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Wie der neue Brenntag-Chef den Chemiehändler auf Wachstum trimmt

·Lesedauer: 4 Min.

Der Chemiehändler profitiert vom robusten Geschäft und plant kräftige Gewinnzuwächse. Der neue Kurs des Vorstandschefs könnte Brenntag den Dax-Aufstieg bringen.

Wenn schon im nächsten Jahr die Erweiterung des Dax auf 40 Mitglieder kommen sollte, wird ein Ruhrgebietskonzern zu den Aufsteigern gehören: die Essener Brenntag AG. Der Weltmarktführer in der Chemiedistribution stand bisher wenig im öffentlichen Fokus. Das dürfte sich nicht nur mit einer Dax-Mitgliedschaft ändern: Die Firma setzt mit einem frischen CEO zu einer der tiefgreifendsten Neuordnungen ihrer Geschichte an.

Vorstandschef Christian Kohlpaintner verfolgt die Diskussion um die Reform von Deutschlands oberster Börsenliga nur am Rande. „Ein Aufstieg in den Dax ist nicht Maxime, sondern bestenfalls Resultat unseres Handelns“, sagt der 56-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er will die Position an der Weltspitze ausbauen und sich dabei nicht allein auf Zukäufe verlassen.

Im Januar ist der promovierte Chemiker von der Schweizer Clariant an die Spitze von Brenntag gewechselt. Handlungsbedarf hat er umgehend erkannt: Über viele Jahre hat der Essener Konzern einen strikten Übernahme-Kurs gefahren, seit 2007 wurden 99 Firmen in aller Welt zugekauft. Doch ist das Unternehmen aus Sicht des CEOs unter seinen Möglichkeiten geblieben.

„Brenntag hat es in den vergangenen fünf Jahren nicht geschafft, sein Potenzial als Nummer eins voll auszunutzen“, resümiert Kohlpaintner. „Es hat praktisch kein organisches Ergebniswachstum gegeben.“ Das soll sich in den kommenden Jahren ändern: Der neue Chef will zwar das Tempo der Übernahmen beibehalten, aber mehr aus dem weitverzweigten Vertriebsnetz herausholen.

Kohlpaintner kann dabei auf eine Stabilität bauen, die sich gerade in diesem Jahre gezeigt hat. „Die Resilienz unseres Geschäftsmodells hat sich in der Krise bestätigt und wird sich auch weiter zeigen“, sagt er. Die am Mittwoch vorgelegten Ergebnisse für das dritte Quartal zeigen dies: Der Umsatz sank zwar um acht Prozent auf 2,88 Milliarden Euro. Doch der operative Gewinn (Ebitda) legte um fünf Prozent auf 264 Millionen Euro zu.

Die Lieferketten konnte Brenntag in der Pandemie stets aufrechterhalten. Der Konzern kauft Chemikalien und Inhaltsstoffe im großen Stil bei Herstellern ein und vertreibt diese weltweit an 195.000 Kunden in der verarbeitenden Industrie.

Dabei geht es nicht nur um die Lieferung, sondern um Services wie Mischungen & Formulierungen, Neuverpackung oder Vermittlung von Anwendungs-Know-how. Es gilt bei der Firma als interner Risikoausgleich, dass sie in praktisch alle Branchen und in 77 Länder liefert.

Die Anleger haben die stabile Entwicklung in der Coronakrise bereits gewürdigt: Die Aktie notiert aktuell nahe einem Fünfjahreshoch bei 56 Euro. Seit dem Lockdown im März hat sie 85 Prozent an Wert gewonnen. Analysten wie die der Investmentbank JP Morgan sehen noch weiteres Aufwärtspotenzial nach den am Mittwoch vorgelegten Zahlen.

Nach Einschätzung von Analyst Markus Mayer von der Baader Bank dürfte Brenntag davon profitieren, dass Chemiehersteller im Zuge einer pandemiegetriebenen Neuausrichtung ihre Distribution an Dienstleister outsourcen. Zudem werde die schärfere Regulierung des Umgangs mit Chemikalien dazu führen, dass kleinere Distributeure sich großen anschließen.

Mit dem nun aufgelegten „Projekt Brenntag“ will der neue CEO die Firma für diese Phase rüsten. Die Organisation wird nach den vielen Zukäufen gestrafft, viele Verwaltungsaufgaben von einzelnen Standorten in regionalen Zentren zusammengefasst. 1300 Stellen werden gestrichen, 200 davon in Deutschland.

Zwei neue Geschäftseinheiten

Kostensenkung ist aber nicht Kohlpaintners vorrangiges Ziel. Es geht ihm um mehr Schnelligkeit und weniger Komplexität. „Brenntag muss den Anspruch haben, mindestens so stark zu wachsen wie der globale Chemiemarkt“, sagt er. Aus eigener Kraft ist das dem Konzern zuletzt nicht gelungen. Das operative Ergebnis (Ebitda) soll in den nächsten Jahren jeweils organisch um vier bis sechs Prozent zulegen.

Eine neue Organisation des operativen Geschäfts soll dies ermöglichen. Brenntag gründet dazu zwei neue Einheiten: Die Sparte „Essentials“ wird sich auf das Massengeschäft konzentrieren, bei dem es vor allem um Verlässlichkeit und niedrige Kosten geht. In der neuen Einheit „Specialities“ ist hingegen von Brenntag Anwendungs-Know-how mit eigenen Labors gefragt, denn dort gehen erklärungsbedürftige Spezialchemie-Produkte an Kunden aus Pharma, Kosmetik, Ernährung oder Beschichtungen.

Zukäufe werden auch für den neuen CEO eine große Rolle spielen. Denn der Markt für Chemiedistribution ist trotz der langjährigen Konsolidierung noch immer stark zersplittert. Brenntag steht mit einem Umsatz von 12,8 Milliarden Euro an der Spitze, gefolgt von Univar aus den USA mit umgerechnet 8,6 Milliarden Euro Umsatz. Die niederländische IMCD kommt als Nummer drei auf 2,8 Milliarden Euro. Das Volumen des Weltmarktes wird auf 270 Milliarden Euro geschätzt.

Der Großteil des Marktes wird von kleinen, lokal tätigen Distributeuren bedient. Brenntag hat zuletzt jährlich 200 bis 250 Millionen Euro für die Übernahmen solcher kleineren Dienstleister ausgegeben. „Wir werden auch in Zukunft in einem solchen Maßstab zukaufen“, sagt Kohlpaintner. „Aber wir werden den Ansatz schärfen und legen den Fokus zukünftig stärker auch auf Asien.“