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Ich nahm die „Pille Danach“ – & wurde trotzdem schwanger

Rose Stokes
·Lesedauer: 9 Min.

Das erste Mal, als ich zur Notfallverhütung greifen musste – besser bekannt unter ihrem Spitznamen: die „Pille Danach“ –, war ich 16 Jahre alt und ging noch zur Schule. Seitdem habe ich sie fünf- oder sechsmal genommen, meistens auf eigene Kosten und immer als Notfall-Vorsichtsmaßnahme, nicht als Verhütungsmethode an sich.

Meine Beziehung zur Verhütung – das ist eine lange Geschichte. Kurz gesagt wirkte sich die Anti-Baby-Pille negativ auf meine Psyche aus, und mein Körper stieß meine erste Spirale ab. Als Konsequenz hat die Pille Danach in meinem Leben wohl bisher immer eine größere Rolle gespielt als in den meiner Freund:innen. Sie war immer mein Sicherheitsnetz – das mich aber eines Tages, nachdem ein Kondom versagt hatte, nicht mehr auffangen konnte.

Plötzlich, vor rund einem Jahr, war ich also schwanger, trotz Pille Danach. „Ich war überrascht“ wäre noch untertrieben ausgedrückt für das, was ich danach empfand. Statistisch gesehen war ich also nicht nur eine der zwei bis zwölf von 100 Frauen, die trotz Kondom schwanger wurden – sondern zusätzlich auch noch die eine aus 20 Frauen, die trotz der Einnahme der Pille Danach weniger als 24 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr schwanger wurde. Unter anderen Umständen wäre ich wohl stolz auf diese unwahrscheinliche „Leistung“ gewesen.

Erst seit 2015 gibt es die Pille Danach in Deutschland rezeptfrei in Apotheken zu kaufen. Du bekommst sie in zwei unterschiedlichen Versionen: Eine besteht aus dem Wirkstoff Ulipristalacetat (UPA) – die bekannteste von ihnen heißt ellaOne –, die andere aus Levonorgestrel (LNG). Das sind dann Produkte wie Pidana, Unofem und Levonoraristo.

Statistisch gesehen war ich also nicht nur eine der zwei bis zwölf von 100 Frauen, die trotz Kondom schwanger wurden – sondern zusätzlich auch noch die eine aus 20 Frauen, die trotz der Einnahme der Pille Danach schwanger wurde.

Beide Stoffe haben die Aufgabe, den Eisprung zu verzögern oder ganz zu unterdrücken, um eine Befruchtung zu verhindern. So weit, so gut – aber inwiefern unterscheiden sie sich voneinander? Welchen du bekommst, hängt vor allem davon ab, wie viel Zeit vergangen ist: UPA-Pillen können bis zu fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr wirken, LNG-Pillen hingegen maximal drei Tage. Das liegt daran, dass Levonorgestrel sich nur dann auf den Eisprung auswirken kann, wenn der sogenannte Luteinisierungshormon-Spiegel vor dem Eisprung noch nicht angestiegen ist. Sprich: Steht der Eisprung schon zu kurz bevor, kann das LNG auch nichts mehr machen; UPA hingegen wirkt auch bis kurz vorm Eisprung noch.

Für beide Wirkstoffe gilt aber: Sie funktionieren am besten, wenn sie idealerweise innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden, und verlieren mit der Zeit immer mehr ihrer Wirkung. Von offizieller Seite sehen die Zahlen dabei aber eher gut aus: Wird sie schnell und korrekt eingenommen, liegt die Wirksamkeit der Pille Danach zwischen 59 und 98 Prozent.

Klingt erstmal nicht schlecht. Als ich aber in meinem Freundeskreis von meiner Schwangerschaft trotz Pille Danach erzählte, überraschte mich doch, wie oft ich zu hören bekam, dasselbe sei ihnen oder ihren Bekannten auch schon passiert.

Hannah* ist 35, macht gerade ihren Master in Psychologie, und auch sie wurde trotz Pille Danach schwanger. Die hatte sie ganz regulär in der Apotheke gekauft. „Ich war echt erstaunt darüber, dass jede:r die Statistiken zu kennen scheint, mir aber beim Kauf nicht erklärt wurde, wieso die Pille womöglich nicht funktionieren könnte“, erzählt sie. „Ich erfuhr erst, wie sie überhaupt wirkt, nachdem ich im Nachhinein recherchierte. Hätte mir jemand gesagt, dass sie vom Eisprung abhängt, hätte ich sie gar nicht gekauft. Das Timing war einfach falsch.“

Einer Frau, die zum Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs schon ihren Eisprung hat(te), kann auch keine Pille Danach mehr helfen – das Ei ist dann bereits unterwegs.

