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EZB-Notfallpaket gibt Anleihen einen Schub, zeigt bei Aktien aber nur begrenzt Wirkung

Bei Anleihen sorgt das EZB-Notfallpaket für Kurssprünge, an den Aktienmärkten verhindert es allenfalls einen erneuten Absturz. Diese unterschiedlichen Reaktionen haben mehrere Gründe.

22.10.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Die Lichter in den Büros der Europäischen Zentralbank (EZB) leuchten im letzten Licht des Tages. Am Donnerstag (24.10.2019) leitet der scheidende EZB-Präsident Draghi zum letzten Mal eine Ratssitzung, bevor er das Amt an seine Nachfolgerin Lagarde übergibt. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Kurssprünge von acht Prozent bei italienischen Staatanleihen innerhalb von wenigen Minuten, ein Kursplus im italienischen Aktienindex FSTE Mib von gerade mal einem Prozent und ein deutscher Leitindex Dax, der Donnerstagmittag zwischenzeitlich zumindest leicht ins Minus drehte: Unterschiedlicher könnten die Reaktionen der Investoren auf die verschiedenen Maßnahmen des Notfallpakets der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht sein.

Das gilt umso mehr, weil die sich gegenläufig entwickelnden Kurse und Renditen von Anleihen eigentlich weniger schwanken als die von Aktien. Die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihe fiel an diesem Donnerstag um rund einen Prozentpunkt von 2,4 auf unter 1,4 Prozent und pendelte sich dann bei 1,8 Prozent ein. Das ist eine enorme Bewegung am Anleihemarkt. Auch die Renditen anderer südeuropäischer Anleihen fielen deutlich.

Die Anleiheinvestoren reagierten damit euphorisch auf das neue EZB-Notfallpaket, das die Notenbank in der Nacht angekündigt hatte – mit zusätzlichen Anleihekäufen für 750 Milliarden Euro bis Jahresende. Notenbankchefin Christine Lagarde zeigte sich sogar zu weiteren Schritten bereit. Die EZB werde alles für den Euro tun, was in ihrer Macht steht. „Dafür gibt es keine Grenzen.“

An den Aktienmärkten trägt das aber höchstens dazu bei, dass die Aktienkurse bisher nicht weiter dramatisch in die Tiefe sacken. Mehr können die Maßnahmen offenbar nicht bewirken. Ökonomen und Strategen wie Jörg Zeuner, Chef-Volkswirt von Union Investment, finden, das nun umfangreichere und breitere Programm und die stärkere verbale Untermauerung der Entschlossenheit der EZB seien zwar der Lage angemessen.

Die Schritte sowie die Wortwahl Lagardes erinnern Zeuner an Mario Draghis „Whatever it takes“-Rückversicherung. Aber nachhaltig die Aktienmärkte beruhigen kann die Notenbank nicht. Denn „solange Dauer und Tiefe des ökonomischen Schocks unbekannt sind, kann die Geldpolitik nur Öl auf die Wogen gießen“, begründet Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland und Osteuropa von Blackrock.

Paul Diggle, Volkswirt bei Aberdeen Standard Investments, ergänzt: „Die Durchschlagskraft dieses Programms ist in erster Linie eine Reaktion auf die steigenden Renditen der Staatsanleihen in der Euro-Zone.“ Aber „weder Geld- noch Fiskalpolitik sind ein Allheilmittel für den enormen realwirtschaftlichen Schock“ durch die Corona-Pandemie. Das sieht Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), ähnlich: „Das EZB-Notfallpaket reicht nicht als Auslöser für eine nachhaltige Erholung der Aktienmärkte.“

Warten auf einen Impfstoff

Schon in den vergangenen Tagen waren an den Aktienmärkten die Zinssenkungen der US-Notenbank und das billionenschwere angekündigte Konjunkturpaket der US-Regierung am Aktienmarkt weitgehend verpufft. Andreas Hürkamp, Aktienstratege bei der Commerzbank, geht davon aus, dass das zunächst auch so bleibt. Eine Wende an den Aktienmärkten erwartet er erst, wenn sich abzeichnet, dass ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden ist – oder die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückgeht.

