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N26-Gründer Maximilian Tayenthal über die Stimmung im Team und Fluktuations-Vorwürfe: "Eigentlich müsste jeder sagen, er geht hier nicht mehr weg."

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Mit-Gründer und Co-CEO von N26, Maximilian Tayenthal.
Mit-Gründer und Co-CEO von N26, Maximilian Tayenthal.

Das wertvollste deutsche Fintech residiert im Hinterhof eines Backsteinbaus mit Fabrik-Charme in Berlin-Mitte.

Gemeint ist N26, die digitale Smartphonebank, die seit ihrer Gründung im Februar 2013 für viele Schlagzeilen gesorgt hat. Mal wird sie – und ihre Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal – gefeiert für die hohe Bewertung von aktuell von 7,7 Milliarden Euro, sowie das Tempo, mit dem sie Millionen Kunden von sich überzeugten. Mal wird sie als das "enfant terrible" der Finanzbranche gesehen, das immer wieder öffentlich von der Finanzaufsicht BaFin abgewatscht wird, mit der angeblich Betrüger leichtes Spiel hätten wegen zu lascher Sicherheitsvorkehrungen und wo verzweifelte Kunden von einem miserablen Service erzählen. Auch die Fluktuation der Mitarbeiter soll laut einem Medienbericht höher sein als in anderen Tech-Unternehmen.

Was ist also dran an alldem und wie sehen die Gründer das selbst?

Wir treffen Maximilian Tayenthal zum Interview in den Räumen der N26 Bank. Tayenthal ist zusammen mit Stalf Co-CEO, seit April vergangenen Jahres führt er auch die N26 Bank, die eine eigene Einheit innerhalb der N26 GmbH ist. Dafür musste er von der Finanzaufsicht als Geschäftsführer abgenickt werden. Zuvor hatten Markus Gunter und Richard Groeneveld den Posten inne, zwei ehemalige Banker, die N26 2021 verließen.

Die Situation für die N26 Bank ist derzeit nicht besonders angenehm: Gleich zwei Sonderbeauftragte hat die BaFin verordnet – einen fürs Thema Geldwäsche, einen um Verbesserungen im Risikomanagement zu überwachen. Die Anzahl an Neukunden musste die Bank auf Geheiß der BaFin drosseln, nur noch 50.000 darf sie pro Monat aufnehmen. Für ein Geschäftsmodell, das vor allem auf Skalierung ausgerichtet ist, ein harter Schlag ins Kontor.

Dennoch hat Tayenthal gute Laune, als er uns vor einem gläsernen Konferenzraum entgegen kommt, der scheinbar in Anlehnung an den Hip-Hop-Erfolgshit der 90er "No Diggity" (auf Deutsch: "Kein Problem") getauft ist. Grauer Strickpulli, Hemd und Jeans sind die Uniform des Neo-Bankers. Tayenthal stammt, genau wie sein Mitgründer Stalf, aus Wien. Sein österreichischer Dialekt klingt während des Gesprächs ab und zu durch, gewürzt mit vielen Anglizismen, wie "Value proposition", "economies of scale" oder "no brainer". Er wirkt locker, gelöst, gestikuliert viel. Selbstsicher beantwortet er auch unbequeme Fragen – mit vielen Worten. Alles läuft gut, ist anscheinend die unterschwellige Botschaft, die hier transportiert werden soll.

Max, seit April bist du jetzt auch Geschäftsführer der N26 Bank, neben der Aufgabe als Co-CEO von N26. Warum der interne Positions-Wechsel?

Als Gründer gibt es verschiedene Kriterien, warum man sich besonders um Sachen kümmert. Entweder, wenn sie nicht gut laufen – das ist hier nicht der Fall. Oder Themen, die sehr wichtig sind. Zum einen ist es tatsächlich so, dass Regulatorik und die weitere Geschäftsentwicklung der Bank ein wichtiges Thema ist, ein zentrales Thema für die Wettbewerbsfähigkeit von N26. Zum anderen erleichtert es uns intern extrem viel. Wir hatten früher eine Geschäftsführung oben in der Gruppe und eine in der Bank. Das haben wir jetzt viel stärker zusammengebracht. Und ich war auch schon vorher sehr auf Bank-Seite involviert.

Vor kurzem hat sich N26 aus den USA zurückgezogen, auf der anderen Seite hast du in deinem letzten Interview mehr Stellen für den brasilianischen Markt angekündigt. Wie passt das zusammen?

Die USA sind ein hoch kompetitiver Markt. Wir haben zwar gewusst, was zu tun ist. Aber wir waren zu wenig bereit, die Ressourcen zu investieren, die notwendig sind, um dort langfristig erfolgreich zu sein. Auf der anderen Seite haben wir in Europa die Möglichkeit, unsere Position zu stärken – hier kratzen wir erst an der Oberfläche.

