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„Dem Osten geht es besser als er selbst denkt“

·Lesedauer: 3 Min.

Wie man die Deutsche Einheit im 30. Jahr beurteilen sollte? Voller Stolz und Respekt für das Erreichte, findet Ökonom Karl-Heinz Paqué. Der bisweilen verbreitete Eindruck einer unvollendeten Wende sei vollkommen falsch.

Karl-Heinz Paqué, 63, lehrt Internationale Wirtschaft an der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg und ist Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Paqué, Ihr jüngstes Buch „Gespaltene Nation? Einspruch!“, das sie gemeinsam mit dem Theologen Richard Schröder geschrieben haben, liest sich wie eine Ehrenrettung der Deutschen Einheit. Ist eine Ehrenrettung denn nötig?
Karl-Heinz Paqué: Sagen wir es so: Eine faktenbasierte Bestandsaufnahme nach 30 Jahren Einheit, gerade auch wirtschaftspolitisch, kann eigentlich nur zu einem positiven Schluss kommen. Es wurde viel geschafft, eine Menge erreicht.

Aber?
Die Stimmung ist deutlich schlechter als die Lage. Und das treibt mich um.

Wie erklären Sie sich diese Kluft zwischen Fakten und Gefühl?
Einmal sicher damit, dass wir Deutschen eben zu Pessimismus neigen. Der Optimismus liegt uns nicht so recht. Aber das ist nur ein Teil der Erklärung. Ein zweiter Grund ist in dem Temperatursturz namens AfD zu finden, dazu in Begleitphänomenen wie Pegida, die gerade im Osten sehr stark waren. Das hat das politische Klima abgekühlt, gesellschaftliche Spannungen aufgeladen. Dies trägt zum Eindruck einer unvollendeten Wende bei.

Wer hinter die sanierten Altbaufassaden schaut, der findet in den Statistiken auch immer noch sehr viele Ungleichheiten zwischen Ost und West…
…und gleichzeitig offenbaren die Daten einen – alles in allem! – großartigen Aufhol- und Erneuerungsprozess. Die Neunzigerjahre waren ohne Zweifel von einem harten Strukturwandel geprägt, der eine Generation gezeichnet hat. Seitdem jedoch sind weitere zwei Jahrzehnte vergangen! Insbesondere seit etwa 2005 erleben wir sehr viele Entwicklungen, die Mut machen, mehr als Mut. Die Bilanz der dreißig Jahre wird zu sehr aus Perspektive des ersten Drittels erzählt.

Was genau macht Ihnen Mut?
Alle größeren ostdeutschen Städte wachsen zum Beispiel längst wieder. Da entstehen attraktive urbane Kulturen, die aus sich heraus wieder Neues schaffen können. Berlin wandelt sich so langsam auch zu einem wirtschaftlichen Magneten, von dem ein ganzer Ring von Mittelzentren profitiert.

Tesla in Grünheide…
…könnte eines Tages im Blick zurück vielleicht als entscheidende Wegmarke erscheinen, ja. Oder denken Sie an Siemens, die in Spandau an eine große, ehrwürdige Tradition anknüpfen wollen. Kurzum: Dem Osten geht es besser als er selbst denkt. Diese Erkenntnis ist nur manchmal schwer in die Köpfe zu kriegen.

Und wo hapert es noch?
Ganz sicher bei der Innovationskraft. Forschung und Entwicklung, gerade in Privatunternehmen, befinden sich noch lange nicht auf west- oder gar süddeutschem Niveau. Da merkt man die sehr kleinteilige Ostwirtschaft noch sehr deutlich. Eine Gründerszene immerhin entwickelt sich so langsam, da scharrt eine „neue Generation Aufbruch“ mit den Füßen. Kein Dax-Konzern wird seine Zentrale in den Osten verlagern, es müssen stattdessen junge Unternehmen in diese Rolle hineinwachsen.

Wo spüren Sie diesen neuen Geist besonders stark?
Insbesondere an den Hochschulen, natürlich. Nehmen Sie meine eigenen Studierenden: Die treiben Digitalisierung und Globalisierung um, so wie überall anders auch. Ossi und Wessi sind für die keine Kategorien mehr, die Treuhand müssen viele googlen, das ist für die kein biografisches Brandmahl mehr. Das sind Einheitskinder, denen das nicht einmal bewusst ist – und das ist wunderbar.

Mehr zum Thema: Der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit markiert einen Wendepunkt: Der Osten gewinnt nicht nur an Dynamik und wirtschaftlicher Stärke – sondern auch an Optimismus und Selbstbewusstsein.