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New York im Ausnahmezustand: Report aus einer abgeriegelten Stadt

Mehr als 20.000 Menschen erkrankt, 280 gestorben: In New York grassiert das Coronavirus wie nirgendwo in den USA. Wirtschaft und Bevölkerung leiden, doch manche Unternehmen finden ihre Nische.

Nur wenige Fußgänger sind nahe der Börse New York unterwegs. Foto: dpa

Johannes Quodt ist sicher, dass er Covid-19 hat. „Ich habe Husten, und ich schmecke und rieche seit ein paar Tagen nichts mehr“, sagt der 33-Jährige. Das sind die typischen Symptome der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit.

Der Mitgründer der Edel-Sneaker-Marke Koio hat sich in seiner Wohnung in Downtown Manhattan isoliert. Testen lässt sich Quodt erst gar nicht. Er weiß, dass er kaum eine Chance auf einen Test hat. In New York werden vor allem Fälle mit schweren Symptomen geprüft, bei dem Deutschen verläuft Covid-19 noch relativ mild.

Katherine will ihren Nachnamen nicht sagen, aus verständlichen Gründen. Auch sie hat alle Symptome, kommt an keinen Test ran. Längst hat sie sich mit ihrer Familie in Quarantäne versetzt, verschanzt sich in ihrem Haus in Park Slope, einem idyllischen Stadtviertel mit Alleen und Sandsteinhäusern in Brooklyn. Die Amerikanerin arbeitet für ein großes Auktionshaus, das in Zeiten von Corona wie so viele Geschäfte und Unternehmen in der Stadt leidet.

New York City ist der neue Brandherd des Coronavirus: Bis zum Donnerstagmorgen ist die Zahl der Erkrankten auf rund 20.000 gestiegen, wie Zahlen der Johns-Hopkins-Universität zeigen. 280 Menschen sind bereits daran gestorben. Vor dem Krankenhaus Bellevue wurde eine behelfsmäßige Leichenhalle aufgebaut. Die Situation ist so dramatisch, dass die US-Regierung Alarm schlägt.

„Jeder, der aus New York kommt, soll sich 14 Tage in Quarantäne begeben“, sagte Deborah Birx, Chefin der Coronavirus-Taskforce im Weißen Haus. In New York ist laut des Krisenstabs die Ansteckungsrate acht- bis zehnmal so hoch wie in anderen Gebieten der USA.

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Mit 8,4 Millionen Einwohnern auf 784 Quadratkilometern ist New York die am dichtesten besiedelte Stadt der Vereinigten Staaten. Vor allem in Manhattan wohnen oft mehrere Hundert Menschen in einem Haus, nutzen gemeinsam Aufzüge oder Drehtüren. Die wenigsten Menschen in Manhattan haben ein Auto. In den U-Bahnen ist „Social Distancing“ kaum möglich. Alles ideale Bedingungen für das Virus, sich in rasantem Tempo zu verbreiten.

Die Person der Stunde ist Andrew Cuomo. Der Gouverneur vom Bundesstaat New York profiliert sich in der Krise als entschlossen und weitsichtig, im Kontrast zum Bürgermeister Bill de Blasio oder Präsident Donald Trump. Die Schulen sind schon seit knapp zwei Wochen zu, Restaurants und Bars dürfen seit mehr als einer Woche nur noch ausliefern. Cuomo rief die Menschen auf, zu Hause zu bleiben.

Ausnahmen: wer zwingend zur Arbeit muss, Lebensmittel einkaufen will oder den Arzt und die Apotheke besuchen will. Auch der Sport im Freien ist erlaubt, aber nur allein. Alle nicht existenziellen Unternehmen und Büros müssen schließen. „Wir sind jetzt alle in Quarantäne“, sagte Cuomo.