Das Problem dabei ist: Es gibt eben keine offiziellen Statistiken dafür, wie vielen Frauen das so schon passiert ist. Das liegt unter anderem auch daran, dass es quasi unmöglich zu bestimmen wäre, ob die Ergebnisse von Frauen verfälscht wurden, die die Pille Danach nehmen, ohne dass wirklich je ein Schwangerschaftsrisiko bestand. Schließlich bedeutet ungeschützter Sex nicht automatisch eine Schwangerschaft. Das bestätigt mir auch Samuelle Yohou von der Pharmazeutik-Firma HRA Pharma: „Nicht jede Frau, die ungeschützten Sex hat, wird davon schwanger. Statistisch gesehen sind es 55 aus 1000 Frauen.“ Laut Samuelle reduziert die Pille Danach mit UPA diese Wahrscheinlichkeit auf neun von 1000 Frauen.

Diese Zahlen lassen aber eins außer Acht: Einer Frau, die zum Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs schon ihren Eisprung hat(te), kann auch keine Pille Danach mehr helfen – das Ei ist dann bereits unterwegs. Dr. Jane Dickson von der britischen gynäkologischen Organisation Faculty of Sexual and Reproductive Health erklärt: „Die Hauptfunktion oral eingenommener Notfallverhütung ist es, den Eisprung zu verzögern, damit mögliche Spermien im Genitaltrakt absterben, bevor es zum Eisprung und einer möglichen Befruchtung kommen kann. Hat der Eisprung aber bereits stattgefunden, ist das Mittel vermutlich unwirksam.“

Zugegeben: Das steht so auch in der Packungsbeilage der ellaOne. Was allerdings ebenfalls dort gleich zu Anfang steht, ist: „ellaOne kann zu jedem Zeitpunkt des Menstruationszyklus eingenommen werden“ – wer nicht weiterliest und sich nicht genug über die Wirkweise der Pille Danach informiert, wähnt sich daher vielleicht in falscher Sicherheit.

In meinem Fall war es jedenfalls so. Ich ahnte nichts – bis ich feststellte, dass ich schwanger war. Zuerst fühlte ich mich danach sehr ignorant. War ich die Einzige, die keine Ahnung vom Schwangerschaftsrisiko der Pille Danach gehabt hatte? Nein. Eine Umfrage in meinem Bekanntenkreis lieferte mir die eindeutige Antwort: Kaum jemand wusste, wie sehr sich der Zeitpunkt des Eisprungs auf die Pille Danach auswirken kann.

Aber gibt es denn dann gar nichts, was du im Falle einer ungünstig getimten Verhütungspanne tun kannst, um eine Schwangerschaft zu verhindern? Doch. Dr. Dickson erklärt mir: „Die einzige Methode, die verlässlich wirkt, ist die Kupferspirale. Daher sollten Frauen an der Verkaufsstelle der Pille Danach auch auf diese Option aufmerksam gemacht werden.“

Und tatsächlich: Die Kupferspirale (nicht die Hormonspirale!) ist nicht nur eine sehr verlässliche Verhütungsmethode (99 Prozent), sondern bietet auch als Notfallverhütung ein besonders langes Handlungszeitfenster. „Sie kann bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr oder bis zu fünf Tage nach dem ersten möglichen Tag des Eisprungs eingesetzt werden – je nachdem, was später kommt“, meint Dr. Dickson.

Als ich also im letzten Jahr im Beratungszimmer der Apotheke meine Pille Danach einnahm, wurde ich nicht gefragt, wo ich mich gerade in meinem Menstruationszyklus befand (was ich dank meiner Tracking-App Clue ziemlich genau hätte beantworten können), noch wurde ich darauf hingewiesen, dass eine Kupferspirale vielleicht die bessere Wahl wäre. Damit will ich nicht behaupten, dass all das meine Entscheidung zur Pille Danach geändert hätte – aber Fakt ist: Das alles sind Informationen, die ich in der Apotheke gern bekommen hätte.

Hannah erging es ähnlich. „Zu keinem Zeitpunkt erwähnte man mir gegenüber irgendwelche Alternativen, die womöglich effektiver wären“, erzählt sie mir. Und natürlich kann dir kein:e Apotheker:in direkt vor Ort eine Kupferspirale verpassen – aber sollten Frauen nicht trotzdem zumindest auf andere, bessere Optionen hingewiesen werden?