Es gibt in Europa Hunderte Millionen Konten. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht Millionen aktive Kunden in Frankreich haben und das Gleiche in Italien, in Spanien und anderen europäischen Märkten.

In Brasilien ist es etwas anders. Dort gibt es ein Oligopol weniger Banken, die zum Teil sehr unfaire Gebühren verlangen. Wir haben in Brasilien ein Setup gefunden, und das ist anders als in den USA, wo wir mit einem relativ limitierten Investment an Ressourcen ein Produkt launchen, von dem wir glauben, dass wir kompetitiv in dem Markt sein können. Wir haben derzeit mehr als 60 Kollegen in Brasilien, die unser Produkt aktuell testen und besitzen unsere eigene Fintech-Lizenz für den brasilianischen Markt. Wir werden im Laufe dieses Jahres launchen. Brasilien ist ein wichtiger Markt, den wir aber bespielen können, ohne dass es zulasten unserer europäischen Wettbewerbsfähigkeit und Verantwortlichkeit als Bank geht.

Kommen wir auf den deutschen Markt. Immer wieder kritisiert die Finanzaufsicht BaFin öffentlich N26, verordnet Strafen und schickt sogar Sonderbeauftragte. Wie würdest du die Kommunikation mit der BaFin derzeit beschreiben?

Sie ist sehr konstruktiv. Ich glaube, es sind verschiedene Dinge zusammengekommen in den letzten Jahren.

Zum einen erfährt N26 mittlerweile bei der BaFin eine komplett andere Aufmerksamkeit als noch am Anfang mit 150.000 Kunden. Die Ansprüche an uns sind zu Recht gestiegen. Wir sind die mit Abstand am stärksten wachsende Bank in Deutschland und Europa. Und zum anderen liegt es an uns. Wir haben zu wenig in Compliance, Risikomanagement und dergleichen investiert. Hinzu kommt, dass in der Zeit von Covid der Online-Betrug global massiv nach oben gegangen ist.

Dabei waren wir mal Musterschüler im Bereich Sicherheit. Ich bin der Meinung, in Sachen Betrugsprävention sollte N26 der europäische Technologieführer sein. Aber so weit sind wir noch nicht.

Was fehlt euch noch zu diesem Schritt?

Wir haben zu wenige erfahrene Leute gehabt. Berlin ist ein Markt für Tech-Talente. Aber es ist nicht die Stadt, wo man extrem viele Leute aus dem Bankbetrieb hat. Und dann sind es auch organisatorische und technologische Themen. Zum Beispiel die Frage, wie wir unsere Software besser aufstellen können, sodass Betrug noch schneller erkannt wird. Im Bereich Betrugsprävention haben wir davon jetzt schon vieles umgesetzt und massiv investiert, allein 25 Millionen im letzten Jahr.

2022 soll das Jahr sein, in dem wir in diesen Dingen ein positives Beispiel für unsere Branche werden. Dazu überlegen wir auch, irgendwann ein Büro in Frankfurt zu eröffnen, um mehr Talente aus diesem Bereich anzuziehen. Generell wollen wir mehr Hubs aufbauen, auch in anderen europäischen Ländern.

Wie ist das, wenn man gleich zwei Sonderbeauftragte der BaFin im Haus hat?

Das ist unspektakulärer, als man sich das vorstellt. Beim Thema Geldwäsche sind wir schon sehr weit in der gemeinsamen Arbeit. Es ist unser Ziel, dass 2022 beide Sonderbeauftragte das Haus wieder verlassen.

Wie gehst du damit um, dass auch etablierte Banken immer mal wieder fordern, dass ihr stärker reguliert werden solltet?

Es gibt viele Sachen, die mich nachts schlecht schlafen lassen, aber Konkurrenz gehört tatsächlich nicht dazu. Weder die der etablierten Banken, noch von anderen Challenger-Banken, noch von irgendwelchen Tech-Konzernen wie Apple oder Amazon. Bei uns gibt es nicht "the winner takes it all". Es gibt verschiedene Banken, die nebeneinander koexistieren können und letztlich wird ohnehin der Kunde entscheiden.

Kunde ist ein gutes Stichwort. Lass uns über diese wichtige Ziffer sprechen, die auch ein Erfolgsmesser für N26 ist. Ihr sprecht von sieben Millionen Kunden weltweit, im letzten Geschäftsabschluss stehen aber nur 2,9 Millionen ertragsrelevante Kunden. Woher kommt der Unterschied?

