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„Neuer Preiskrieg am Ölmarkt möglich“

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Rohstoffanalyst Eugen Weinberg sieht eine Ölschwemme auf die Welt zurollen und sagt gravierende Folgen für die Ölmärkte voraus, wenn Joe Biden die US-Präsidentschaftswahl gewinnt.

Eugen Weinberg ist Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank in Frankfurt.

WirtschaftsWoche: Herr Weinberg, obwohl die Preise im Keller sind, will die Opec die Ölproduktion Anfang 2021 hochfahren. Ist das klug – oder eine Harakiri-Strategie?
Eugen Weinberg: Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass es so kommt. Das Kartell kann sich den geplanten Förderanstieg schlicht nicht leisten. Die zweite Pandemiewelle mit ihren Lockdowns und weltweiten Mobilitätseinschränkungen ist für die Opec ein Riesenproblem, die kam in ihren Produktionsplänen nicht vor. Die gesamte Strategie baut darauf auf, dass sich die Lage bis Jahresende normalisiert. Das aber wird nicht passieren. Und die Opec hat darauf noch keine Antwort.

Was folgt daraus für die Opec-Konferenz am 30. November?
Das Hauptproblem am Ölmarkt ist die schwache Nachfrage – kurzfristig, aber auch langfristig. Selbst eine Verlängerung der geltenden Förderquoten dürfte daher nicht ausreichen, den Preis zu stabilisieren. Zugleich wachsen die Spannungen innerhalb der Opec und des Opec-Plus-Bündnisses. Länder wie Nigeria, Angola oder Irak überschreiten ständig ihre Quoten. Saudi-Arabien musste seine Produktion daher überproportional zurückfahren. Zudem gibt es Opec-Mitglieder, die am Kürzungsabkommen nicht teilnehmen, etwa Libyen. Dort ist die Produktion zuletzt auf eine halbe Million Barrel täglich gestiegen, bis Jahresende könnten es eine Million Barrel sein. Da werden sich irgendwann andere Staaten, die das Abkommen mehr oder weniger umsetzen, fragen, warum sie nicht auch mehr fördern sollten.

Und dann?
Irgendwann könnten die Saudis die Geduld verlieren und einen neuen Preiskrieg anzetteln, um sich Marktanteile zu sichern. Sie könnten übergangsweise ihre Produktion so massiv erhöhen und die Preise so tief in den Keller treiben, dass viele andere Öl-Staaten finanzielle Probleme bekommen. Es ist nun mal so, dass die Saudis in der Opec-Plus-Gruppe den Ton angeben. Russland ist hier nur der Untertan.

Welche Rolle spielen die US-Präsidentschaftswahlen für den Ölmarkt?
Eine große! Wenn Joe Biden die Wahl gewinnt, könnte der Iran im kommenden Jahr an den Ölmarkt zurückkehren. Dann ist Schicht im Schacht für die Preise, dann geht es stramm nach unten! Derzeit verkauft der Iran wegen der Sanktionen nur ein paar Hunderttausend Barrel, etwa an China und Venezuela. Doch das Land hat die Kapazitäten für 2,5 Millionen Barrel - pro Tag. Hinzu kommt, dass weltweit immer noch riesige Ölreserven im Boden liegen. Irgendwann weiß man dann gar nicht mehr, wohin mit all dem Öl.

Was bedeutet das für den Preis?
Einen Preis von 60 Dollar pro Barrel werden wir auf absehbare Zeit nicht mehr sehen. Und ein Preis von über 100 Dollar wie 2012 und 2013 ist erst recht Geschichte. Saudi-Arabien wird alles tun, um den Preis in den kommenden Monaten einigermaßen stabil zu halten, also bei etwa 40 Dollar. Das Land steckt in einer schweren finanziellen und wirtschaftlichen Krise und kann sich fallende Einnahmen nicht leisten.

Manche Experten glauben, dass die alte Debatte um „Peak Oil“, also einen Scheitelpunkt des Ölangebots, ersetzt werden muss durch „Peak Demand“ – ein nachhaltiges Absinken der Nachfrage. Ein realistisches Szenario?
Ja. Peak Demand ist kein Hirngespinst, sondern womöglich bereits Realität. Wahrscheinlich wird die globale Ölnachfrage nie wieder so hoch sein wie in den Boomjahren 2018 und 2019. Für die Ölwirtschaft ist das ein Riesenproblem. Selbst wenn die Nachfrage für einen begrenzten Zeithorizont weiter steigen sollte, so wird sich der Anstieg sukzessive verlangsamen. Da kommen dann auch die Klimapolitik und der Trend zur E-Mobilität ins Spiel. Auf dieses Szenario ist die Opec nicht ansatzweise vorbereitet.

Die Opec selber geht aber davon aus, dass die globale Nachfrage zumindest bis 2040 weiter steigt…
Langfristprognosen sind am Ölmarkt immer mit großer Vorsicht zu genießen. Wir können hier ja oft noch nicht einmal vorhersagen, was in zwei Monaten los ist. Fakt ist: Fast alle Zeichen bei der Nachfrage stehen auf Verlangsamung. Und da geht es nicht nur um Corona. Auch der Mega-Trend der De-Globalisierung, also der Trend zu Abschottung und stärker regionaler Wertschöpfung trägt zu einer niedrigeren Ölnachfrage bei. Der Transportsektor mit all seinen Schiffen, Flugzeugen und Lastwagen war in der Vergangenheit ein wichtiger Player bei der Ölnachfrage. Künftig werden wir weniger transportieren und dabei im Schnitt weniger Strecke zurücklegen.

Wenn die Öleinnahmen sinken, gehen auch die Investitionen der Ölstaaten in die Förderinfrastruktur zurück. Wie stark würden darunter deutsche Unternehmen leiden?
Klar, die globale Ölindustrie ist ein wichtiger Auftraggeber für deutsche Unternehmen. Insofern werden es etwa Maschinen- und Anlagenbauer durchaus spüren, wenn die Öleinnahmen nicht mehr sprudeln. Das ist aber nur die betriebswirtschaftliche Sicht. Volkswirtschaftlich überwiegen die positive Effekte sinkender Energiekosten. Deutschland ist großer Ölverbraucher und -importeur. Die wegfallenden Aufträge werden gesamtwirtschaftlich kompensiert durch eine Entlastung auf der Kostenseite. Der Effekt sinkender Ölpreise für die deutsche Wirtschaft ist per Saldo positiv.

Mehr zum Thema: Viele Experten glauben nicht mehr an große Nachfragesprünge. Der Ölpreis könnte auch nach Corona dauerhaft niedrig bleiben.