Die Stadt, die niemals schläft, muss innehalten. Es ist eine Katastrophe für New York, es ist ein herber Schlag für die US-Wirtschaft. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1,5 Billionen Dollar übertrifft New York die Leistung aller anderen US-Städte – und die Wirtschaftskraft von ganz Spanien. „Mir ist das bewusst. Aber es war die richtige Entscheidung, um Menschenleben zu retten“, sagt Cuomo, „auch wenn ich deshalb nicht wiedergewählt werde.“

New York ist krisenerprobt. Der 11. September, Hurrikan Sandy: All das haben die New Yorker mit Bravour und relativer Gelassenheit gemeistert. Jedes Mal sind sie zusammengerückt und gestärkt daraus hervorgegangen. Aber die Coronakrise ist anders. Ein unsichtbarer Feind, bei dem das Zusammenkommen verboten ist.

Während die Restaurants nach dem 11. September voll waren, weil die Menschen die Nähe suchten, prägen nun leere Straßen das Bild der Stadt. Die Szenen hat man zuvor nur in Science-Fiction-Filmen wie „I Am Legend“ gesehen, in der Hauptdarsteller Will Smith durch ein leeres New York geht – weil ein Virus die Menschen dahingerafft hat.

Auf dem Times Square ist jetzt in Wirklichkeit kaum jemand mehr, blinken kaum noch Leuchtreklamen, stattdessen steht „Danke an alle Gesundheitsmitarbeiter“ mit weißen Lettern auf blauem Grund auf einem Monitor.

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Die großen Tech-Firmen wie Google und Facebook, die sich in den vergangenen Jahren mit Tausenden Mitarbeitern in New York angesiedelt haben, haben ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Das Gleiche gilt für die Großbanken mit ihren Zentralen in Manhattan, für die Unternehmensberatungen und die Anwaltskanzleien. Die Wall Street hat ihren Parketthandel ausgesetzt.

Bei den Banken und in den Großkanzleien in Midtown sind vor wenigen Wochen die ersten offiziellen Fälle aufgetreten. Dann ging es rasant weiter. Schulen meldeten Fälle von Eltern, die aus Europa zurückgekehrt waren. Dann erkrankte das Lehrpersonal.

Trotzdem zögerte Bürgermeister Bill de Blasio lange, die Schulen zu schließen. Sein Motiv war ehrenwert: Er wollte die Schulspeisungen, wichtig für ärmere Familien, nicht abschaffen. Jetzt sind die Schulen zu, die Speisungen gehen – mit Abstand von den Anwesenden zueinander – weiter. Zur Papiertüte mit dem Essen gibt es ein Hand-Desinfektionsmittel gratis dazu.

Zu wenige Krankenhausbetten

Mittlerweile glaubt keiner mehr in der Stadt, das Virus wirklich noch eindämmen zu können. Jetzt geht es darum, die Tests auf die wichtigsten Personen zu konzentrieren: Ärzte und Pfleger und Risikogruppen wie ältere Menschen oder jene mit anderen Krankheiten.

Das liegt nicht mehr an dem Mangel an Tests wie noch bis vor Kurzem, sondern daran, dass es an Masken und Schutzkleidung fehlt. Schließlich müssen diese nach jedem Test ausgewechselt werden.

Die Krankenhäuser drohen an ihre Grenzen zu stoßen. Cuomo rechnet vor, dass New York derzeit 53.000 Krankenhausbetten zur Verfügung hat, aber schon bald 140.000 brauchen wird. Betten auf Intensivstationen mit Beatmungsgeräten gibt es bisher nur 4000 im ganzen Bundesstaat. Gebraucht werden aber wahrscheinlich schon in zwei Wochen bis zu 37.000.

„Der Höhepunkt wird höher sein, als wir dachten, und der Höhepunkt wird schneller kommen, als wir dachten“, sagt Cuomo. „Und das ist eine schlechte Kombination.“ Er rechnet bereits in zwei bis drei Wochen mit der höchsten Anzahl der Covid-19-Kranken. Vier verschiedene Veranstaltungshallen wie auch das Javit-Messezentrum im Westen Manhattans werden gerade zu Krankenhäusern umgebaut. Doch es fehlt weiterhin an Beatmungsgeräten.