Es gibt natürlich Unterschiede, wie aktiv ein Kunde ist und welche Produkte er wie aktiv nutzt. Wir haben aber Kundinnen und die Kunden, die bleiben bei uns jahrelang und werden immer aktiver über die Zeit. Kundenkohorten, die beispielsweise vier Jahre alt sind, haben heute mehr Transaktionen als vor einem Jahr. Aber natürlich wollen wir uns auch bemühen, die inaktiven Kunden aktiv zu bekommen und mit unserem Angebot zu überzeugen.

Widerspricht sich der Vorsatz, Kunden ertragreich zu bekommen, dann nicht mit eurem Gratiskonto?

Nein, wir glauben ganz stark daran, dass das Basisprodukt im Banking gratis sein sollte. Wir entwickeln aber immer weitere Features, damit unsere Kunden unser Premium-Produkt interessant finden und wechseln, wenn sie möchten.

Wir wollen deshalb bald sowohl den Handel mit Kryptowährungen als auch Trading launchen. Wir beginnen mit Krypto, denn das steht auch bei unseren Kunden auf der Wunschliste ganz oben. Es ist eine Assetkategorie, an der man heute nicht vorbeigehen kann. Wir werden einen Partner für Krypto haben. Und wir wollen unsere Kunden durch ein Trading-Feature beim Vermögensaufbau unterstützen.

Und habt ihr beim Handel mit Wertpapieren auch einen Partner?

Bei Trading bauen wir tatsächlich fast alles selbst. Alles, was der Kunde sieht, wird N26 sein.

Seid ihr mit dem Trading-Angebot nicht schon zu spät?

Das glaube ich nicht. Es ist zum Beispiel immer noch erst ein kleiner Prozentsatz der Deutschen, der investiert. Und was man nicht unterschätzen sollte: Die Wechselkosten sind so gering, von einer Bank zur anderen. Wenn du das beste digitale Nutzererlebnis anbieten kannst und die beste Gesamtheit an Wertpapieren, überzeugst du die Kunden.

Ich glaube ganz stark, Trading macht Sinn und ich habe keine Angst vor dem Wettbewerb. Die Frage ist am Ende nicht, wie können wir Wettbewerbern von ihren Kunden noch ein paar wegnehmen, sondern wie können wir die Millionen Deutschen, die noch keine Aktien haben, dazu bringen, dass sie ein Portfolio aufmachen.

Um neue Produkte zu launchen, braucht man auch ein gutes Team. Vergangenes Jahr sorgte die Betriebsratswahl für Schlagzeilen, gegen die ihr euch als Gründer ausgesprochen habt. Wie würdest du derzeit die Stimmung im Team beschreiben?

Ich glaube, dass die Stimmung gut ist, deutlich besser als in den letzten zwei Jahren. Wir haben 1500 Mitarbeiter und sind immer auf der Suche nach Top-Leuten, aber wir wollen auch Spaß dabei haben. Wir wollen der beste Arbeitgeber in Europa werden, mit den besten Anreizen und den besten Mitarbeiter-Programmen. Wir haben gerade unser ESOP-Programm (Employee Stock Option Plan, also Anteile, die Mitarbeiter am Unternehmen erhalten können, Anmerkung der Redaktion) verdoppelt. Denn wir wollen, dass die Leute am Erfolg partizipieren.

Wir sind uns auch dessen bewusst, dass wir es nicht immer geschafft haben, das bestmögliche Arbeitsumfeld zu bieten. Wir kriegen aber immer noch eine fünfstellige Anzahl an Bewerbungen im Monat, wir sind eine sehr starke Marke. Aber bin ich deswegen schon dort, wo ich gerne wäre? Eigentlich müsste jeder sagen, er geht hier nicht mehr weg. Das haben wir noch nicht geschafft.

Laut Recherchen des Magazins "Sifted" soll derzeit die Fluktuation von Mitarbeitern bei 40 Prozent liegen und somit deutlich höher als bei anderen Tech-Unternehmen. Wie viele Mitarbeiter verlassen denn im Monat N26 und was sind aus deiner Sicht die Gründe dafür?

Ich kann diese Zahl nicht bestätigen und weiß auch nicht, was die Grundlage für diese Spekulation ist. Es stimmt, wir hatten besonders seit unserer Hypergrowth-Phase viele Wechsel. Das hat sich besonders im Jahr 2020 gezeigt. Aber wir haben im letzten Jahr viel geändert. Wir haben Gehälter angepasst, ein neues ESOP Programm aufgesetzt. Zukünftig werden wir in vielen Märkten, in denen wir tätig sind, "remote-working" anbieten, so dass man nicht unbedingt in einem unserer Büros arbeiten muss. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben N26 auch verlassen, um sich einem Startup in der Frühphase anzuschließen, oder selbst zu gründen. Als Gründer kann ich das gut nachvollziehen, aber wir müssen im Wettbewerb um die besten Talente natürlich immer noch besser werden.

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