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Mutmaßlicher Millionenbetrug: Hendrik Holt in Teilverfahren zu Haftstrafe verurteilt

·Lesedauer: 5 Min.

Nach sieben Stunden Prozess fällt der Richter ein erstes Urteil. Es geht um Betrug mit Windparks – und die Ermittlungen stehen noch am Anfang.

Der Angeklagte Hendrik Holt (Mitte) neben seinem Verteidiger Thomas Klein (links) und einem Justizbeamten. Foto: dpa
Der Angeklagte Hendrik Holt (Mitte) neben seinem Verteidiger Thomas Klein (links) und einem Justizbeamten. Foto: dpa

Hendrik Holt gibt sich gern als Mann von Welt. Bei Geschäftspartnern trat er im maßgeschneiderten Zweireiher auf, das Einstecktuch stets akkurat gefaltet. Auch als die Justizbeamten den 30-Jährigen am Mittwoch ins Amtsgericht Meppen führen, ist er gepflegt gekleidet. In weißen Turnschuhen und hellblauem Strickpullover geht der mutmaßliche Millionenbetrüger zur Anklagebank. Nur die Handschellen passen nicht zum Outfit.

Trotz der gefesselten Hände zeigt sich Holt entspannt. Er nickt einer Freundin im Zuschauerraum zu, dann reckt er den Daumen in die Höhe. Während der fast siebenstündigen Verhandlung wirkt Holt konzentriert, die Hände auf dem Schoß gefaltet.

Er sah das Urteil wohl nicht kommen, das Richter Johannes Klene am Ende des langen Verhandlungstags verkündete: zwei Jahre und sechs Monate Haft wegen Betrugs. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Holt Dienstleistungen in Anspruch nahm, ohne sie je bezahlen zu wollen. Holts Verteidiger Thomas Klein hatte Freispruch gefordert und will Berufung einlegen.

Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen, auch weil die verhandelten Betrügereien nur Teilaspekte eines Komplexes sind: Holt ist einer der Hauptbeschuldigten in einem Großverfahren um fingierte Windparkprojekte – den wohl größten Betrugsversuch, den die Branche in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Er und einige andere sollen Projekte an Investoren verkauft haben, die nur auf dem Papier existierten. Zu den Opfern gehören der tschechische Staatskonzern CEZ, der schottische Versorger SSE sowie der italienische Energieriese Enel. Die Unternehmen bangen um einen zweistelligen Millionenbetrag. Und die Branche fragt sich: Wie konnte ein 30-Jähriger Europas Energieindustrie hinters Licht führen?

Am Mittwoch öffnete sich erstmals der Blick hinter die Fassade der Holt Holding. Als Zeuge sagte ein Makler aus, der Holt und dem mutmaßlichen Komplizen Heinz L. Grundstücke im Landkreis Rotenburg vermittelt hatte. Wert: 260.000 Euro. Von der Provision habe er keinen Cent gesehen, sagte er. Ähnlich erging es dem Notar mit einer 25.000-Euro-Rechnung.

Holt und L. schlossen zudem im April 2019 einen Mandatsvertrag mit der Düsseldorfer M & A-Beratung Mayland. Sie verpflichteten sich, die Veräußerung von Projektrechten für den Bau eines Windparks mit 275.000 Euro zu entlohnen. Doch obwohl die Berater einen Deal über fast fünf Millionen Euro mit der schottischen SSE schlossen, zahlten Holt und L. nicht.

Die Staatsanwaltschaft sah darin zwei Betrugsstraftaten „in besonders schwerem Fall“. Holt habe nie die Absicht gehabt, die Dienstleister zu vergüten. Er habe sich mit L. „auf Kosten anderer bereichern“ und spätestens im Sommer 2020 in den Libanon absetzen wollen.

Libanesischer Fahrer wird Geschäftsführer

Dafür sprächen etwa die neuen Namen, die Mitte 2019 im Holt-Imperium auftauchten. So wurde die Holt Vermögensverwaltung, die den Vertrag mit dem Makler abschloss, umbenannt und in leere Büroräume nach Bautzen verlegt. Die Geschäftsführung übernahm Jamal I. aus Beirut, der für Holt im Libanon als Fahrer gearbeitet hatte.

