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Nissan spielt angeblich Rückzug aus dem Bündnis mit Renault durch

Der japanische Autohersteller erwägt laut einem Bericht, sich von Renault zu distanzieren. Die Aktie der Franzosen fällt daraufhin auf ein Sechs-Jahres-Tief.

Die Krise in der drittgrößten Autogruppe der Welt scheint sich zuzuspitzen. Nach der Flucht des früheren Top-Managers Carlos Ghosn aus Japan haben Topmanager bei Nissan laut einem Bericht der „Financial Times“ (FT) geheime Planspiele für einen Bruch des trilateralen Autobunds von Renault, Nissan und Mitsubishi Motors beschleunigt.

Unter anderem prüfe Nissan dem Bericht zufolge, wie sich eine totale Scheidung auf Autoentwicklung und -produktion auswirken würde. Nach 20 Jahren Partnerschaft kooperieren beide Partner in diesen Bereichen bereits.

Der Bericht verstärkt den Eindruck, dass der Sturz des früheren Allianzchefs Carlos Ghosn auch die bis dahin erfolgreiche Autoallianz mit in den Abgrund reißen könnte. Dass es Konflikte zwischen den ungleichen Partnern gab, ist kein Geheimnis. Nissan sah sich schon lange als der technologisch und wirtschaftlich wichtigere Partner, der aber wegen der Besitzverhältnisse strukturell benachteiligt war.

So halten die Franzosen 43 Prozent der Aktien Nissans, Nissan aber nur 15 Prozent an Renault, Und die sind zudem noch ohne Stimmrecht. Doch bis Ghosn Ende 2018 in Japan wegen Verstößen gegen Finanzmarktgesetzen und Veruntreuung verhaftet wurde, löste er als Renault- und Allianzchef die Konflikte mit seinem Machtwort. Danach brachen sie offen aus. 

Ghosn beschrieb die Ehekrise vorige Woche auf seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Flucht aus Japan in den Libanon prägnant: „Es gibt kein Wachstum, keine steigenden Gewinne, keine strategischen Initiativen, keine Technologie – und es gibt keine Allianz mehr“, sagte er in Beirut. „Was wir heute sehen, ist die Maskerade einer Allianz.“ Und es gehe nirgendwo hin.

Der geschasste Ausmanager betonte zwar auch, dass der Bund noch zu kitten wäre. Doch der neue Allianzrat war für Ghosn nicht der richtige Weg. Dort sitzen die drei Chefs der Partner und Renaults Verwaltungsratschef Jean-Dominique Senard und würden durch ihre Konsensbemühungen den unternehmerischen Eigensinn ihrer Organisationen untergraben. Ghosn stellte allerdings klar: „Konsens funktioniert nicht.“ Man müsse die Leute zwingen, Synergien zu erzeugen. Sonst passiere nichts.

Aber die Herausforderung, eine neue starke Führung zu suchen, ist hoch – gerade bei Nissan. Dort hat nicht umsonst eine Fraktion nach Fehlverhalten des Übervaters gesucht, um ihn und damit – wie Ghosn meint – auch die Allianz zu Fall zu bringen. Der gestürzte Chef nannte auch das Motiv.

Eine Trennung wäre ein unternehmerischer Albtraum

Die Probleme hätten begonnen, nachdem der französische Staat sich für seinen 15-Prozent-Anteil an Renault das doppelte Stimmrecht gesichert hatte, so Ghosn. Als dann auch noch Frankreichs Regierung auf eine Fusion unter Renaults Führung drängte, wuchs der Widerstand bei Nissan.

Die Japaner fürchteten, zum Spielball französischer Industriepolitik zu werden. Ghosns Fazit: „Das hat eine große Bitterkeit bei unseren Freunden in Japan hinterlassen, nicht nur im Management, sondern auch der Regierung.“

Mit Ghosn auf der Flucht steht Nissans Anti-Renault-Fraktion kurz vor ihrem Ziel. Doch der Preis ist ein unternehmerischer Albtraum. Schon jetzt macht Nissan mit Autos kaum noch Gewinn. Neue Modelle, die den Verkauf nach oben treiben könnten, sind Mangelware, weil auch die Autoentwicklung völlig aus dem Tritt geraten ist.

Gleichzeitig brauchen alle drei Partner die Allianz eigentlich dringender denn je. Denn auf sich allein gestellt, drohen sie im Umbruch der Autoindustrie hinter die großen Allianzen zurückzufallen. Es müsste daher enger zusammengearbeitet werden, stellte Senard noch vorigen Monat in der FT klar: „Wir können nicht überleben, wenn wir nicht schnell beginnen, wirklich (Aufgaben) zu teilen.“

Eine Scheidung der Allianz käme daher zur Unzeit. Denn unter Ghosn sind wichtige Funktionen bereits zusammengelegt worden. Teile kaufen beide Seiten schon länger gemeinsam ein, um mit höheren Bestellungen die Preise der Zulieferer drücken zu können. Doch inzwischen haben sie gemeinsam Plattformen entworfen.

Diese Entwicklung wieder zu teilen, wird zeitaufwändig und kostet viel Geld. Doch beides ist derzeit Mangelware bei Nissan. Es kann daher sein, dass die Angst vor dem Tod die Egoismen überwindet. Mit Makoto Uchida hat Nissan seit dem 1. Dezember 2019 immerhin einen Chef an der Spitze, der die Allianz gelebt und gefördert hat. Doch er und Senard müssen sich beeilen, um die Zentrifugalkräfte zu überwinden. Denn in diesem Fall heilt Zeit die Wunden wahrscheinlich nicht schnell genug.