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Osram-Chef Berlien: „Ich bedauere, dass wir AMS nicht selbst übernommen haben“

·Lesedauer: 8 Min.

Ex-Siemens-Tochter Osram verliert ihre Unabhängigkeit. Der Vorstandschef erklärt, wie es dazu kommen konnte, dass die kleinere AMS den größeren Osram-Konzern übernimmt.

Osram-Chef Olaf Berlien hat angesichts der Übernahme durch den kleineren österreichischen AMS-Konzern Fehler eingeräumt. „Ich bedauere, dass wir AMS nicht selbst gekauft haben“, sagte Berlien im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die beiden Unternehmen passten aber gut zusammen. „Wir Berliner würden sagen: Am Ende ist es wurscht, wer wen übernimmt.“

Am Dienstag sollen die Osram-Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung dem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit AMS zustimmen. Damit verliert der Traditionskonzern weitgehend seine Unabhängigkeit.

„Wir haben verdammt viele Dinge richtig gemacht, aber wir haben sicherlich auch Fehler gemacht“, sagte Berlien. So habe Osram zum Beispiel darauf gesetzt, dass die Digitalisierung im Gebäude schneller vorangeht. „Das findet de facto ganz, ganz langsam statt. Das haben wir zu optimistisch eingeschätzt.“

Auch sei man wie die gesamte Branche das Thema autonomes Fahren euphorisch angegangen. Doch auch dies werde eher langsam kommen. „Auch wir haben uns da verschätzt.“ Zudem seien die Gewinnwarnungen, die Osram in den vergangenen Jahren herausgegeben habe, „auch ein Osram-Problem“. Es habe zuweilen zu lange gedauert, bis Zahlen dem Vorstand gemeldet worden seien. Das sei aber mittlerweile abgestellt.

Die Transformation vom Glühbirnenhersteller zum modernen LED-Anbieter habe Osram aber sehr gut gemeistert, sagte Berlien. „Mit der Halogen- und der Glühlampe wären wir irgendwann untergegangen.“ Am Automobilgeschäft will der neue AMS-Osram-Konzern nach seinen Angaben festhalten.

Berlien betonte, dass er entgegen Spekulationen auch nach der Übernahme seinen Vertrag, der noch gut zwei Jahre läuft, erfüllen werde: „Ich verhandle nicht über einen Abschied.“ Er wolle die Entwicklung des neuen Konzerns weiter begleiten. „Ich habe viel Freude daran.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Berlien, am Dienstag sichert sich der neue Eigentümer AMS den Durchgriff und Osram verliert die Unabhängigkeit. Ein trauriger Tag für Osram?
Das ist ungefähr so, wie wenn man aus dem Single-Leben in eine Ehe geht. Wir wollten AMS ja auch kaufen. Es war nur die Frage, wer wen fragt. Die beiden Unternehmen passen exzellent vom Produktportfolio zusammen.

Bei einer Ehe sind beide gleichberechtigt. Doch im neuen Konzern hat eindeutig AMS das Sagen.
Ich würde nicht sagen, dass weltweit alle Ehen gleichberechtigt sind.

Dann anders gefragt: Bereuen Sie es, dass Sie AMS nicht vor drei, vier Jahren übernommen haben, als die Österreicher noch deutlich kleiner waren? Unabhängigkeit ist ja schon auch ein Wert an sich.
Ja, ich bedaure, dass wir AMS nicht selbst gekauft haben. Das ändert aber nichts daran, dass die beiden Unternehmen gut zusammenpassen. Hauptsache, wir kommen zusammen. Wir Berliner würden sagen: Am Ende ist es wurscht, wer wen übernimmt.

Das sehen in Ihrer Zentrale nicht alle so.
Das stimmt. Aber wenn man etwas Neues kreiert, gibt es immer welche, die Aufgaben dazubekommen, und welche, die etwas verlieren. Und Letztere sehen das immer kritischer. Aber München bleibt als Co-Zentrale erhalten. AMS hat hier bereits eine Etage bezogen.

Welche Fehler haben dazu geführt, dass AMS der Käufer ist und Osram, der eigentlich größere Konzern, nur das Kaufobjekt?
Es wäre verkehrt zu sagen, man hätte keine Fehler gemacht. Wir haben verdammt viele Dinge richtig gemacht, aber wir haben sicherlich auch Fehler gemacht.

