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Neue Software: Mercedes zieht Konsequenzen aus Monza-Debakel

Heiko Stritzke
·Lesedauer: 4 Min.

Das Mercedes-Formel-1-Team hat Maßnahmen ergriffen, damit sich die Ereignisse aus Monza nicht wiederholen. Lewis Hamilton war unter Safety-Car-Bedingungen an die Box gekommen, obwohl diese geschlossen war. Kevin Magnussens Haas musste geborgen werden. Der Däne hatte das defekte Auto unweit des Boxeneingangs abgestellt.

Mercedes hat Maßnahmen beschlossen, damit das Team die Nachricht aus der Rennleitung, dass die Boxengasse geschlossen ist, nicht noch einmal verpasst. Dazu wird eine neue Software programmiert, die sicherstellt, dass die Ingenieure die Mitteilung erhalten. Bislang hat sich das Team darauf verlassen, dass es jemand auf dem Monitor erkennt.

"Es gab zwei Möglichkeiten, die Information zu erkennen, die sagte, dass die Boxengasse geschlossen ist", sagt Mercedes-Chefstratege James Vowles in einem Teamvideo. "Die erste waren Boards an der Strecke mit einem roten Kreuz. Wenn der Fahrer das sieht, weiß er, dass er draußen bleiben muss."

"Die zweite Möglichkeit waren die Fernsehbildschirme vor uns. Einer der Monitore heißt 'Seite 3' und zeigt die Mitteilungen an, die die FIA uns schickt. Dabei kann es sich um eine Gelbe Flagge oder ein Safety-Car handeln. Eine dieser Messages war, dass die Boxengasse geschlossen ist."

Menschliches Versagen am Kommandostand

Vowles gibt zu, dass er selbst, der leitende Renningenieur Andrew Shovlin oder Teammanager Ron Meadows zu sehr auf den Boxenstopp an sich konzentriert gewesen seien und so die Nachricht nicht mitbekamen.

"Das war ein Schlüsselmoment im Rennen, denn gesamte Feld wäre an die Box gekommen", sagt Vowles. "Lewis fragte nach einem anderen Satz Reifen und wir schauten, ob wir genug Zeit hätten und es die richtige Entscheidung wäre oder nicht. Das alles dauert nur Sekunden, aber diese summieren sich. Da schaut man nicht extra auf den Monitor, ob die Boxengasse geschlossen ist."

"Sowohl 'Shov' als auch ich selbst haben das schon zweimal erlebt. Zuletzt ist das 2016 in Brasilien der Fall gewesen. Damals lag es aber auf der Hand. Es hatte einen großen Crash gegeben und überall lagen Trümmer. Da wollte man gar nicht erst in die Boxengasse fahren."

"Diesmal ist es anders gewesen. Die Situation hat uns nicht dazu gebracht, auf den Monitor zu schauen und nach einer einzelnen Zeile zu suchen, die sich zwischen all den anderen Mitteilungen versteckte. Wir haben sie [im Zeitfenster für Hamilton] übersehen und nicht lange gebraucht, um sie zu entdecken."

Das Team erblickte die Zeile noch rechtzeitig, um Valtteri Bottas nicht reinzuholen. Vowles zufolge haben die anderen Teams ebenfalls ein bisschen Zeit gebraucht, um die Zeile zu erblicken. Doch da deren Fahrzeuge weiter hinten lagen, hatten sie ausreichend Zeit, ihre Fahrer zu informieren. Hamilton hatte mehr als zehn Sekunden Vorsprung auf alle, bevor das Safety-Car auf die Strecke kam.

"Wir konnten Valtteri draußen halten und wissen aus dem Abhören des Funks der anderen Teams, dass sie etwa zehn Sekunden gebraucht haben, um es zu sehen. Diese zehn Sekunden waren von großer Bedeutung, weil Lewis so weit in Führung gelegen hatte."

"Mit all dem, was wir jetzt wissen, steht fest, was wir rückblickend anders hätten machen müssen. Wir können mit einer Software ein System schaffen, mit dem wir diese wichtigen Informationen innerhalb weniger Sekunden sehen können."

Kein Vorwurf an Hamilton

Vowles sagt auch, dass das Team nicht mit dem Finger auf Lewis Hamilton zeigt, weil dieser die Signale auf der Strecke übersehen hat: "Er ist in vollem Renntempo in die Parabolica eingebogen. Der Fahrer versucht dort, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten. Und er musste auch noch auf die richtige Deltazeit achten und sich auf den Boxenstopp vorbereiten."

"Da ist vieles gleichzeitig auf ihn eingeprasselt. Man schaut typischerweise nicht auf die Anzeige ganz am linken Streckenrand. Normalerweise zeigt sie ja bloß das Safety-Car an, worüber ohnehin jeder Bescheid weiß."

‘¿’"Und man kann eine Strafe bekommen, wenn man unter SC-Bedingungen zu schnell fährt. Seine Priorität war, das Auto unter Kontrolle zu halten, die Deltazeit einzuhalten und alles für den Boxenstopp vorzubereiten."

Zwei LED-Anzeigen zeigten an, dass die Boxeneinfahrt gesperrt war. "Die erste war sehr schwierig für ihn zu erkennen und eine war auf der linken Seite", so Vowles. "Aber wie ich schon sagte, hat er sich auf das Fahrzeug und das Armaturenbrett [also die Lenkradanzeige] konzentriert und es daher nicht gesehen."

"Wenn man sich die Onboard-Aufnahmen von Lewis ansieht, als er in die Box fährt, sieht man keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass die Boxengasse geschlossen ist. Es gibt keine weiteren Anzeigen und keine Ampel mehr [am unmittelbaren Eingang], die ihm anzeigen würde, dass hier zu ist. Aus seiner Sicht wäre es sehr schwer gewesen, hochzuschauen, genau auf den richtigen Ort zu blicken und eine Entscheidung zu treffen, wenn er nur einen Sekundenbruchteil Zeit hat.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.