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Netflix-Bilanz: Ein letztes Halleluja vor dem Streaming-Start von Apple und Disney

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger


Netflix' Hauptquartier in Los Gatos: Traumfabrik für über 160 Millionen Abonnenten (Foto: © Netflix)


Der Countdown läuft: 15 Tage noch, dann bekommt Netflix Konkurrenz von Apple. 12 Tage später startet auch Disney sein eigenes Streaming-Angebot. Dass Netflix zunächst der unangefochtene Platzhirsch auf dem umkämpften Streaming-Markt bleibt, unterstrich der US-Internetriese nach Handelsschluss.

Es war ein harter Sommer für Reed Hastings. Der erfolgsverwöhnte CEO von Streaming-Superstar Netflix musste mit ansehen, wie sich die Wall Street auf einen Zeitenwechsel einstellt. In der Spitze ein Drittel an Wert büßte der langjährige Börsensuperstar nach Vorlage seiner Geschäftsbilanz des Juni-Quartals ein – nicht zuletzt, weil im Herbst der Doppelangriff von Apple und Disney mit eigenen Streaming-Angeboten folgt.

Bevor es so weit ist, kann Hastings Werbung in eigener Sache machen. Nach Handelsschluss an der Wall Street präsentierte Netflix als eines der ersten Internetunternehmen seine Bilanz für den abgelaufenen Dreimonatszeitraum von Anfang Juli bis Ende September, in dem sich die Geschäfte weitgehend besser entwickelten als von Analysten erwartet.

Bilanz über den Erwartungen

Die Umsätze legten mit einem Zuwachs von 31 Prozent auf nunmehr 5,25 Milliarden Dollar zu. Die Konsensschätzungen der Wall Street hatten exakt auf diesem Niveau gelegen. Deutlich übertroffen wurden dagegen die Gewinnerwartungen, die noch bei 1,05 Dollar je Aktie gelegen hatten.


Tatsächlich verdiente der 22 Jahre alte Internetpionier in den 91 Tagen des dritten Quartals 1,47 Dollar je Anteilsschein. Unter dem Strich erzielte Netflix mit 665 Millionen Dollar den größten Quartalsgewinn der Konzerngeschichte.

Neu-Abonnenten gegenüber Vorquartal verdoppelt, doch US-Markt gesättigt

Bei der seit jeher von Anlegern und Analysten kritisch beäugten Abonnentenentwicklung leistete sich Netflix indes erneut eine leichte Enttäuschung. Der nach Amazon, Google und Facebook viertwertvollste Internetkonzern der USA konnte auf dem Heimatmarkt lediglich noch rund rund eine halbe Million zahlende Neukunden von einer Mitgliedschaft überzeugen – Analysten hatten mit 800.000 neuen Abonnenten gerechnet.


International zieht der Streaming-Pionier, der das Binge-Watching von Serien zum popkulturellen Phänomen gemacht hat, dank Kultserien wie “House of Cards”, „Stranger Things“ oder “Das Haus des Geldes” Nutzer scharenweise in seinen Bann. Im dritten Quartal konnte Netflix 6,24 Millionen neue Abonnenten verbuchen, während die Wall Street außerhalb der USA mit 6 Millionen neuen zahlenden Mitgliedern gerechnet hatte.

Mit zusammengenommen 6,8 Millionen neuen Abonnenten blieb der Kultkonzern aus Los Gatos indes unter seinem eigenen Ausblick von sieben Millionen neuen Mitgliedern. Insgesamt bringt es Netflix per Ende September nunmehr bereits auf 158,3 Millionen zahlenden Abonnenten; inklusive Testzugängen sind es sogar 163,9 Millionen Mitglieder.

Durchwachsener Ausblick aufs Weihnachtsquartal

Auch im Ausblick auf das traditionell starke Weihnachtsquartal erlaubte sich Reed Hastings den Luxus, teilweise unter den Erwartungen der Wall Street zu bleiben. So stellte der Netflix-CEO im vierten Quartal lediglich Erlöse von 5,44 Milliarden Dollar in Aussicht, während Analysten durchschnittlich Umsätze in Höhe von 5,52 Milliarden Dollar erwartet hatten.