Es gibt keinen Grund dafür, warum wir diese Pillen nicht genauso unkompliziert und preisgünstig wie Schmerztabletten kaufen können sollten.

Clare Murphy, British Pregnancy Advisory Service

„Ich stellte mir danach die Frage, wieso man mich so im Dunkeln gelassen hatte. Damit die Pharma-Industrie weiter Millionen an der Pille Danach verdient, indem sie ungeeignete Patient:innen nicht davon abhält, ein für sie unwirksames Medikament zu nehmen?“, mutmaßt Hannah.

Und so abwegig ist das gar nicht: Clare Murphy arbeitet für den British Pregnancy Advisory Service (BPAS) und verrät mir, dass die Herstellung der Pille Danach nur „ein paar Cent“ kostet, aber für vergleichsweise horrende Preise verkauft wird. Hierzulande kostet sie zwischen 16 und 35 Euro, und das ist für viele Menschen nicht gerade wenig. „Es gibt keinen Grund dafür, warum wir diese Pillen nicht genauso unkompliziert und preisgünstig wie Schmerztabletten kaufen können sollten“, meint Clare. „Sie sind nicht nur sehr wirksam, sondern auch sicher, und sollten uns zur Verfügung stehen, wann immer wir sie gerade brauchen.“ Und abgesehen davon wissen wir jetzt: Wann man sie einnehmen sollte, bedarf so viel mehr Klarheit und Aufklärung.

Und tatsächlich ist das „Wann“ dabei auch nicht immer der einzige entscheidende Faktor zur Wirksamkeit. Julia Hogan ist gynäkologische Krankenschwester und erklärt mir, dass auch der Body Mass Index (BMI) und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten die Effektivität der Pille Danach beeinflussen können.

„Wenn eine Frau einen BMI von über 26 hat oder mehr als 70 Kilo wiegt, ist es ratsam, die doppelte Dosis einer LNG-Pille einzunehmen“, sagt sie. Für die ellaOne gilt dasselbe, nur mit einem BMI von 30 und einem Körpergewicht von 80 Kilo. Ich persönlich habe einen BMI von über 30 – und bin wieder einmal überrascht von dieser Information. Als mir die Pille Danach verkauft wurde, wurde ich nicht gewogen oder auch nur darauf hingewiesen, dass mein Gewicht ein Problem sein könnte. Und natürlich fragte man mich auch nicht, ob ich denn gerade auch andere Medikamente nähme. Dabei steht in der Beilage der ellaOne sogar: „Die Anwendung bei Frauen mit schwerem Asthma, die durch Einnahme von oralen Glucocorticoiden behandelt werden, wird nicht empfohlen.“

Und natürlich lässt sich jetzt einfach sagen: „Dann lies doch die Packungsbeilage!“ Aber bitte bedenke an dieser Stelle, dass viele Frauen, die die Pille Danach nehmen – so wie ich –, zu diesem Zeitpunkt unter viel Stress stehen, weil sie eine mögliche Schwangerschaft befürchten. Und dabei dürfen wir auch nicht die Opfer von Vergewaltigungen vergessen, die ohnehin schon unter enormem emotionalen Druck stehen. Können wir von ihnen wirklich erwarten, sich genau dann auch noch ausführlich über alle möglichen Nebenwirkungen oder Wirkungsbedingungen der Pille Danach zu informieren? Sollten wir das von ihnen erwarten?

Keine Frage: Wir Frauen haben der Erfindung der Notfallverhütung viel zu verdanken. Sie ist eine weitere Möglichkeit der Selbstbestimmung und Kontrolle über unsere eigenen Körper. Das heißt jedoch nicht, dass von uns erwartet werden sollte, die Verantwortung für die menschliche Fortpflanzung allein auf unseren Schultern zu tragen. Zwar geht die Anzahl ungewollter Schwangerschaften weltweit immer mehr zurück, doch werden immer noch mehr als die Hälfte von ihnen (61 Prozent) abgebrochen. Ein hoher Prozentsatz, der sich vielleicht durch bessere Aufklärung verringern ließe.

Aber das ist ein Thema, das sich in einem Artikel so nicht abarbeiten lässt. Verhütung ist ein kompliziertes Thema. Fakt ist aber: Wenn du Sex hast, ist es wichtig zu wissen, wo du dich in deinem Zyklus befindest, obwohl – oder vielleicht besonders wenn – du gerade nicht schwanger werden möchtest. Letztlich ist es aber unmöglich, eine informierte Entscheidung über die eigene Verhütung zu treffen, wenn du erst gar nicht alle Informationen bekommst.

*Namen wurden von der Redaktion geändert.

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