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Musks skurrile Offerte an die Highway-Cowboys

Teslas Cybertruck fällt trotz starker Leistung und günstigem Preis vor allem optisch auf. Bei der großen Konkurrenz kann das nicht schaden. Doch wird Elon Musk damit auch skeptische Pick-up-Fahrer in den USA überzeugen?

Geht Teslas neuer Cybertruck noch als Auto durch? Foto: dpa

Ist das ein Scherz oder ein Blick in die Zukunft? Vor sieben Jahren sprach Tesla-Chef Elon Musk erstmals darüber, dass er einen Pick-up-Truck entwickeln werde. Später legte er nach: Dieser würde gänzlich anders aussehen als jeder andere Pritschenwagen der Geschichte.

In der Nacht zu Freitag war es nun so weit: In Los Angeles hat Musk den sogenannten Tesla Cybertruck präsentiert. Und er behielt mit seiner Ankündigung recht: Der Cybertruck ist ein Auto, das sich schlecht beschreiben lässt, weil es so unglaublich aussieht. Es wirkt, als ob Tesla es aus dem nahegelegenen Star Wars Disneyland Vergnügungspark in Anaheim entwendet hat. Oder es aus der Matrix in die Gegenwart geschafft hat. Eine silberne Trapezform auf Rädern, mit einer verglasten Ladefläche, umhüllt mit Edelstahl – ein Mix aus Raumgleiter, Geldtransporter und Shuttle.

Musk, gekleidet in Jeans und eng anliegender Lederjacke, agierte auf der Bühne wie Houdini. Tatsächlich wirkte die Präsentation wie eine Zirkusshow – bei der längst nicht alle Tricks funktionierten. Designer Franz von Holzhausen malträtierte die Fahrertür mit einem Vorschlaghammer – ohne sichtbare Dellen. Doch als er auf das vermeintliche Panzerglas eine Stahlkugel schleuderte, bildeten sich zur Überraschung von Musk heftige Risse auf dem Glas. Genauso wie beim zweiten Versuch bei der Rücksitzscheibe. Zumindest zerborsten sie nicht. „Da ist noch Raum für Verbesserungen“, versuchte der Tesla-Chef den Schock zu überspielen. Man hätte im Vorfeld alles Mögliche auf die Scheiben geschleudert – etwa Schraubenschlüssel. Und nichts wäre passiert. Man werde es bis zur Fertigung ausmerzen, versprach Musk.

War es nur der berühmte Vorführeffekt oder holten ihn diesmal live auf der Bühne seine berühmten Versprechen ein? Klar ist, dass Musk zumindest zeitweise damit kämpfte, die Fassung zu bewahren. Den Rest der Show musste er ein Auto mit eingeschlagenen Scheiben anpreisen. Ein Bild, das die vielen Spekulanten, die gegen Tesla wetten, in den nächsten Monaten oder vielleicht sogar Jahren genüsslich ausschlachten werden.

Dabei hat der Wagen unterhalb des skurrilen Designs interessante innere Werte. Denn nicht nur die Gestalt ist einzigartig, auch die Leitungsmerkmale sind unvergleichlich – selbst für ein Elektroauto. Das mit drei Motoren ausgerüstete Spitzenmodell soll unter 3 Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen können und eine Reichweite von mindestens 800 Kilometern bieten. Sechs Personen haben Platz. Der Cybertruck hat eine Zugkapazität von mindestens 6,3 Tonnen, ein Ladevolumen von 2,8 Kubikmetern und kann bis zu 1,6 Tonnen Gewicht transportieren.

An Bord sind ein Kompressor und ein Generator, die 110 Volt beziehungsweise 220 Volt Strom offerieren. Damit ist der Truck nicht nur als Lieferfahrzeug, sondern auch fürs Campen prädestiniert. Einen Wohnwagen kann er auch problemlos ziehen, zumindest beim Spitzenmodell mit einer annehmbaren Reichweite, trotz der zusätzlichen Last. Musk präsentierte als Zugabe noch ein elektrisches Quad, das sich über den Cybertruck aufladen lässt.