„Bis dahin nützen alle Hilfspakete den Aktienmärkten nicht viel, obwohl die Hilfen notwendig sind, um die Kapitalmärkte und die Wirtschaft zu stabilisieren.“ Um dem Stillstand der Wirtschaft entgegenzuwirken, wird voraussichtlich „das größte Rettungspaket der Nachkriegszeit gebaucht werden – nicht von Deutschland allein, sondern von allen Mitgliedsstaaten der EU“, meint Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege der DWS.

Dass die EZB die Sorgen vor einem neuen Aufflammen der Euro-Krise dämpfen konnte, ist gut, aber Investoren schauen laut Hürkamp schon jetzt sorgenvoll in die USA. „Sie fürchten, dass dort der Höhepunkt der Infektionswelle noch bevorsteht und dann der Konsum in den USA einbricht. Auch Klumpp erwartet eine „ausgeprägte Rezession“, wenn sich die Pandemie auch in den Vereinigten Staaten ausbreitet. Dieses Risiko spiegeln die Märkte seiner Meinung nach noch nicht wider.

Auch für die Euro-Zone rechnet Zeuner von Union Investment mit einem deutlichen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um mindestens 3,5 Prozent. Besonders betroffen dürfte Italien sein, das derzeit die höchsten Infektionszahlen außerhalb Chinas aufweist. Die Tiefe der nun zu erwartenden Rezession ist nach Ansicht von Lück von Blackrock in den Aktienkursen noch nicht enthalten.

Ausverkauf, aber keine Kapitulation

Das heißt nichts Gutes für die Aktienbörsen. Und obwohl der Dax in den vergangenen vier Wochen fast 40 Prozent und der S & P 500 mehr als 30 Prozent verloren hat, sieht Klumpp noch keine Kapitulation der Investoren. „Der Ausverkauf an den Märkten ist da – aber noch sind wohl zu viele Anleger optimistisch,“

Auch Zeuner wertet die Diskussion unter den Kapitalmarktteilnehmern „noch immer in weiten Teilen vorausschauend, nicht als Handtuchwerfen“. Aktuell „hält der Markt vermutlich etwas inne“ infolge der angekündigten substanziellen geld- und fiskalpolitischen Programme in den USA und Europa, sagt Lück.

Doch in den nächsten Tagen, vielleicht Wochen hält er es für wahrscheinlich, dass die Aktienkurse weiter nachgeben: „Der Bärenmarkt wird erst enden, wenn die Infektionskurven auch in Europa und den USA abflachen und der gesamte ökonomische Schaden sichtbar wird.“

Als Warnsignal für die Aktienmärkte sieht Klumpp von der LBBW auch, dass selbst die Kurse von deutschen Bundesanleihen gefallen sind. Die Kurse der Bundesanleihen sind an diesem Donnerstag nur kurz gestiegen, gaben die Gewinne dann aber wieder ab. Entsprechend rentierte die zehnjährige Bundesanleihe mit minus 0,2 Prozent. Der Aktienstratege interpretiert das so: „Die Investoren verkaufen alles mit Schwankungsrisiken, viele haben offensichtlich die Risikogrenzen in ihren Portfolios erreicht.“

Eine gute Richtschnur zur Standortbestimmung am Aktienmarkt in den vergangenen Krisen war Kreuzkamp zufolge stets der Buchwert von Aktien. Der Dax notiere fast genau wieder beim Buchwert, stellt der DWS-Stratege fest: Beim einfachen Buchwert war in den vergangenen Krisen oft der Boden erreicht. Allerdings will er in der aktuellen Ungewissheit ein „Unterschießen“ nicht ausschließen.

Klumpp jedenfalls meint: „Für langfristig orientierte Anleger gebe es auch Kaufgelegenheiten“, aber den Tiefpunkt an den Börsen ist seiner Ansicht nach wahrscheinlich noch nicht erreicht.