Nämlich?
Wir haben zum Beispiel darauf gesetzt, dass die Digitalisierung im Gebäude – die sogenannte digitale Decke – viel schneller vorangeht. Das findet de facto ganz, ganz langsam statt. Das haben wir zu optimistisch eingeschätzt.

Waren Sie in der Transformation von der Glühbirne zu digitalen Anwendungen zu langsam? AMS wächst mit seinem Portfolio schneller.
Ich glaube, in dem Fall haben wir alles richtig gemacht. 80 Prozent unseres Umsatzes sind durch Marktentwicklungen verloren gegangen oder gehen gerade verloren. Das ist ja nicht nur die Glühlampe, sondern es sind auch Energiesparlampen, Halogenlampen und der Wechsel von herkömmlicher zu digitaler Steuerung. Das Problem hat AMS nicht. Wenn das für Sie nur ein kleines Geschäft ist oder eine Nische, können Sie das wegschneiden. Aber wir waren ja überall Weltmarktführer. Die Transformation haben wir extrem gut gemacht – und zwar mit den Arbeitnehmern und nicht gegen die Gewerkschaften.

Aber waren Sie konsequent genug? Ihre Digitalsparte ist ein Sammelsurium von kleineren Aktivitäten.
Neue Geschäftsfelder zu finden ist schwer. Das ist immer „trial and error“. Die Felder sind ja schon besetzt, da wartet die Welt nicht auf Osram.

Wo lagen Sie falsch?
Ein völliger Hype war in der gesamten Branche das Thema autonomes Fahren. Da sind wir alle mit Begeisterung rein und stellen nun fest: Das wird eher langsam kommen. Auch wir haben uns da verschätzt. Aber das ist Unternehmertum: Man fährt auch mal eine Zeit lang in die falsche Richtung. Aber das ist besser, als aus Angst gar nichts zu unternehmen.

War Ihr Flirt mit den Finanzinvestoren ein Fehler? Sie hatten ja auf eine Übernahme durch Private Equity gesetzt. Das hat andere Interessenten wie AMS erst auf den Plan gerufen.

Anfangs sind die Finanzinvestoren an uns herangetreten, dann bekommt das eine Eigendynamik, weil man auf dem Silbertablett ist. Aber ich habe das als echte Chance gesehen. Wir wollten Osram von der Börse nehmen und hätten im privaten Umfeld die Transformation in Ruhe fortsetzen können.

Es gibt in der Osram-Mannschaft noch viele Vorbehalte gegenüber AMS. Die Österreicher seien nicht sehr transparent, es gibt zudem Ermittlungen wegen Geschäften mit der AMS-Aktie.
Das mit den Aktien sind Gerüchte, zu denen ich nichts sagen kann. Es ist richtig, dass wir mehr kommunizieren, ich weiß aber nicht, ob mir das immer zugutegekommen ist. Als Frühzykliker müssen wir als Erste raus, das gilt auch für die Gewinnwarnungen. So sind wir für unsere Korrekturen verhauen worden. Die, die später folgten, hatten es leichter.

Haben die vielen Gewinnwarnungen von Osram das Unternehmen weidwund für eine Übernahme gemacht? Und waren die unvermeidlich, oder gab es da auch ein Osram-Problem?
Natürlich waren die Gewinnwarnungen auch ein Osram-Problem. Es hat zuweilen zu lange gedauert, bis Zahlen bis in den Vorstand gemeldet wurden. Inzwischen funktioniert das Zusammenspiel von Vertrieb, Finanzen und Geschäftsführung aber.

Eine der größten Sorgen der Mitarbeiter ist, dass AMS Osram zerschlagen wird. Die Digitalsparte steht auf dem Prüfstand, auch um das Automotive-Geschäft gibt es Gerüchte.
Wir haben das Thema lange mit AMS diskutiert. Wir sind uns einig, dass die Chipsparte OS und Automotive Kerngeschäfte sind. Wir haben das alles in der Zusammenschlussvereinbarung unterschrieben.

Das Autogeschäft wird also nicht verkauft? Auch nicht die herkömmlichen Produkte wie Halogenlampen?
Das Autogeschäft wird nicht verkauft. Die traditionellen Autolampen sind extrem renditestark. Und es sind weltweit noch 1,3 Milliarden Fahrzeuge mit Halogenlampen unterwegs. Es wäre töricht, diesen Markt nicht zu bedienen.