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Wenn das Gesundheitsministerium nicht die beantragten 20.000 Beatmungsgeräte schickt, werden Tausende New Yorker sterben, mahnt Cuomo. Der Demokrat, der zuletzt durchaus auch Lob für den US-Präsidenten übrig hatte, verliert die Geduld: „Der Präsident sagt, dass dies ein Krieg ist. Dann handelt bitte auch so!“ Wenn die Beatmungsgeräte nicht innerhalb weniger Wochen kämen, „dann müssen sie die 26.000 Menschen auswählen, die sterben müssen“.

Bürgermeister De Blasio zeigt sich in der Coronakrise als blass und unentschlossen. Der Demokrat kandidierte vor wenigen Monaten erfolglos für das Weiße Haus, jetzt verliert er gegen seinen innerparteilichen Widersacher Cuomo. Für einen Aufschrei sorgten Berichte, wie De Blasio kurz noch schnell in sein geliebtes Fitnessstudio ging – bevor die Ausgangssperre verhängt wurde.

Per Twitter wendete er sich verzweifelt an den Tesla-Chef Elon Musk, der aus China Beatmungsgeräte importierte und sie weiterreichen will. „Wir brauchen Beatmungsgeräte so schnell wie möglich – wir werden in den kommenden Wochen Tausende brauchen.“

Reiche verlassen die Stadt

Wer es sich leisten kann, flüchtet aus der Stadt. Schon vergangene Woche waren vielerorts Familien zu sehen, die ihre SUVs mit Koffern und Lebensmitteleinkäufen vollpackten, um in ihr Sommerhaus auf Long Island, im Hudson Valley oder in Vermont zu flüchten. Viele Luxus-Wohnhäuser in Manhattan und Brooklyn stehen daher derzeit halb leer.

In den Hamptons, wo die reichen New Yorker ihre Sommer verbringen, haben sich die Mietpreise für Ferienhäuser zum Teil vervierfacht. Die Bewohner dort beschweren sich bereits, weil die New Yorker ihnen die wenigen Supermärkte leerkaufen – und vielleicht auch das Virus mitbringen. Das lässt sich bereits an den Infektionszahlen ablesen, wie die Krisenstabschefin des Weißen Hauses, Birx, berichtet, in „Florida, North Carolina oder den letzten Ecken von Long Island“.

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Wer keine Fluchtmöglichkeit hat, bleibt in der Stadt. In den ärmeren Vierteln ist es genauso voll wie immer. Am härtesten getroffen sind in New York die armen Haushalte. 29 Prozent von ihnen haben mindestens einen Job in der Familie verloren, wie aus einer Studie der CUNY Graduate School of Public Health & Health Policy hervorgeht. Bei Haushalten, die mehr als 100.000 Dollar im Jahr verdienen, gaben nur 16 Prozent an, dass ein Haushaltsmitglied seine Arbeit verloren hat.

Immerhin: Die Stadt New York will die Tests und Behandlungskosten von armen und unversicherten Bürgern übernehmen „Wenn Sie medizinische Hilfe brauchen, rufen Sie 311 an. Sie können in New York City behandelt werden, egal, welchen Immigrationsstatus Sie haben oder wie viel Sie zahlen können“, teilt die Stadt auf ihrer Website zum Coronavirus mit.

Wirtschaft schwer getroffen

Die Epidemie trifft die lokale Wirtschaft hart. Die Broadway-Theater führen schon seit zwei Wochen keine Musicals mehr auf. Die großen Kaufhausketten wie Macy’s, deren erstes Kaufhaus und Hauptsitz in New York sind, haben bis mindestens Ende des Monats zu. Das Gleiche gilt für die Edelkaufhäuser Bloomingdales und Bergdorf Goodman.

Hinzu kommen die vielen Kleinbetriebe wie Friseure, Nagelstudios, Cafés, Immobilienmakler, Restaurants. Auch Hundebetreuer und Babysitter sind in Zeiten, in denen viele Familien komplett zu Hause sind, kaum mehr gefragt. Uber- oder Lyft-Fahrer trifft es ebenso. Die Stadt New York bietet den arbeitslosen Fahrern nun Jobs für 15 Dollar pro Stunde. Sie sollen Quarantäne-Patienten mit Essen beliefern.

