschlagen und wendet das Prinzip der ,Triple Bottom Line‘ an. Was zählt, sind Menschen, der Planet und der Gewinn“, meint Alessandro Zattoni, Direktor der Unternehmens- und Managementabteilung der Wirtschaftsuniversität Luiss in Rom. „Das Unternehmen hat die Strategie und auch die operativen Prozesse neu ausgerichtet, um nachhaltigen Mehrwert zu schaffen.“

Barilla blickt auf eine lange Tradition zurück. Der Urgroßvater der Brüder, Pietro Barilla, eröffnete 1877 in Parma ein Geschäft, in dem er Nudeln und Brot verkaufte. Heute arbeiten weltweit 8000 Angestellte für den Konzern, der nicht an der Börse ist. Zu den Produkten gehören neben Pasta und Saucen auch Kekse und Kuchen. Außerdem hat Barilla den Knäckebrothersteller Wasa gekauft. In Deutschland endete die Übernahme der Bäckereikette Kamps im Jahr 2002 unrühmlich. 2010 verkaufte Barilla sie wieder.

„Passion und Leidenschaft treibt uns alle an, wir möchten auch weiterhin einen Unterschied machen und werden auch in Zukunft entsprechend investieren“, sagt Paolo Barilla über sich und die Unternehmerfamilie, die wie viele andere einen externen CEO geholt hat. Bis 2024 soll eine Milliarde Euro investiert werden – in Italien. In diesem Jahr hat Barilla bereits andere Marken wie Pasta Zara zugekauft und ein neues Werk gebaut.

Allein in Italien liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Nudeln pro Jahr unerreicht bei 23,1 Kilo. Sechs von zehn Italienern essen täglich Nudeln. „In Deutschland sind es zehn Kilo pro Kopf, das ist viel“, meint Barilla. „Vor 20 Jahren waren Nudeln ja nur eine Beilage, heute ist das anders.“

Marktanteil in Italien steigt noch

Zum „World Pasta Day“ präsentierte das Marktforschungsinstitut Doxa kürzlich erstaunliche Zahlen: Demnach aß jeder vierte Verbraucher in Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und in den USA während des ersten Lockdowns mehr Nudeln. Pasta wurde zum Soulfood. Weltweit wurde 2019 mit rund 16 Millionen Tonnen mehr als doppelt so viel produziert wie noch vor 20 Jahren, damals waren es sieben Millionen.

„Als Italiener sind wir sehr stolz auf unsere Pasta-Tradition“, sagt Barilla. „Alle Hersteller sind Familienbetriebe, die seit mehr als 100 Jahren aktiv sind. Keiner gehört zu einem Multi.“ In Italien hat Barilla einen Marktanteil von rund 30 Prozent, Tendenz steigend.

In Italien gibt es Hunderte von Pasta-Arten. Jede Region hat ihre Tradition und einen eigenen Namen für ihre Nudelsorte. Doch Spaghetti machen die Hälfte der weltweiten Nudelproduktion aus. „Auch in Deutschland liegen wie in Italien Spaghetti auf dem ersten Platz. Dazu kommen Farfalle, Maccheroni, Penne und Rigatoni“, erklärt Paolo Barilla. Wenn er einmal selbst kocht, dann ist es ein schlichtes Rezept: Spaghetti mit Olivenöl und Parmesan.

Das Geschäft boomt für Barilla weiter während der zweiten Corona-Welle. Demnächst sollen nicht drei, sondern vier Pasta-Züge pro Woche nach Deutschland fahren.