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Nach Vogue-Cover: Lizzo kritisiert Body-Positivity-Bewegung

Alice Tielich
·Freie Autorin
·Lesedauer: 6 Min.

Superstar Lizzo gilt als Ikone der Body-Positivity-Bewegung und leidenschaftliche Verfechterin von Selbstliebe. Nun ziert sie das Cover der Oktoberausgabe der US-Vogue. Wie die Sängerin dort in Szene gesetzt wird, gefällt aber nicht allen. Und auch sie übt Kritik - an der Body-Positivity-Bewegung.

PASADENA, CALIFORNIA - FEBRUARY 22: Lizzo attends the 51st NAACP Image Awards, Presented by BET, at Pasadena Civic Auditorium on February 22, 2020 in Pasadena, California. (Photo by Frazer Harrison/Getty Images)
Sängerin Lizzo bei einer Preisverleihung im Februar 2020 (Bild: Getty Images)

Lange wurden die Titelseiten von Models beherrscht, die einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Erst 2016 schaffte es das Plus-Size-Model Ashley Graham auf das Cover der britischen Vogue. Seitdem hat bei derartigen Shootings immer mehr Natürlichkeit und Diversität Einzug gehalten. 2017 lichtete die französische Vogue das erste Transgender-Model, Valentina Sampaio, für das Titelbild ab.

Body Positivity: Mehr Selbstliebe und weniger Schönheitswahn

Im Juni 2020 hatte Anna Wintour, Chef-Redakteurin der US-amerikanischen Vogue, Selbstkritik geübt in Bezug auf die Präsentation schwarzer Menschen in der Vogue: “Ich möchte klar sagen, dass ich weiß, dass Vogue nicht genügend Möglichkeiten gefunden hat, schwarze Redakteure, Schriftsteller, Fotografen, Designer und andere Schöpfer zu erheben und ihnen Raum zu geben.” Nun ist Lizzo auf dem Titelbild der US-Vogue zu sehen – als erste schwarze Plus-Size-Frau, wie sie auf ihrem Instagram-Account anmerkt:

Ich bin die erste schwarze Plus-Size-Frau auf dem Cover der US-Vogue. “Die/der erste Schwarze in welchem Bereich auch immer” ist überfällig. Aber unsere Zeit ist gekommen. An alle meine schwarzen Frauen, wenn es jemand wie du bisher nicht gemacht hat – sei du die Erste.

Die Reaktionen der Twitter-User zu diesem und weiteren veröffentlichten Fotos des Shootings gehen allerdings auseinander. Viele feiern diesen Schritt natürlich:

Ja ja ja ja ja an die Königin der Inszenierung. Das hat mir den Tag gerettet! Danke, Vogue, dass ihr Talent, Positivität, Schönheit und Selbstbewusstsein präsentiert.

Andere sehen in dieser Darstellung einer Plus-Size-Frau einen gefährlichen Katalysator für ein großes Problem in den USA: Fettleibigkeit. Im Rahmen der Body-Positivity-Bewegung wird oftmals auf gesundheitliche Aspekte verwiesen, wie auch von diesem User:

In Zeiten beispielloser Fettleibigkeit in Amerika wählt ihr jemanden aus, der ein fettleibiges “Körperbild” propagiert, welches ein Risiko für das Leben, Kosten im Gesundheitssystem und die Gesundheit darstellt? Schäm dich, Vogue, wobei ich nicht überrascht bin von deinem verzweifelten Bedürfnis danach, “woke” zu sein.

Doch die Mehrheit der User sieht die positiven Aspekte des Covers und findet zudem bemerkenswert, dass Lizzo mit einem Ganzkörperfoto dargestellt wird und nicht mit einem Porträt, das lediglich ihr Gesicht zeigen würde. Doch manche Twitter-User hätten gerne noch mehr von Lizzos Körper gesehen:

Ich liebe Lizzo, aber an all die großen Magazine: Zeigt sie doch mal nicht eingehüllt in Stoff, ihr Körper muss nicht versteckt werden.

Lizzo übt selbst Kritik an “Body Positivity”-Bewegung

Lizzo sprach im Interview mit der Vogue über “Body Positivity” und kritisierte dabei, wie sich die Bewegung verändert hat, seit sie im Mainstream angekommen ist – sie wurde “kommerzialisiert”. Die Sängerin hat das Gefühl, dass diejenigen, für welche die Bewegung eigentlich gedacht war, nicht wirklich davon profitieren.

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Genutzt wird der Hashtag nämlich vor allem von schlankeren Frauen oder solchen mit mehr Kurven, die meisten von ihnen sind weiß. Diese Vielfalt schätzt die schwarze Künstlerin zwar, die für Inklusion ist – an der eigentlichen “Zielgruppe” geht die Entwicklung ihrer Meinung nach aber vorbei.

Also zum Beispiel an Frauen mit hängendem Bauch oder Dehnungsstreifen. Lizzo propagiert daher nun den Begriff der “Body Normativity”. Die Sängerin will für die Botschaft stehen, dass es normal ist, dick zu sein – Körper müssen in all ihren Erscheinungsformen als “normal” gelten. “Body Positivity” darf nicht darin enden, einfach nur Teil einer “coolen Bewegung” zu sein.

Könnte “Body Neutrality” die Lösung sein?

Eine weitere Herangehensweise könnte “Body Neutrality” sein, welche die Sozialpsychologin und Autorin des Buches “Beyond Beautiful”, Anuschka Rees, in einem Interview mit “zeit.de” beschrieb: “Anders als bei Body Positivity ist das Ziel also nicht, den eigenen Körper zu lieben oder seine Pickel schön zu finden. Das Ziel von Body Neutrality ist, das Selbstwertgefühl sehr viel weniger an die äußere Erscheinung zu koppeln.” Dem Aussehen sollte grundlegend nicht so ein hoher Stellenwert beigemessen werden.

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Bei aller Kritik an der Entwicklung der “Body Positivity”-Bewegung darf nicht vergessen werden, dass sie zu mehr Diversität und einem neuen Selbstbewusstsein von Menschen geführt hat, die nicht einem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Da schlug sich beispielsweise auch in der Werbung oder in Kampagnen wie dieser von Dove nieder:

Die Bewegung machte in den vergangenen Jahren vielen erst bewusst, wie diskriminierend Schönheitsideale sind – und ermöglichte das großartige Cover von Sängerin Lizzo in der aktuellen Vogue vielleicht überhaupt erst.

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