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Netflix: Dank starker Quartalszahlen auf dem Sprung zum wertvollsten Medienkonzern der Welt

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Hat das Wohnzimmer längst erobert: Streaming-Gigant Netflix (Foto: © Netflix)

„The Crown“, „Dark“, „Stranger Hits“, „House of Cards“: Die Liste der Netflix-Serienhits ist schier endlos. Die vielleicht beste Story aber liefert der Streaming-Anbieter selbst: Netflix ist eine der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten der Internet-Ära, die scheinbar keine Wachstumsgrenzen kennt – wie die neuen Quartalszahlen beweisen.

Die Kurszuwächse sind überschaubar: In einem Börsenjahr, in dem Aktienmärkte hierzulande um 4 Prozent hinten liegen (Dax) oder jenseits des Atlantiks ums Plus kämpfen (Dow Jones – 0,5 Prozent), gibt es tatsächlich eine Aktie, die seit Jahresbeginn bereits um unfassbare 61 Prozent zugelegt hat.

Netflix heißt der Börsenstar, wieder einmal. Bereits in den vergangenen Jahren hat der Internetpionier astronomische Kurszuwächse verbucht – nun folgt die massive Aufwertung des Börsenwertes. Um enorme 60 Milliarden Dollar ist der Streaming-Anbieter nach gerade einmal dreieinhalb Monaten wertvoller als noch zu Jahresbeginn.

Lohn der massiven Kursrally: Mit einer Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Dollar hat der Internet-Pionier nach dem Börsenwert bis auf 10 Milliarden Dollar auf den schier ewigen Branchenprimus der Medienindustrie aufgeschlossen – Disney. Bewegt sich die Netflix-Aktie weiter entsprechend dynamisch, könnte die Wachablösung nur noch eine Frage der Zeit sein. Der Wechsel an der Spitze stünde symbolträchtig für den Paradigmenwechsel zwischen alten und neuen Medien.

Start als DVD-Versender

Dabei deutete vor 20 Jahren tatsächlich noch nichts darauf hin, dass Netflix zu einem der größten Medien-Imperien des 21. Jahrhunderts aufsteigen würde: Das von Reed Hastings 1997 gegründete US-Unternehmen begann als DVD-Versender und forderte den vermeintlich übermächtigen Platzhirsch Blockbuster heraus.

Mit der Verbreitung des Breitband-Internets wagte Hastings 2007 dann den großen Paradigmenwechsel, den andere Medien verschlafen hatten: Die Zukunft der Film- und Fernsehindustrie lag im Internet. Dem Geschäftsmodell liegt die Annahme zugrunde, dass sich immer mehr Menschen Selbstbestimmung wünschen, wann und wie sie welche Filme sehen wollen – das klassische TV-Modell mit festen Fernsehzeiten und Werbeunterbrechungen hat ausgedient.

„Netflix and Chill“: Eigenproduktionen schufen Kult

Geld verdient Netflix ausschließlich über sein Abo-Modell: Bereits für 8 Euro im Monat bekommen Kunden in Deutschland, wo der amerikanische Streaming-Dienst seit September 2014 vertreten ist, Zugang zur Netflix-Welt – und damit zu rund 2500 Filmen und 300 Serien, die größtenteils zweisprachig und mit Untertiteln erhältlich sind.

Regelrecht zum Kult („Netflix and Chill“) avancierte Netflix jedoch durch das größte Wagnis in der knapp zwanzigjährigen Firmenhistorie: Um einen unverwechselbaren Charakter zu bekommen, entschied sich Reed Hastings für massive Investition in eigene Inhalte (Original Content).

“House of Cards” verhalf zum Durchbruch

Den Anfang machte vor 2012 der bis heute größte Erfolg: „House of Cards“ um den korrupten US-Politiker Frank Underwood, der es mit seiner skrupellosen Art bis ins Weiße Haus schafft und Zuschauer durch einen direkt an sie gerichteten Erzählstil in den Bann zieht. 100 Millionen Dollar investierte Netflix allein in die erste Staffel, für die die Hollywood-Stars Kevin Spacey und Robin Wright verpflichtet wurden.

