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Dieses neue Führungsduo übernimmt den Chefposten bei Renault


Eine Ära geht zu Ende: Nach tagelangen Spekulationen ist Carlos Ghosn (64) nun tatsächlich von seinem Posten als Renault-Chef zurückgetreten. Das gab der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire bekannt. Die französische Regierung, die mit rund 15 Prozent an Renault beteiligt ist, hatte schon vor einigen Tagen erklärt, eine Trennung von Ghosn vollziehen zu wollen.

Der 64-Jährige hatte den Chefposten seit 14 Jahren inne. Nach zwei Monaten in Untersuchungshaft in Japan war Ghosn aber nicht mehr zu halten. Bisher ist nicht bekannt, wie die finanziellen Bedingungen dieser Trennung aussehen. Sie sollen bis zur Hauptversammlung von Renault im Juni geregelt werden. Ghosn war am 19. November in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen worden. Bis zu einem Prozess kann es noch Monate dauern.

Die Nachfolger wurden bei Renaults Verwaltungsratssitzung in Boulogne-Billancourt bei Paris am Donnerstag ernannt. Thierry Bolloré, die bisherige Nummer zwei, der die Geschäfte schon führt, seit Ghosn in Japan im Gefängnis ist, wird Generaldirektor.

Jean-Dominique Senard, der derzeitige Chef von Michelin, übernimmt den Posten des Präsidenten, so ein Kommuniqué des Autoherstellers. „Er hat Kompetenz im Automobilbereich. Bei Michelin hat er seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, ein großes Industrieunternehmen zu leiten und er hat eine soziale Konzeption“, sagte Le Maire über Senard.

Damit leitet statt nur einer mächtigen Person nun ein Duo das Unternehmen. Senard hat die wichtige Mission, die Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi zu retten. Thierry Bolloré muss die Teams wieder mobilisieren. Leicht wird es für die Nachfolger nicht, Ghosn zu ersetzen. Der gebürtige Brasilianer hatte die Autoallianz von Renault-Nissan-Mitsubishi maßgeblich vorangetrieben.


Ghosn kam 1999 von Renault und hatte den Chef-Sessel bei Nissan übernommen, um den verschuldeten Konzern aus der Krise zu führen. 2005 rückte er auch an die Spitze von Renault. Bei dem französischen Autobauer erreichte er 2017 das beste Jahr der Firmengeschichte mit einem Rekordgewinn von 5,2 Milliarden Euro, 47,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Allianz war die Nummer eins in der Automobilindustrie mit 10,6 Millionen verkauften Fahrzeugen, davon 3,76 Millionen für Renault, 5,81 Millionen für Nissan. Die französische Finanzzeitung „Les Echos“ titelte schon: „Kann die Allianz ohne Ghosn überleben?“

Das Duo ist strategisch wertvoll für Frankreich

Die Franzosen waren schneller als Nissan, denn die Japaner haben immer noch keinen neuen Präsidenten. Renault ist zu 43 Prozent Aktionär bei Nissan und will bei der Auswahl offenbar ein Wort mitreden. Nissan dagegen hält nur 15 Prozent an Renault.

Der Nissan-Chef Hiroto Saikawa will Renaults neuen Verwaltungsratschef Senard „so schnell wie möglich“ im Vorstand einbinden, sagte er im Firmenquartier im japanischen Yokohama. Über mögliche Änderungen in der Allianz will Saikawa frühestens ab Nissans ordentlicher Aktionärsversammlung im Juni diskutieren – nachdem eine Kommission Reformen für die Unternehmensführung vorgeschlagen hat. 

Der japanische Autokonzern ist inzwischen doppelt so groß wie sein einstiger Retter Renault. Er gilt als technologischer Motor der Allianz. Deshalb geht es für Renault nun darum, konstruktiv mit den Japanern zusammenzuarbeiten. Diese hatten vorher Ghosns Allmacht kritisiert.

Auch die französische Regierung hatte schon lange darauf gedrungen, dass sich Ghosn einen Stellvertreter sucht, damit der 64-Jährige nicht alleine das Sagen bei der Allianz hat. Bei der Neuordnung der Allianz könnte Renault nun allerdings an Einfluss verlieren. Für die französische Wirtschaft ist der Autobauer von großer Bedeutung, davon hängen hundert Tausende Jobs ab. Deshalb ist strategisches Geschick gefragt.


Mit dem 65-jährigen Senard wählt Renault einen Präsidenten, der im völligen Kontrast zu Ghosn steht. Senard, der seit sechs Jahren Michelin führt, gilt als höflich, ethisch unumstritten, fürchtet sich aber nicht vor klaren Entscheidungen. Vor allem eilt ihm der Ruf voraus, ein sozialer Chef zu sein. Der Diplomatensohn ist auch für sein Verhandlungsgeschick bekannt und war der Wunschkandidat des Elyséepalastes. Ghosn dagegen ging immer wieder auf Konfrontation mit dem französischen Staat.

Der 55-jährige Bolloré wiederum war bei Renault im Vergleich zu dem charismatischen Ghosn immer zurückhaltend. Hinter dem schillernden Ghosn stand seine Nummer zwei im Schatten. Bolloré, der aus der Bretagne stammt, ist ein entfernter Cousin des Geschäftsmanns Vincent Bolloré.

Er hat 2012 als Direktor für die Herstellung bei Renault begonnen und war im Vorstand vorher zuständig für den Wettbewerb. Wie Ghosn hat Bolloré beim Reifenhersteller Michelin begonnen und lange im Automobilbereich gearbeitet. Seit 2005 besetzt er auch den Posten des Vizepräsidenten für den Automobilzulieferer Faurecia für Asien. Er gilt als Asienkenner.

Vom Stil eines allmächtigen Ghosn sind beide meilenweit entfernt – das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Mit dem neuen Duo an der Spitze kann der französische Staat ein Zeichen mitten in der Krise der Gelbwesten setzen. Ein neuer Typ von Firmenchef ist gefragt: bescheidener, volksnäher, mit einem Blick auf die sozialen Anliegen des Unternehmens.