Doch die eigentliche Überraschung – neben dem Aussehen – ist der Preis des Cybertrucks. Die Standardvariante mit nur einem Motor und einer Beschleunigung von null auf 100 km/h in unter 6,5 Sekunden und einer Reichweite von mindestens 400 Kilometern wird ab 39.900 US-Dollar zu haben sein. Eine Version mit zwei Motoren wird mindestens 49.900 US-Dollar kosten. Das Spitzenmodell startet ab 69.900 US-Dollar. US-Kunden können sich für 100 Dollar eine Reservierung sichern. Die Produktion des Standardmodells soll Ende 2021 starten, das Topmodell ein Jahr später in die Fertigung gehen.

Musk setzt mit dem Cybertruck auf zwei Effekte: Einen neuen Markt erschließen, der als äußerst lukrativ gilt. Und damit auch Kundengruppen für Tesla zu gewinnen, die dem Unternehmen feindlich gegenüberstehen und Elektroautos als Bedrohung empfinden.

Der Markt

Tesla braucht neben dem Model S, X und Model 3 dringend neue Produkte. Zwar kommt im Sommer nächsten Jahres das Model Y, die SUV-Version des Model 3 auf den Markt. “Meine persönliche Meinung ist, dass das Model Y sich besser verkaufen wird als Model S, X und 3 zusammengenommen”, meint Musk. Mit dem Sattelzug Semi und einem Campervan sind weitere Produkte in der Pipeline.

Der Ball muss jedoch schon für die Investoren und zum Abschrecken der Leerverkäufer weiter hochgehalten werden. Da kommt der Cybertruck gerade recht. „Pick-up-Trucks sind nicht nur das am schnellsten wachsende Segment des US-Automarktes, sondern auch das profitabelste“, streicht Morgan Stanley Analyst Adam Jonas heraus. Sie gehören zu den populärsten Autos in Amerika. Jeder sechste Neuwagen ist ein Pick-up, der wichtigste Absatzmarkt ist Texas.

Und die Amerikaner vergöttern ihre Trucks. Nicht nur in der Wildnis und den Weiten von Texas oder Montana, sondern auch in den Ballungszentren wie Los Angeles oder Dallas. Ihre Ladefläche ist nicht nur praktisch für den Transport von sperrigen Gegenständen oder Baumaterial, sondern fungiert auch als automotiver Sattel von hubraumstarken Möchtegern-Cowboys, denen ein normaler Geländewagen nicht imposant oder praktisch genug ist. Laut dem Statistik-Portal Statista werden allein in den USA in diesem Jahr für rund 81 Milliarden Dollar Pick-ups verkauft. Angeführt von der Ford-F Serie, das seit Jahrzehnten die Bestsellerliste in den USA dominiert und das profitable Produkt des Autoherstellers ist. So ist es auch bei General Motors und Chrysler. Amerikanische Pick-up-Käufer lieben amerikanische Marken.

Trotz vieler Anstrengungen haben Toyota, Nissan und Honda ihren amerikanischen Wettbewerbern in diesem Segment nie das Wasser reichen können. „Der Tesla Cybertruck wird sich wahrscheinlich nicht in den Mengen wie ein Model Y oder Model 3 verkaufen lassen“, meint Gartner-Analyst Mike Ramsey. „Aber er verbreitert Teslas Produktlinie und bringt ihnen neue Kundengruppen, gerade bei Käufern, die ihn geschäftlich nutzen.“ Ramsey erwartet, dass Tesla bestimmten Abnehmern wie beispielsweise Bauunternehmen die Möglichkeit offerieren wird, eigene Supercharger auf ihrem Firmengelände zu betreiben.


