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Neuer Sound gegen Rechts

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Das Musikjahr 2019 ist politisch – und das nicht nur wegen der Landtagswahlen in Ostdeutschland. Viele Musiker erheben ihre Stimme gegen Rechts – zum Beispiel mit diesen aktuellen Songs.

Die Fanta 4 engagieren sich aktiv gegen Rechts (Bild: Getty Images)

Musik ist so politisch wie schon lange nicht mehr, und auch deutschsprachige Bands werden nicht müde, sich gegen Nazis und rechtes Gedankengut zu positionieren. Unter dem Hashtag #unfollowme luden schon 2018 Musiker wie Sido und Kool Savas rechtsgerichtete Fans aus ihren Communities aus. Erst kürzlich wurde das Musikbündnis #wirsindmehr, das sich 2018 unter anderem mit Kraftclub, Marteria, Casper und den Toten Hosen als Antwort auf fremdenfeindliche Ausschreitungen in Chemnitz formiert hatte, mit dem Preis für Popkultur ausgezeichnet. Und das Engagement geht weiter: Unter anderem diese Musiker und Bands setzen mit ihren aktuellen Songs musikalische Zeichen gegen Rechts.

Die Unermüdlichen: Kraftklub

Der Chemnitzer Felix Kummer und seine Band Kraftklub machen sich schon seit Jahren stark gegen rechtes Gedankengut. “Nazis sind so wahnsinnig unsexy“, sagte Kummer erst kürzlich in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Er, dem musikalisch die Welt offenstehen würde, lebt weiter in seiner Heimatstadt – aus Solidarität mit den nicht rechtsgerichteten Chemnitzern, wie er sagt.

Am 11. Oktober bringt der 30-Jährige, der als “Kummer“ neuerdings auf Solopfaden unterwegs ist, sein Album “Kiox“ heraus. Darauf enthalten: unter anderem der Song “9010“, nach der alten Postleitzahl von Karl-Marx-Stadt alias Chemnitz benannt. Einige “9010“-Zeilen gegen Rechts: “Erst haben sie dich aus dem Kampfsportstudio geworfen. Du warst selbst denen zu krass. Dann hast du den Job verloren, später ein paar Jahre im Knast. Dann kam der Alkohol und die Drogen, du wurdest zur Last. Dabei hattet ihr euch doch geschworen: Nichts geht über die Bruderschaft.“

Die alten Hasen: Fettes Brot

Jeder habe in seinem Umfeld doch schon mal Leute erlebt, “die Sachen sagen, bei denen dir der Kopf explodiert“, sagte Björn Beton alias Björn Warns in einem Interview mit der “Zeit“. Ob Freundschaften rechtes Gedankengut aushalten müssen, darüber rappt das Trio von Fettes Brot auch in seinem neuen Song “Du driftest nach rechts“. Spoiler Alert: Manchmal muss eine Freundschaft auch einfach beendet werden. Eine Zeile aus dem Song: “Ich mag's nicht, wie du bist, wenn der Frust dich frisst, du mit verkniffenem Gesicht deinen Hass rauslässt. Wenn du Wohnungslose und Journalisten disst und von Geflüchteten als Touristen sprichst.“

"Du driftest nach rechts": Fettes Brot findet Umgang mit rechtem Gedankengut im eigenen Umfeld schwer

Das Urgestein: Herbert Grönemeyer

“Egal, was die Politiker machen, wir leben hier und wir halten zusammen und wir geben Menschen Schutz, wir gehen keinen Millimeter nach rechts!“ rief Herbert Grönemeyer erst im September bei einem Konzert auf der Berliner Waldbühne. Das Motto “Kein Millimeter nach rechts“ zieht sich wie ein roter Faden auch durch sein neues Album mit dem passenden Namen “Tumult“. Grönemeyer, der nicht müde wird, auch in Instagram-Videos auf den aktuellen Rechtsruck aufmerksam zu machen, singt in seinem neuen Song “Fall der Fälle“: “Es bräunt die Wut, es dünkelt, der kleine Mob macht rein. Es ist die Angst, die glaubt: Sauber muss es sein und immer brenzlig und gemein.“

