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In neun Wochen Homeschooling geht ein halbes Lernjahr verloren

Gillmann, Barbara
·Lesedauer: 4 Min.

Das deutsche Bildungssystem kann unterschiedliche Chancen nicht ausgleichen. Geschlossene Schulen verschärfen die Lage.

Um Unterschiede auszugleichen, sollen Schulen benachteiligte Schüler besonders in den Blick nehmen. Foto: dpa
Um Unterschiede auszugleichen, sollen Schulen benachteiligte Schüler besonders in den Blick nehmen. Foto: dpa

Geschlossene Schulen verschärfen die Chancen-Nachteile, die Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien in Deutschland haben. Davor warnt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem Handelsblatt vorliegt. In Deutschland sind die Bildungschancen in besonderem Maße vom Elternhaus abhängig. Erfolge aus den ersten Jahren nach dem „Pisa-Schock“ von 2000 sind zuletzt wieder verloren gegangen, schreibt Studienautorin Christina Anger. Die Lockdowns werden nun die Ungerechtigkeit weiter verschärfen, so die These.

Ein deutliches Indiz dafür liefert laut IW eine Untersuchung aus Belgien, wo der erste Lockdown die Schulen ähnlich traf wie in Deutschland: In neun Wochen Homeschooling ging bei den Schülern Wissen aus einem halben Schuljahr verloren. Zugleich nahm die Ungleichheit stark zu – zulasten von benachteiligten Kindern. „Ähnliche Effekte“ erwartet das IW auch in Deutschland.

In den USA wurden die Daten aus der Nutzung eines Mathematik-Tools im Homeschooling ausgewertet. Das Ergebnis: Der Lernfortschritt bei allen Schülern brach ein. Und besonders groß war der Effekt bei Kindern aus benachteiligten Familien.

Nur jeder dritte Zwölfjährige aus prekären Verhältnissen hat einen Laptop

Angesichts dieser ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Berichte vieler Lehrer, die sie bestätigen, fordert das IW nun massive Anstrengungen der Schulen. Sie müssten schnell die Lücken der Schüler füllen, die zu Hause kaum etwas gelernt haben, weil ihre Eltern sie nicht oder nur schlecht unterstützen konnten oder weil sie schlicht keinen Laptop haben.

Frühere Befragungen des IW hatten gezeigt, dass 2018 43 Prozent aller Zwölfjährigen und 52 Prozent aller 14-Jährigen aus höher gebildeten Haushalten einen eigenen Computer oder ein eigenes Tablet besaßen. Bei bildungsfernen Familien lagen die Quoten nur bei 31 beziehungsweise 34 Prozent.

„Chancenbeauftragte“ der Schulen sollten jetzt Förderangebote organisieren und so verhindern, dass massenhaft Schüler „Klassen wiederholen müssen oder ohne Abschluss abgehen“, mahnt Anger. Ähnliche Forderungen stellt auch das Ifo-Institut.

Zugleich fordert die IW-Expertin mehr Lehrkräfte für Schulen mit einem besonders hohen Anteil an Migrations-Kids oder mit hohem Förderbedarf. Dafür müsse ein „Sozialindex“ den familiären Hintergrund der Schüler und Schülerinnen statistisch erfassen. Lehrer an Brennpunktschulen müssten für ihren Einsatz zusätzlich honoriert werden.

Kinder von Migranten gehen weit seltener in die Kita

Ganz generell müsse dafür gesorgt werden, dass mehr Kinder in den Kindergarten gehen, „die dies besonders nötig haben“. 2019 besuchten 80 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund im Alter zwischen drei und sechs Jahren einen Kindergarten und hatten damit einen enormen Vorteil beim Deutschlernen – bei den Nicht-Migranten waren es 100 Prozent. Noch größer ist die Differenz bei den ganz Kleinen: Von den unter Dreijährigen ohne Migrationshintergrund besuchten 42 Prozent eine Kita – bei jenen mit Migrationshintergrund waren es nur 21 Prozent.

Zudem müsse die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen schnell ausgebaut werden, weil so benachteiligte Kinder früher und gezielter gefördert werden könnten. Dazu plant die Bundesregierung einen Rechtsanspruch – allerdings erst ab dem Jahr 2025.

Mehr Bildungsgerechtigkeit ist nicht nur aus sozialen, sondern auch aus ökonomischen Gründen ein Ziel, das inzwischen Politiker jeglicher Couleur anstreben. Ziel müsse sein, dass „die Leistungen am unteren Ende der Skala steigen, ohne dass es am oberen Ende zu einer Verringerung der Leistung kommt“, definiert das IW. Denn damit steige automatisch das allgemeine Wissensniveau, was sich wiederum positiv auf Wachstum und Wohlstand auswirkt.

In den internationalen Pisa-Studien der OECD zum Wissen der 15-Jährigen lag Deutschland zu Beginn im Jahr 2000 ganz am Ende des Industrieländer-Rankings: In fast keinem anderen Land hing der Schulerfolg so sehr vom Elternhaus ab wie hier beziehungsweise gelang es so schlecht, Defizite auszugleichen. Das hatte sich bis 2012 zunächst deutlich gebessert: Deutschland arbeitete sich ins Mittelfeld vor, der Anteil der Schulversager, die mit 15 nicht richtig lesen und schreiben können, sank auf unter 15 Prozent (siehe Grafik).

Anteil der Migranten unter den Schülern ist auf 36 Prozent gewachsen

Seither jedoch ging es wieder abwärts: Benachteiligte Schüler fielen wieder zurück, während solche aus Akademikerhaushalten sich deutlich verbesserten. Das lag auch daran, dass im letzten Jahrzehnt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund deutlich von 26 auf 36 Prozent gewachsen ist, schreibt Anger. Unter diesen stammt fast jeder zweite aus einem Elternhaus, das sozial und ökonomisch zum untersten Viertel gezählt wird – also aus prekären Verhältnissen. Von den Schülern ohne Migrationshintergrund gilt das nur für knapp jeden fünften.

Und Deutschland gelingt es wesentlich schlechter als anderen Nationen, deren Nachteile auszugleichen. Also „bleibt es eine große Herausforderung, alle zugewanderten Kinder und Jugendlichen ins Bildungssystem zu integrieren und zu einem Abschluss zu führen“, mahnt das IW.

Dazu empfiehlt das Institut auch eine weit engere Zusammenarbeit mit den Eltern: Es müssten nicht nur mehr Kitas als bisher zu „Familienzentren“ ausgebaut werden, sondern künftig auch Grundschulen. Solche Zentren organisieren Unterstützung, Beratung und Bildungsangebote für die Eltern – damit diese ihren Kindern besser helfen können. Daneben müssten sowohl Lehrer als auch Erzieher weit besser für die Sprachförderung geschult werden.