Der Imagegewinn

Tesla-Fahrzeuge spalten die Gemüter. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Heimatland USA. Dort werden sie gern als Spielzeug von den „Sozialkommunisten von der Westküste“ verunglimpft. Als trojanisches Pferd einer arroganten Tech-Elite, die den Arbeitern in der Autoindustrie und Ölbranche ihre Jobs zerstören will und gleichzeitig den amerikanischen Lifestyle völlig entweihen. Highway-Cowboys sollen ihre PS-starken, dröhnenden Verbrenner gegen schlappe, vor sich hin summende Elektrokutschen eintauschen. Und irgendwann ihre Autos gar nicht mehr selbst steuern dürfen.

Besonders Pick-up-Loyalisten haben es deshalb auf Tesla abgesehen. Ganz renitente unter ihnen blockieren ab und an Tesla-Ladestationen mit ihren Trucks. Oder bremsen ganz gezielt Tesla-Fahrer aus, versuchen sie von der Straße zu drängen oder nebeln sie mit Auspuffgasen sein. Seit die Tesla-Kameras auch zum Aufzeichnen genutzt werden können, wimmelt es im Internet vor Videos, in denen Fahrer der Pick-ups ihren Frust ausleben.

Der Cybertruck könnte einen Sinneswandel auslösen. Er demonstriert, dass die elektrische Pick-up-Trucks in ihrer Leistung und Beschleunigung den Verbrennern haushoch überlegen sind. Und es diese Kraft zu einem Preis gibt, der mit dem von Verbrennern vergleichbar ist.

Trotzdem wird es Musk nicht leichtfallen, mit den Vorurteilen aufzuräumen. Das zeigt sich schon daran, dass Tesla momentan der einzige US-Autohersteller ist, der nennenswert Mitarbeiter einstellt, statt sie zu entlassen. Und zumindest momentan noch exklusiv in den USA produziert. Bislang ist es Tesla jedoch nicht gelungen, damit zu punkten. Und es stimmt auch, dass das Unternehmen für Verwerfungen sorgen wird. Nachdem Einzelhandelsriesen wie Walmart, Target und nun auch Amazon die Geschäfte in den Innenstädten weitgehend plattgemacht haben und durch Supercenter oder Kurierdienste ersetzt haben, sind in vielen US-Gemeinden die Tankstellen die letzten Bastionen einer zu Ende gehenden Epoche.

Doch diesmal ist Tesla beim Bekehren nicht allein. Ford und General Motors arbeiten derzeit ebenfalls an eigenen Elektro-Pick-ups, die Ende nächsten Jahres auf den Markt kommen könnten. Wobei die traditionellen Hersteller gleichzeitig Hybrid-Versionen offerieren wollen, um ihren treuen Fans den Übergang von Benzin auf Strom zu erleichtern.

Erstmals trifft Tesla zudem auf einen heimischen Herausforderer, der sich ebenfalls ganz auf Elektroautos spezialisiert hat. Das Start-up Rivian, dessen Hauptquartier in Detroit liegt, mitten im Herzen der traditionellen amerikanischen Autobranche, ist mit 2,2 Milliarden Dollar Startkapital ausgestattet. 700 Millionen davon stammen von Amazon. Ford hat eine halbe Milliarde Dollar investiert.

Rivians Debüt ist der Elektro-Pick-up-Truck R1T, der im Herbst nächsten Jahres zum Preis ab 69.000 Dollar auf den US-Markt kommen. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes hält Rivian-Gründer R.J. Scaringe, jugendliche 37 Jahre alt, promovierter Maschinenbauer und frei von Allüren, für „Teslas schlimmsten Alptraum.“ Rechtzeitig zum Marktstart von Teslas Truck hat Scaringe ein paar Videos vom Test seines R1T in Südamerika veröffentlicht, inklusive einer Schotterpiste neben einem Cowboy. Demnach schaffte der vom Aussehen an einen Lada erinnernde Truck 502 Kilometer an einem Stück, ohne aufladen zu müssen.

Klar ist, dass die gesamte Konkurrenz bislang auf traditionelles Autodesign setzt. Tesla wird im Gegensatz zu seinen bisherigen Modellen echte Konkurrenz von anderen Herstellern haben. Doch zumindest mit seinem Antlitz hat es derzeit eine Alleinstellung.