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Nachhaltigkeitsrat empfiehlt Wasserstoffpakt zwischen Regierung und Industrie

Das Beratungsgremium der Bundesregierung mahnt: Bei der Wasserstoff-Technologie müsse konsequenter, schneller und internationaler vorgegangen werden.

Bis 2030 sollen mindestens 20 Prozent des in Deutschland genutzten Wasserstoffs aus nachhaltigen Quellen stammen. Foto: dpa

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) plädiert dafür, die Zukunftstechnologie Wasserstoff „konsequenter, schneller und internationaler“ als von der Bundesregierung geplant voranzutreiben.

„Es ist aus der Sicht des Nachhaltigkeitsrates an der Zeit, groß zu denken und zügig zu handeln“, heißt es in einer bislang unveröffentlichten 13-seitigen Stellungnahme, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die Bundesregierung hatte am 10. Juni die lang erwartete Wasserstoffstrategie vorgelegt. In den nächsten Jahren sollen Milliarden investiert werden, um die Technologie voranzutreiben. Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle dabei, fossile Energie aus Kohle, Öl und Gas bis spätestens 2050 nahezu vollständig zu ersetzen.

Allein das Konjunkturpaket sieht sieben Milliarden Euro für den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien in Deutschland und weitere zwei Milliarden Euro für internationale Partnerschaften vor.

Bis 2030 sollen mindestens 20 Prozent des in Deutschland genutzten Wasserstoffs aus nachhaltigen Quellen stammen und zunächst bis zu fünf Gigawatt Elektrolyseleistung aufgebaut werden.

„Wasserstoff muss in Ergänzung der erneuerbaren Energien zur zentralen zweiten Säule der Energiewende werden und ist für die Erreichung der Klima- und Nachhaltigkeitsziele unumgänglich“, sagte Werner Schnappauf, Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrats, dem Handelsblatt.

Schnappauf war CSU-Umweltminister in Bayern, später Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Dem Nachhaltigkeitsrat gehört er seit Ende 2016 an, seit Januar ist er sein Vorsitzender.

Groß denken, schnell handeln

„Wir müssen jetzt groß denken und schnell handeln“, wiederholt Schnappauf das Credo des Papiers. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft erfordere den massiven Ausbau erneuerbarer Energien national und international, die Schaffung der notwendigen Infrastrukturen sowie den Import großer Mengen von Wasserstoff, heißt es weiter in der Stellungnahme.

Der Rat wirbt darum für ein abgestimmtes europäisches Vorgehen und internationale Partnerschaften, um neue Wertschöpfungsketten zu etablieren und einen raschen Markthochlauf zu realisieren.

Und er plädiert ­ ergänzend zur Nationalen Wasserstoffstrategie der Regierung - für einen Wasserstoffpakt zwischen Regierung und den vorrangig beteiligten und betroffenen Industrien. Ziel sei es, einen verlässlichen Rahmen für einen zügigen Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft zu schaffen.

Der von der Bundesregierung avisierte Ausbau der Elektrolyseleistung von bis zu fünf Gigawatt in Deutschland bis 2030 sollte auf zehn Gigawatt erhöht werden. Um die Technologie nicht durch gegenläufige Subventionen oder Preissignale zu behindern, wird eine Reform des Steuer-, Umlagen- und Abgabensystems empfohlen.

Ebenso wie die Koalition setzt der Nachhaltigkeitsrat vor allem auf grünen Wasserstoff.

Der Fokus liegt auf grünem Wasserstoff

Grüner Wasserstoff wird mittels Elektrolyse von Wasser unter Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt, ist also CO2-frei. Neben einer weitgehenden Elektrifizierung vieler Sektoren werde grüner Wasserstoff als Alternative zu fossilen Energie und als Partner der erneuerbaren Energien in Deutschland, Europa und international zum Klimaschutz beitragen“, schreibt der Rat. „Die Transformation in eine grüne und globale Wasserstoffwirtschaft sollte verbindliche Zielsetzung sein.“

Wasserstoff dient bereits seit langem als Grundstoff in der Industrieproduktion – allerdings grauer. Dieser wird aus fossilen Brennstoffen gewonnen, es fällt also CO2 an. Blauer Wasserstoff wiederum ist grauer Wasserstoff, dessen CO2 bei der Entstehung abgeschieden und per Carbon Capture and Storage-Technik (CCS) gespeichert wird. In Deutschland deckt vor allem grauer Wasserstoff den bisherigen Bedarf ab.

„Die Nutzung von klimaschädlichem, grauem Wasserstoff muss so schnell wie möglich beendet werden“, fordert der Rat. Blauer Wasserstoff komme nur für einen Übergangszeitraum zum Einsatz.

Als Teil einer neuen Wasserstoffwirtschaft sieht der Rat türkisen Wasserstoff. Dieser wird über die thermische Spaltung von Methan hergestellt. Anstelle von CO2 entsteht dabei fester Kohlenstoff. Hier brauche es aber noch Forschungsanstrengungen.

Zudem sei sicherzustellen, dass die Energie für die Spaltung von Methan aus erneuerbaren Energien stammt und der feste Kohlenstoff nachhaltig und sicher gelagert oder weiterverarbeitet wird.

Für die Umstellung ganzer Prozesse etwa in der Stahl- oder Chemieindustrie auf grünen Wasserstoff braucht es große Mengen an Wind- oder Sonnenstrom, der dann für andere Stromanwendungen fehlt. Darum muss grüner Wasserstoff auch aus dem Ausland kommen.

Dazu hat die Bundesregierung angekündigt, die Zusammenarbeit mit anderen EU-Mitgliedstaaten zu intensivieren, insbesondere im Bereich der Nord- und Ostsee aber auch in Südeuropa. Die anstehende deutsche EU-Ratspräsidentschaft soll genutzt werden, um die Umstellung auf eine grüne Wasserstoffwirtschaft global voranzutreiben.