Der prognostizierte Zuwachs an zahlenden Abonnenten lag mit 7,6 Millionen indes sogar deutlich unter dem Wall Street-Konsens. Dass die Netflix-Aktie nachbörslich trotzdem in der Spitze um 10 Prozent auf 313 Dollar durchstartete, lag nicht zuletzt an dem Kursmassaker in den Monaten zuvor, als der langjährige Börsenliebling von 380 auf 254 Dollar abgestürzt war.

Die Konkurrenz von Apple und Disney steht in den Startlöchern

Wie nachhaltig die Kurserholung nun tatsächlich ist, dürfte sich den kommenden Wochen zeigen, wenn die Tech- und Medien-Giganten Apple und Disney ihre eigenen Streaming-Angebote starten. Apple+ heißt der neue Premium-Dienst des Kultkonzerns aus Cupertino, der am 1. November gleich auf einen Schlag in 150 Ländern der Welt startet – und das für den Kampfpreis von nur 4,99 Dollar / Euro im Monat.

Dass es der Tech-Gigant mit seinen Bewegtbild-Ambitionen sehr ernst meint, hatte Apples Internetchef Eddy Cue bereits im März bei der Präsentation des neuen Dienstes deutlich gemacht: “Wir fühlen uns geehrt, dass die absolut besten Storyteller der Welt – sowohl vor als auch hinter der Kamera – bei Apple TV+ mitmachen,” legte Cue die Latte für das neue Video-Angebot Apple-gemäß hoch.

Apple hat bereits 6 Milliarden Dollar in Apple TV+ investiert

Nach Angaben der Financial Times hat Apple seine Bemühungen auch finanziell deutlich hochgefahren. Wie das britische Wirtschaftsmedium im August berichtete, soll Apple bereits 6 Milliarden Dollar für seine Produktionen – darunter eine Neuverfilmung der “Amazing Stories” von Steven Spielberg und etwa „Morning Show“, einer Serie über das Frühstücksfernsehen mit Jennifer Aniston, Reese Witherspoon und Steve Carell – ausgegeben haben.

Nach einer Einschätzung des Wedbush-Analysten Daniel Ives könnte es Apples neuer Video-Streaming-Dienst in den nächsten drei bis fünf Jahren bereits auf bis zu 100 Millionen Abonnenten bringen – und damit zum ernsthaften Netflix-Rivalen erwachsen.

Disney+ startet am 12. November

Das gilt mindestens genauso für das neue Premiumangebot von Disney, das als Disney+ am 12. November zunächst in fünf Ländern startet: den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und den Niederlanden – und das auf dem Heimatmarkt zu einem Preis von monatlich gerade mal 6,99 Dollar.

Zum Vergleich: Netflix’ beliebtestes Abo-Modell in HD-Qualität für zwei Geräte kostet mit 12,99 Dollar fast das Doppelte. Anders als Apple TV+ startet Disney+ bereits mit einer gut bestückten Bibliothek bestehend aus Filmen und Serien aus den Studios von Disney, 20th Century Fox, Marvel und Lucasfilm. CEO Bob Iger kündigte heute zudem den Start von mindestens 35 neuen Eigenproduktionen (Originals) im ersten Jahr an.

“Beste Tage hinter Netflix”

Entsprechend skeptisch äußerten sich zuletzt immer mehr Analysten zu den Zukunftsaussichten des Streaming-Pioniers. “Die meisten Disney+-Abonnenten dürften von Netflix kommen, weil es US-Kunden traditionell widerstrebt, einen weiteren Streaming-Dienst zu abonnieren”, schrieb etwa jüngst die Investmentbank Needham in einer Kurzstudie, die dem Finanzinformationsdienst CNBC vorliegt.


Für die Anteilsscheine könnte das Ungemach bedeuten. “Die Netflix-Aktie hat die besten Tage hinter sich”, mutmaßt etwa Analyst Victor Anthony von Aegis Capital gegenüber CNBC.