Das Autolicht der Zukunft wollten Sie eigentlich mit Continental entwickeln. Doch das Gemeinschaftsunternehmen erwies sich als Flop, es wird nach hohen Abschreibungen sogar rückabgewickelt.
Zu einer Partnerschaft gehören immer zwei. Da gibt es eine Vielzahl von Gründen, warum Conti nicht mehr die große Freude an dem Thema hatte, und das muss man akzeptieren. Es sind ja auch keine gewöhnlichen Zeiten, in Zeiten von Corona muss jeder seine Prioritäten setzen. Wir werden aber weiter zusammenarbeiten. Wir haben fast 1,5 Milliarden Euro Auftragseingang. Die Technik ist gut, und wir werden die Aufträge auch erfüllen. Nur nicht in einer Partnerschaft, sondern als Zulieferer.

Größtes Problem des neuen AMS-Osram-Konzerns könnte die hohe Verschuldung sein. Der Kaufpreis wurde größtenteils kreditfinanziert. Wäre eine Fusion unter Gleichen nicht besser gewesen?
Bei einer solchen Fusion hätte man kein Fremdkapital aufnehmen müssen, das stimmt. Doch die Anteile der Investoren wären verwässert worden.

Aber kann das neue Unternehmen den Schuldenberg abtragen?
Ja, der neue Konzern ist extrem stark beim Free Cashflow aufgestellt. Auch Osram hat in der Coronakrise kein Geld verbrannt. Das ist schon eine enorme Leistung.

Wie groß sind Ihre Corona-Sorgen aktuell?
Die Sorgen nehmen wieder etwas zu. Die Einschläge kommen wieder näher.

Fürchten Sie einen zweiten Lockdown?
Ich glaube nicht, dass er so kommen wird wie im März. Sorge bereitet mir, dass die Infektionen vor allem im Privatumfeld passieren. Hier muss gehandelt werden. Bei Osram hatten wir nur 74 Corona-Fälle – in 21 Werken weltweit!

Derzeit läuft es bei Ihnen – vor allem, weil sich China so schnell erholt. Ist Ihnen die große Abhängigkeit von China etwas unheimlich?
Es ist echt irre, wie schnell China aus der Krise herausgekommen ist. Wir sind in China schon wieder über Vorjahr. Europa braucht da länger. Aber es läuft auch in anderen Märkten schon wieder besser. Die Menschen fahren wegen der Pandemie mehr Auto, das hilft unserem Lampengeschäft, und sie kaufen auch wieder mehr Autos – in den USA zum Beispiel.

Sie sind also für die kommenden Monate vorsichtig optimistisch. Werden Sie denn CEO bleiben? Bei solchen Übernahmen ist der Vorstandschef oft bald weg.
Mein Vertrag läuft noch zweieinhalb Jahre. Natürlich werde ich die Entwicklung weiter begleiten, ich habe viel Freude daran!

Sie verhandeln nicht über einen vorzeitigen Abschied? Es gab da Spekulationen.
Nein, ich verhandele nicht über einen Abschied.

Manche im Unternehmen nennen Sie „die Katze“, weil Sie alle Krisen im Amt überlebt haben. Zum Beispiel, als der damalige Großaktionär Siemens Ihre Strategie kritisierte und Ihnen in einem einmaligen Akt sogar die Entlastung auf der Hauptversammlung verweigerte.
Das war eine schwierige Zeit. Da muss man sicher auch Nehmerqualitäten haben. Ein guter Manager ist nicht nur ein Schönwetterkapitän und muss auch bei Sturm am Ruder stehen. Der Druck war sehr groß. Doch es war eben eine verrückte, wilde, aber interessante Zeit!

Wie sehen Sie im Moment Ihre eigene Rolle in den vergangenen Jahren? Sind Sie der Totengräber der unabhängigen Osram oder der große Transformator?
Ich glaube, wir haben erfolgreich die Transformation hinbekommen. Das neue Unternehmen geht in eine gute, interessante Zukunft. Es ist der Champion für Sensorik und Illumination. Damit hat es wieder viele Jahre vor sich, die es erfolgreich arbeiten kann. Mit der Halogen- und der Glühlampe wären wir irgendwann untergegangen.

Herr Berlien, vielen Dank für das Interview.