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MTU IM FOKUS: Shooting-Star im Krisenmodus

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Die Corona-Krise zwingt Fluggesellschaften in aller Welt in einen Kampf um ihre Existenz. Flugzeughersteller fürchten um ihre Aufträge - und das trifft auch Triebwerksbauer wie MTU. Der Münchner Konzern, dessen Kursfeuerwerk an der Börse auch nach dem Aufstieg in den Dax weitergegangen war, steckt seit wenigen Wochen in einer schweren Krise. Was beim Unternehmen los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

DAS IST LOS BEI MTU:

Jahrelang hatte die Führung des Münchner MTU-Konzerns bei ihren Geschäftsentscheidungen den richtigen Riecher bewiesen. 2005 vom Finanzinvestor KKR an die Börse gebracht, trieb die Gesellschaft ihre Ergebnisse immer weiter in die Höhe. Doch die Folgen der Corona-Pandemie haben die Luftfahrtbranche so schwer getroffen, dass auch MTU vorerst nur auf Sicht steuern kann.

Lufthansa-Chef <DE0008232125> Carsten Spohr erwartet, dass die Airline-Branche erst im Jahr 2023 wieder das Niveau aus der Zeit vor der Krise erreicht. Allein die Flotte des Lufthansa-Konzerns dürfte um 100 Maschinen schrumpfen. Der Flugzeugbauer Airbus fährt seine Produktion von Passagierjets angesichts des zumindest vorläufig geringeren Bedarfs bereits um ein Drittel zurück.

MTU ist bei dem bisher stark gefragten Getriebefan-Antrieb für die Airbus-Mittelstreckenjets der Modellfamilien A220 und A320neo dick im Geschäft, außerdem beim Boeing-Langstreckenjet 787 "Dreamliner" und bei der modernisierten Boeing 777X, die in diesem Jahr ihren Jungfernflug hatte. Der US-Konzern kündigte am Mittwoch an, seine Produktion deutlich zurückzufahren - im Fall der Boeing 787 schrittweise um die Hälfte von bislang 14 auf nur noch 7 Maschinen pro Monat im Jahr 2022.

Bisher musste MTU wegen der Pandemie die Produktion bereits für drei Wochen unterbrechen. Hinzu kommt ein Geschäftsrückgang bei der Wartung von Triebwerken. Fluggesellschaften fahren wegen ihrer Finanznot weniger dringende Ausgaben zurück.

Die MTU-Führung hat ihre Geschäftsprognosen für 2020 wegen der Corona-Krise Ende März kassiert. Noch Mitte Februar hatte sich Vorstandschef Reiner Winkler recht zuversichtlich gezeigt, bei Umsatz und operativem Gewinn in diesem Jahr neue Rekordwerte zu erreichen. Jetzt sollen die Aktionäre auf die Dividende für 2019 verzichten. Wie andere Unternehmen versucht auch MTU das Geld zusammenzuhalten, um durch die Krise zu kommen.

Ende März musste der Konzern sogar seine Produktion unterbrechen und fährt sie inzwischen schrittweise wieder hoch. Für den Standort München gilt seit dem 20. April Kurzarbeit, anfangs sollten rund 20 Prozent der Beschäftigten wieder arbeiten. Wie es weitergeht, macht MTU von der Nachfrage und den eigenen Zulieferern abhängig. Inzwischen soll auch das Wartungsgeschäft in Hannover und Ludwigsfelde wieder anlaufen. Auch hier hat MTU Kapazitätsanpassungen und Kurzarbeit im Auge.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Die MTU-Aktie hatte in den vergangenen Jahren einen ziemlich guten Lauf - der im Herbst 2019 mit dem Aufstieg in den Dax gekrönt wurde. Auch wenn ein Großteil der Analysten den Kurs für zu hoch hielt, stieg er weiter bis auf den Rekordwert von 289,30 Euro im Januar. Die Corona-Krise versetzte die Aktie jedoch in den freien Fall. Binnen weniger Wochen, in denen die Passagierzahlen der Airlines weltweit nach unten rauschten, sackte der MTU-Kurs bis Mitte März auf 97,76 Euro nach unten. Zuletzt wurde das Papier wieder um die 125 Euro gehandelt.

Seit Beginn des Corona-Crashs an den weltweiten Finanzmärkten hat die MTU-Aktie damit immer noch rund die Hälfte an Wert verloren und wurde damit so schwer getroffen wie kein anderes Papier im Dax. Wer vor drei Jahren bei MTU eingestiegen ist, kommt noch auf ein leichtes Minus. Wer seit fünf Jahren dabei ist, kann sich aber über ein Plus von fast 40 Prozent freuen.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Die Begeisterung von Branchenexperten für MTU war lange groß. Doch der Aktienkurs schoss schon auf seinem Höhenflug im vergangenen Jahr über das Maß hinaus, das die meisten von ihnen für vernünftig hielten. Von den elf im dpa-AFX Analyser erfassten Analysten, die ihre Schätzungen seit Mitte März aktualisiert haben, empfiehlt derzeit nur Richard Schramm von HSBC die MTU-Aktie zum Kauf. Die meisten raten zum Stillhalten. Morgan Stanley und JPMorgan raten dazu, das Papier lieber abzustoßen.

Was die weitere Entwicklung des Aktienkurses angeht, liegen die Erwartungen weit auseinander. HSBC-Analyst Schramm bleibt zuversichtlich, was die mittel- bis langfristige Wachstumsgeschichte des Triebwerkbauers angeht, und sieht die Aktie auf dem Weg zurück nach oben auf 179 Euro. JPMorgan-Experte David Perry, der seine Schätzung erst vergangene Woche bestätigt hat, geht hingegen von einem weiteren Kursrutsch auf 83 Euro aus.

Für das erste Quartal erwarten vom Unternehmen befragte Branchenexperten noch vergleichsweise geringe Auswirkungen der Krise auf das Geschäft von MTU. Heftiger dürften die Einbrüche im Rest des Jahres und darüber hinaus werden. So rechnen die Analysten für 2020 im Schnitt mit einem Umsatzrückgang um 19 Prozent auf 3,75 Milliarden Euro. Selbst im Jahr 2022 dürften Umsatz und operativer Gewinn noch nicht wieder auf dem Niveau von 2019 zurück sein.

Das auf die Luftfahrtbranche spezialisierte Analysehaus Teal Group erwartet, dass der Einbruch des Fluggeschäfts die Nachfrage nach Flugzeugen auf Jahre hinaus belastet. Bei den Auslieferungen von Kurz- und Mittelstreckenjets dürfte das Vorkrisenniveau erst im Jahr 2024 wieder erreicht werden, schätzt Experte Richard Aboulafia. Bei den größeren und teureren Langstreckenjets erwartet er eine vollständige Erholung allenfalls für die Zeit nach 2029.