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Weil vor allem kleine und mittlere Unternehmen leiden, hat die Stadt New York bereits Hilfen und Kredite organisiert: Unternehmen mit weniger als fünf Mitarbeitern können sich um Kredite von bis zu zwei Millionen Dollar bewerben, um die Krise zu überbrücken.

Außerdem können sie rund 6000 Dollar im Monat erhalten, um 40 Prozent der Gehälter ihrer Mitarbeiter abzudecken, die nicht arbeiten können. Die Website für die Anträge war innerhalb weniger Minuten überlastet.

Der nun angeschlagene deutsche Gründer Johannes Quodt fordert vor allem Hilfen bei den Mieten. Seine Sneaker-Firma Koio lief zuletzt bestens und hat Läden in den angesagtesten Ecken in Los Angeles, San Francisco, Miami und New York. Doch seit dem 10. März ist das Geschäft wegen des Coronavirus eingebrochen. Auch der Laden im New Yorker Stadtteil Soho ist geschlossen.

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„Die Leute sitzen alle zu Hause. Da brauchen sie keine neuen Schuhe“, erklärt Quodt. Auch online ist es ruhig geworden. „Die kaufen jetzt online eher Lebensmittel oder Heimtrainer“, weiß Quodt und kann das auch gut verstehen. Aber er muss seine Ladenmieten weiterzahlen.

„Ich hoffe sehr, dass es eine Regulierung zum Thema Ladenmiete geben wird“, meint er. „Es wäre nicht fair, wenn Restaurants und Geschäfte keine Umsätze machen, aber die Vermieter volle Mieten erhalten.“

Es gibt Lichtblicke

Cuomo hat die New Yorker zwar gewarnt, dass die Pandemie in der Stadt Monate andauern wird. Doch er ist auch Amerikaner und Optimist genug, um schon nach vorn zu schauen, wie und in welchem Rahmen man die Wirtschaft wieder zum Laufen bringen kann. So könnten vielleicht junge Menschen oder solche, die eine Immunität gegen das Coronavirus aufgebaut haben, wieder zurück zur Arbeit gehen: „Wir spielen derzeit verschiedene Szenarien durch“, sagte Cuomo.

Dass die gesamte US-Wirtschaft Ostern schon wieder loslegen darf, wie es dem US-Präsidenten Trump vorschwebt, davon wollen die wenigsten etwas wissen. Gesundheitsspezialisten wie Thera Madaline, Spezialistin für Infektionskrankheiten vom Montefiore Health System, wird dabei angst und bange: „Wenn wir die strikten Maßnahmen zu schnell lockern, dann werden wir hier in New York in einer schrecklichen Lage sein“, mahnt sie.

Immerhin gibt es eine Kategorie der kleinen Läden, die derzeit trotz der Krise boomt: der Weinhandel. Die Weinläden dürfen auch weiter offen bleiben, weil sie auf Cuomos Liste unter die existenziellen Bedürfnisse fallen. Supermärkte dürfen in New York keinen Wein verkaufen, und so sind sie die einzigen Stellen, wo die Daheimgebliebenen ihren Chardonnay oder Tequila bekommen.

„Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr so viel Umsatz gemacht wie jetzt“, freut sich Rob Fisher vom Astor Wine Store im East Village. Wie bei vielen anderen Weinläden dürfen auch bei ihm die Kunden nicht in den Laden kommen. Aber sie können online bestellen und dann die begehrten Flaschen an der Ladentür abholen.

So hält es auch der Weinladen „Big Nose Full Body“ in Park Slope in Brooklyn. Die Besitzer stellen die Tüte mit den Flaschen vor die Tür. Dann darf sich der Kunde nähern und sie mitnehmen. Bezahlt hat er online – ohne jeden Bargeld- oder Kartenkontakt.

„Wir behalten uns das Recht vor, früher zu schließen, wenn wir mit dem Volumen nicht mithalten können“, warnt der Laden bereits auf der Website. Von Krise keine Spur.

Auch der Koio-Gründer Quodt macht sich Gedanken und setzt nun auf eine neue Nische. Weil alle seine Kunden jetzt im Homeoffice arbeiten, bietet er demnächst Hausschuhe an.

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