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Nur die reichsten Privatkunden zahlen Negativzinsen

Von den Minuszinsen der Volks- und Raiffeisenbanken sind nur wenige Kunden betroffen. Doch die Zahlen deuten auf eine Tendenz vieler Geldhäuser hin.

Zahlreiche Volks- und Raiffeisenbanken aus Bayern veranschlagen bei vermögenden Kunden Minuszinsen. Laut dem bayrischen Genossenschaftsverband (GVB) gilt das für etwa ein Drittel der 227 Geldhäuser. Das schließt allerdings nur wenige der rund 6,4 Millionen Privatkunden ein. Hochrechnungen des Verbandes zufolge sind derzeit rund 28.000 Kunden, also weniger als 0,5 Prozent, von den Strafzinsen betroffen.

GVB-Chef Jürgen Gros sagte am Dienstag: „Der durchschnittliche Privatkunde einer Volksbank oder Raiffeisenbank hat weniger als 20.000 Euro auf seinem Konto liegen. Das ist weit unterhalb der Grenzen, bei denen man anfängt, über Negativzinsen nachzudenken.“

Bisher ist bundesweit von rund 90 Geldhäusern bekannt, dass sie von – meist vermögenden – Privatkunden Zinsen verlangen, wie das Vergleichsportal Biallo ermittelt hat. Teils berechnen die Banken Minuszinsen ab bestimmten Summen, etwa ab 100.000 Euro oder ab 500.000 Euro. Teils vereinbaren sie solche „Verwahrentgelte“ individuell mit vermögenden Kunden.

Die Zahlen des GVB deuten darauf hin, dass der Anteil der Banken, die Minuszinsen unter gewissen Umständen berechnen, zuletzt zugenommen hat. In einer Erhebung vom November 2019 kam die Bundesbank zu dem Schluss, dass mindestens etwa ein Viertel der befragten Banken Privatkunden zur Kasse bitten. Die Studie gilt als repräsentativ für den deutschen Bankenmarkt.

Bei Firmenkunden sind Strafzinsen dagegen bereits viel verbreiteter. Der GVB erklärte dazu: „Hier gehören Negativzinsen und Verwahrentgelte seit Längerem zur gängigen Praxis. Das lässt sich unter anderem mit den höheren Einlagesummen erklären.“ Die Geldhäuser reagieren mit der Weitergabe von Minuszinsen auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Kreditinstitute müssen Negativzinsen bezahlen, wenn sie überschüssige Spargelder ihrer Kunden bei der Notenbank parken. Die Gebühr liegt bei minus 0,5 Prozent und gilt ab bestimmten Freibeträgen für die Geldhäuser. An Brisanz gewonnen hat das Thema, weil die EZB auf ihrer Sitzung im vergangenen September die Negativzinsen wohl für lange Zeit zementiert hat.

Auffällig ist, dass zuletzt einige Banken und Sparkassen Minuszinsen für Neukunden schon ab dem ersten Euro eingeführt haben. Der bayrische Genossenschaftsverband meint, dass die Geldhäuser mit solchen Konditionen Bestandskunden schützen wollen. Wie andere Banken stemmten sich auch die bayerischen Genossenschaftsbanken gegen die Niedrigzinsen, indem sie im vergangenen Jahr deutlich mehr Kredite vergaben.

Der Zinsüberschuss sank dennoch leicht. Allerdings wuchs der Provisionsüberschuss relativ deutlich und machte den Rückgang beim Zinsergebnis wieder wett. Das Vorsteuerergebnis stieg deutlich um fast ein Drittel auf knapp 1,7 Milliarden Euro. Dabei profitierten die Volks- und Raiffeisenbanken in Bayern stark von positiven Bewertungseffekten bei Wertpapieren, auch angesichts von Kursgewinnen an den Aktienmärkten.