Die Wette ging auf: „House of Cards“ räumte nicht nur zahlreiche Preise ab, die bis dato der klassischen TV-Industrie vorbehalten waren, sondern lockte auch scharenweise neue Zuschauer an. Tatsächlich war das Politdrama nur der Anfang: Bis heute sind allein über 60 eigene US-Serienproduktionen auf Netflix zu sehen – darunter so beliebte Serien wie „Orange is the new Black“, „Narcos“, „Jessica Jones“ oder “Stranger Things”.

Schon 125 Millionen Kunden weltweit

In diesem Jahr expandiert Netflix nun im ganz großen Stil: Für Eigenproduktionen wendet CEO Reed Hastings 2018 enorme 8 Milliarden Dollar auf. Dadurch wächst Netflix’ Inhalte-Angebot in gigantischem Ausmaße. Bis Ende des Jahres will der Streaming-Video-Dienst seinem immer größeren Kundenstamm bereits 700 Eigenproduktionen anbieten – darunter immer mehr internationale Angebote (wie etwa der deutsche Serienhit “Dark”),  ca. 80 eigene Filmproduktionen, zahlreiche Dokumentationen und neue Formate wie die neue Interview-Reihe mit David Letterman (“My next guest needs no introduction”).

Das massive Content-Investment, das Netflix u.a. mit einer Verschuldung von mehr als 4 Milliarden Dollar finanziert, hat sich ausgezahlt: Mit inzwischen 125 Millionen Abonnenten in mehr als 190 Ländern, die täglich über 140 Millionen Stunden Filme und TV-Serien genießen, ist Netflix längst der größte Internet-TV-Anbieter weltweit.

Netflix übertrifft mit Quartalszahlen erneut die Erwartungen der Wall Street

„Ich glaube, dass Netflix die neue Kabelgesellschaft der Welt wird“, adelte CNBC-Marktkommentator James Cramer den Internet-Pionier bereits vor Jahren. Heute wird immer klarer, wie prophetisch Cramers Einschätzung tatsächlich war. Nach Handelsschluss an der Wall Street unterstrich der Streaming-Videodienst einmal mehr sein unwiderstehliches Wachstum: Im abgelaufenen März-Quartal konnte Netflix erneut die Analystenschätzungen deutlich überbieten.

Zwischen Anfang Januar und Ende März konnte CEO Reed Hastings nicht nur mit 7,4 Millionen neuen Abonnenten den zweitstärksten Kundenzuwachs verbuchen, sondern gleichzeitig mit 3,7 Milliarden Dollar die höchsten Umsätze der Konzerngeschichte. Vor einem Jahr hatte Netflix noch fast eine Milliarde weniger erlöst.

Größter Konzerngewinn und dynamischstes Umsatzwachstum der Firmengeschichte

Noch positiver: Das Umsatzwachstum hat sich weiter beschleunigt und sich mit einem Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum so dynamisch entwickelt wie noch nie. Gleichzeitig gelingt es Netflix, sein rasantes Wachstum immer besser zu monetarisieren: Das 21 Jahre alte US-Unternehmen erzielte mit einem Konzernergebnis von 290 Millionen Dollar den größten Quartalsgewinn der Firmengeschichte.

Und im nächsten Quartal soll es noch besser werden: CEO Reed Hastings prognostizierte im Ausblick auf den laufenden Dreimonatszeitraum bei Umsätzen von 3,9 Milliarden Dollar einen Gewinn von 358 Millionen Dollar.

Disney nach Börsenwert fast eingeholt

Entsprechend groß war die Euphorie auch nach Handelsschluss: Die heiß gelaufene Netflix-Aktie verteuerte sich im nachbörslichen Handel um weitere 5 Prozent auf 325 Dollar. Damit hat Netflix nicht nur sein jüngstes Allzeithoch von Anfang März wieder im Blick, sondern sogar den langjährigen Branchenprimus Disney, der im nächsten Jahr seinen eigenen Streaming-Dienst starten will, nach dem Börsenwert fast eingeholt.

Ganze 7 Prozent fehlen noch zur historischen Wachablösung zwischen dem Vorzeige-Medienunternehmen der Internet-Ära und dem Aushängeschild des Hollywoods des 20. Jahrhunderts. Spätestens dann wäre es an der Zeit, dass Netflix sein immer größeres Original Content-Angebot um einen weiteren Serienhit erweitert: eine Doku über seine eigene Erfolgsstory.