Herbert Grönemeyer: Aufruf gegen Rassismus löst politische Debatte aus

Erstaunlich nachdenklich: Sebastian Krumbiegel

Mit der Spaß-Band “Die Prinzen“ wurde Sänger Sebastian Krumbiegel berühmt, als Solokünstler schlägt er leisere und vor allem nachdenklichere Themen an. Seine aktuelle Single “Die Demokratie ist weiblich“ erschien passenderweise zu den Landtagswahlen in Ostdeutschland und für das Video holte sich der Leipziger Unterstützung von zahlreichen Prominenten. Unter anderem Armin Mueller-Stahl, Til Schweiger, Iris Berben und Nova Meierhenrich mimten Zeilen wie die folgenden playback in die Kamera: “Ich will ein Leben lang für diese Dinge gradestehn. Mit all den Leuten, die auf unsrer Seite sind. Ich will ein Leben lang auf dieser Barrikade stehn.“

Die Experimentierfreudigen: Deichkind

Auch die Hamburger Musiker positionieren sich gegen Rechtspopulismus – und das nicht nur im Jahr der Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen. “Ein Großteil der Bevölkerung nimmt eine kleine, aber hochaktive Gruppe, die die Foren bestückt, als riesige Menge wahr - und das schafft neue Realitäten“ , sagte etwa Henning Besser von Deichkind in der “Zeit“. An “verbalen Vergeltungsschlägen“ haben die Musiker dennoch kein Interesse – “wir wollen Leute aufwecken und zurückholen. Wir haben keinen Bock mehr auf Hass“, wird auch Bandkollege Sebastian Dürre zitiert. Entsprechend heißt es in dem Song “Wer sagt denn das?“: “Die Fakten aus der Filterblase liefern den Beweis. Experten können bestätigen, sie wissen jetzt Bescheid. Es wurde viel diskutiert und auch lange nachgedacht. Endlich haben sie die Frage auf alle Antworten gehabt.“

"Keinen Bock mehr auf Hass": Deichkind positionieren sich gegen Populismus

Der Gefühlvolle: Adel Tawil

Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil, Sohn von Migranten aus Ägypten und Tunesien, engagiert sich in seiner Heimatstadt Berlin schon seit Jahren gegen Ausländerhass. Und auch auf seiner aktuellen Platte “Alles lebt“ erhebt Tawil die Stimme: “Ich bin hier geboren, war dein glücklichstes Kind. Jetzt wird meine Schwester in der Bahn beschimpft“ heißt es etwa in “Wo soll ich hingehen?“. Aufgeben kommt für den 41-Jährigen nicht in Frage: “Ich lass' mich nicht kleinkriegen von den Gespenstern. Ich werd' nirgendwo hingehen. (...) Weil du mein Zuhause bist. Ich bin ein Kind dieser Stadt.“

Die Weltoffenen: Seeed

Ghana, Frankreich, Schweiz, Guinea, Jamaika, Deutschland – die Musiker der Berliner Combo “Seeed“ haben die verschiedensten kulturellen Hintergründe und demonstrieren vielleicht gerade deshalb so souverän Weltoffenheit, Toleranz und Menschenliebe. Diese drei Attribute – ungeachtet der Religion, der Herkunft oder der politischen Ausrichtung – kommen in “Komm in mein Haus“ auch besonders gut zur Geltung, wenn es heißt: “Egal woher du kommst, an welchen Gott du glaubst. Gibst du die Welt nicht auf, dann komm in mein Haus, hey. Atme tief ein, atme tief aus. Öffne dein Herz, mach die Augen auf. Komm in mein Haus.“

"Bam Bam": Seeed kehren mit Album Nummer fünf zurück

Mit schneller Sprache gegen Rechts: Die Fantastischen Vier

Sie waren nie unpolitisch und engagieren sich für zahlreiche Initiativen von “Laut gegen Nazis“ bis #unfollowme, in ihren Rapsongs geben sie aber oft dem Spaß den Vortritt. Im aktuellen Fanta-Vier-Album “Captain Fantastic“ ist das anders. In “Endzeitstimmung“ etwa heißt es: “Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid die Vollidioten. Keiner will, dass seine Welt aus dem Gleichgewicht kommt. Aber sind wir doch mal ehrlich, ist sie eigentlich schon.“ Mehr Toleranz und Haltung statt Hetze – fantastischer waren die Fanta Vier nie.