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Der neue Notenbankchef der Türkei will einen kompletten Neuanfang

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Ein Top-Bürokrat und Erdogan-Vertrauter soll die Lira-Krise beenden. Naci Agbal sendet Signale an die Märkte – und an den Finanzminister.

Naci Agbal hatte noch nicht einmal sein neues Büro bezogen, da sorgte er bereits für Furore unter Investoren: Die türkische Lira stieg zwischenzeitlich um fünf Prozent. Für Staatschef Recep Tayyip Erdogan dürfte das eine Bestätigung sein, den richtigen Schritt gewagt zu haben. Er hatte den Gouverneur der Notenbank entlassen und Agbal als Nachfolger bestellt.

Die türkische Lira verliert so schnell an Wert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Allein in diesem Jahr hat sie über ein Drittel zum US-Dollar abgewertet. Jetzt soll es Naci Agbal richten. Der ehemalige Budget-Chef im Präsidialamt erklärte gleich nach seinem Amtsantritt, dass er „alles Notwendige" tun will, um die Preise zu stabilisieren.

Ein anderer Schritt dürfte jedoch für größere Marktreaktionen gesorgt haben: Agbal ist Gegner von Finanzminister Berat Albayrak. Einen Tag nach Agbals Berufung in die Zentralbank reichte Albayrak nun seinen Rücktritt ein.

Der 52-jährige Wirtschaftswissenschaftler Agbal hat eine klassische Karriere als Top-Bürokrat hinter sich. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Istanbul und einem MBA im britischen Exeter wurde Agbal 1993 Inspektor im Finanzministerium. 2009 stieg er zum Unterstaatssekretär auf. Seit 2015 sitzt er für die Regierungspartei AKP im türkischen Parlament. Gleichzeitig wurde er für kurze Zeit Finanzminister.

2018 wurde er unter der neuen Verfassung zum Chefplaner für das Haushaltsbudget ernannt. Diese Position wird nicht mehr vom Finanzministerium vergeben, sondern vom Präsidenten selbst – ein klarer Aufstieg für Agbal.

Agbal muss Erdogans politisches Kapital retten

Jetzt steht er über Nacht wieder im Rampenlicht und findet sich in einem äußerst schwierigen Spannungsfeld wieder. Der türkische Präsident will die Leitzinsen um jeden Preis niedrig halten. Gleichzeitig leidet Erdogans Popularität unter der schwachen Lira. Er muss beweisen, dass er etwas dagegen unternimmt. Agbal ist nun derjenige, der auch Erdogans politisches Kapital retten muss.

Die Realwirtschaft kann mit niedrigen Leitzinsen gut leben. Die schwache Lira befeuert die Exporte, während der niedrige Ölpreis die Produktionskosten gering hält. Im eigenen Land sorgt eine steigende Inflation dafür, dass es den türkischen Firmen an Profit nicht mangelt. Beide Akteure, der Präsident wie auch die Industrie, dürften Agbal dazu drängen, die Zügel in der Geldpolitik nicht zu straff zu ziehen.

Auf der anderen Seite stehen Konsumenten und Investoren. Die Bürgerinnen und Bürger des Landes leiden unter der schwachen Lira, vor allem, weil Importgüter immer teurer werden. Die Inflation liegt bei 11,89 Prozent. Investoren wünschen sich höhere Zinsen, weil das ihre Rendite bei Türkei-Investments beflügelt. Sonst bringen sie kein Geld ins Land.

Agbal muss diese Interessen in einer Geldpolitik bündeln, die zumindest niemandem schadet. Wie entschlossen er sein kann, zeigt sich in seinem Umgang mit dem Finanzminister, der auch Erdogans Schwiegersohn ist. Agbal soll sich bei einem Treffen mit dem türkischen Staatschef kritisch über die Politik von Albayrak geäußert haben.

Bei einer Konfrontation zwischen Agbal und Albayrak soll der zehn Jahre jüngere Finanzminister ausgerastet sein, erzählen Insider. Einen Tag nach Agbals Berufung reichte Albayrak schließlich seinen Rücktritt ein. Eine Anfrage an Albayrak zu den Gründen blieb unbeantwortet.

Der Top-Bürokrat Agbal, der bislang vor allem die Politik von anderen umsetzte, muss jetzt selbst kreativ werden. Daran wird er gemessen werden – nicht nur von Investoren, sondern auch vom Präsidenten.