Für seine Geschäftspartner war der Emsländer bald nicht mehr zu erreichen. „Immer dann, wenn Holt zahlen musste, war er wie vom Erdboden verschwunden“, sagte der Staatsanwalt.

Holt beteuerte vor Gericht, dass er die Verträge einhalten wollte. Für finanzielle Angelegenheiten sei aber letztlich Heinz L. zuständig. „Wenn Sie CEO von Siemens sind, wissen Sie auch nicht, was ihre Töchter machten.“

Die ausbleibenden Zahlungen erklärte Holte unter anderem mit einer „erheblichen Fehlkommunikation“ zwischen Makler und den Eigentümern der Fläche. Dass Mayland länger auf das Geld warten musste, sei hingegen nicht ungewöhnlich. Die Rechnungen hätten schlicht eine niedrigere Priorität gehabt.

Wichtigere Kostenpunkte hätten bedient werden müssen – etwa ein sechsstelliger Betrag für Sponsoring der Münchener Sicherheitskonferenz. Am Ende sei ihm dann die Verhaftung dazwischengekommen.

Dass er eine Flucht geplant habe, stritt Holt ab. Er habe längst in Andorra gelebt, wo er genauso wie im Libanon Projekte betreibe: „Heinz und ich haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, wo wir uns aufhalten.“ Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft bezeichnete er als „aufgebauschte Dramatik“, ihre Ermittlungen als „zu kleinteilig“.

Hendrik Holt und Heinz L.: Ein skurriles Duo

Hendrik Holt trat mit Mitte 20 erstmals in der Windbranche in Erscheinung. Wegbegleiter beschreiben ihn als schillernd, schrill und smart. Mit Ex-Banker L., den er 2013 kennen lernte, habe er ein skurriles Duo abgegeben. Holt trug Rolex, fuhr Bentley und wohnte in einer Luxussuite im Adlon. Dafür, dass sein Geschäft wohl nur Show war, lief es lange erstaunlich gut.

Dann schlugen die Ermittler zu. Sie durchsuchten im April Wohnungen und Büros in fünf Bundesländern, nahmen neben Holt auch seine Mutter, seinen Bruder und seine Schwester fest. Den zwischenzeitlich untergetauchten L. spürten sie im Libanon auf.

Viel ist vom angeblichen Holt-Imperium nun nicht mehr übrig. Ermittler haben alle Vermögenswerte beschlagnahmt, auch das Familienanwesen in Bakum. Drei sichergestellte Bentleys hat die Staatsanwaltschaft bereits versteigert.

Weil Holt sich mit einem falschen Doktortitel schmückte, hat ihn das Amtsgericht Meppen zudem zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Strafe wurde in das Urteil vom Mittwoch einbezogen.

Holts Schwester hat ein vollumfängliches Geständnis abgelegt. Seine Mutter hat die Vorwürfe zum Teil eingeräumt. Beide durften die Untersuchungshaft unter Auflagen verlassen. Auch Holt soll sich laut Anwalt Klein zu der Hauptsache geäußert haben. Er und sein Bruder sitzen aber weiter in der JVA.

Klein sagte, es sei „völlig unverständlich“, dass die Staatsanwaltschaft die zwei Vorwürfe separat angeklagt hat. Sie stünden in engem Zusammenhang mit den millionenschweren Betrugsvorwürfen. Auch Richter Klene zeigte sich „äußert unglücklich“ darüber, dass er den Fall verhandeln musste.

Viel spricht dafür, dass der Prozess der Staatsanwaltschaft dazu diente, Holt im Gefängnis zu behalten. Ende der Woche wäre die Sechs-Monate-Frist abgelaufen, nach der ein Gericht die Untersuchungshaft überprüft. Mit dem Urteil hat die Staatsanwaltschaft Zeit gewonnen. Im Hauptverfahren müssen 22 Ermittler noch immer Hunderte Dokumente durchforsten.

Heinz L. und Holts Schwester verweigerten am Mittwoch als Zeugen die Aussage. Heinz L., der mit Bibel unter dem Arm kam, wurde nach wenigen Minuten wieder aus dem Saal geführt. Holts Schwester blieb. Als der Richter das Urteil verkündete, drehte sich Holt zu ihr. Es war das letzte Mal, dass er an diesem Verhandlungstag lächelte.