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Moskauer U-Bahn will Fahrscheine durch Gesichtskontrollen ersetzen

·Lesedauer: 4 Min.

Durch Gesichtserkennung sollen die Schlangen vor den U-Bahn-Eingängen verkürzt werden. Kritik an dem System kommt nicht nur von Datenschützern.

Moskau sieht sich weltweit als Vorreiter auf dem Gebiet der Gesichtserkennung. So hat die Stadtverwaltung bereits vor einem Jahr 258 Server, 105 Computer und eine Datenbank mit neun Petabyte Speicher für 1,2 Milliarden Rubel (damals umgerechnet 17 Millionen Euro) bestellt. Damit wird nun eine umfassende Überwachung im Stadtgebiet möglich.

Auch im öffentlichen Nahverkehr wird die Gesichtserkennung aktiv vorangetrieben. 2020 schrieben Stadtverwaltung und Moskauer Metro Ausrüstungsaufträge für die Technologie für umgerechnet knapp 39 Millionen Euro aus. Inzwischen werden an den 232 U-Bahn-Stationen bereits rund 5000 Überwachungskameras mit dem Gesichtserkennungsalgorithmus eingesetzt.

Bislang soll die Technologie vor allem die Sicherheitsstandards in der Moskauer U-Bahn erhöhen, die in der Vergangenheit schon mehrfach zum Ziel von Terroranschlägen wurde. Künftig soll die Gesichtserkennung nach Angaben von Vizebürgermeister Maxim Liksutow aber auch schnelleren Zutritt ermöglichen.

„Stellen Sie sich vor, die Zugangsschranken öffnen sich einfach so vor Ihnen“, warb der für den Verkehr zuständige Beamte der Moskauer Stadtverwaltung für den „fantastisch klingenden“ neuen Service. Die gedruckten Einzelfahrscheine und Mehrfahrtenkarten sollen dafür laut Liksutow bald der Vergangenheit angehören.

Neben einer digitalen Fahrschein-App, die schon jetzt eine Alternative zu gedruckten Tickets ist, können sich Freiwillige in eine Datenbank der Moskauer Metro aufnehmen lassen, wo die Bankdaten und ein Foto der Person gespeichert werden. Sobald sie dann an eine mit der Gesichtserkennung ausgestattete Schranke kommen, öffnet sich diese – und das Fahrgeld wird abgebucht.

Vorreiter bei der Gesichtserkennung

„So eine Technologie gibt es noch nirgends auf der Welt“, aber in Moskau werde das System bereits erprobt, sagte Liksutow. „Wir versuchen, schon im Frühjahr nächsten Jahres eine Schranke jeder Metrostation mit dieser Funktion auszustatten“, versprach er.

Potenziell könnte die Technologie die Abfertigung der Passagiere vor den U-Bahn-Eingängen deutlich beschleunigen. Für die Metro, die täglich bis zu neun Millionen Menschen befördert, ist das nicht unerheblich. Gerade in den Stoßzeiten ist das Gedränge vor den Eingängen gewaltig. Während die Züge um diese Uhrzeit im Eineinhalb-Minuten-Takt fahren, kann es bis zu einer halben Stunde dauern, ehe Passagiere an den wichtigsten Stationen überhaupt auf den Bahnsteig gelangen. Engpässe an den Zugangsschranken und den Rolltreppen kosten Zeit.

Welches Unternehmen den Zuschlag für das System bekommen soll, hat Liksutow noch nicht bekanntgegeben. Die größten Aufträge für das Überwachungssystem hat bisher die Moskauer Hightech-Firma Ntechlab erhalten, an der der staatliche Rüstungsgigant Rostec beteiligt ist.

Ntechlab gehört bei der Gesichtserkennung weltweit zu den Technologieführern. Selbst bei schlechter Sicht und teilverdecktem Gesicht funktioniert der Algorithmus mit hoher Genauigkeit, wie Generaldirektor Alexander Minin dem Handelsblatt bestätigte.

Solche Höchstleistungen sind bei den Schranken nicht nötig, da die Stationen ausgeleuchtet sind und die Passagiere direkt in die Kamera schauen. So schätzt Eduard Kostyrjew, Managing Director von Faceter Russia, einem weiteren Gesichtserkennungsanbieter, die Einführungskosten des Systems auch nur auf 250.000 bis 300.000 Euro.

NGO klagt gegen Stadtverwaltung

Ob der Durchlass aber wirklich beschleunigt wird, hängt von der Geschwindigkeit des Systems ab. Für Überwachungszwecke müssen die Systeme innerhalb von 30 Sekunden Straftäter erkennen und eine Polizeipatrouille über den Standort in Kenntnis setzen.

„Eine Technologie, die 30 Sekunden das Öffnen der Schranke verzögert, führt zu Unzufriedenheit bei den Benutzern und zum Gedränge vor den Schranken“, zitiert die Tageszeitung „Kommersant“ den Chef der Technologieabteilung bei KPMG Russia, Nikolai Legkomidow. Zudem müsse sichergestellt werden, dass die Erkennung richtig funktioniere, um nicht weiteren Ärger zu provozieren, wenn jemand ungerechtfertigt abgewiesen wurde, fügte er hinzu.

Auch Datenschützer sind skeptisch. Die NGO „Roskomswoboda“ hat erst in der vergangenen Woche Klage gegen die Stadtverwaltung wegen der pauschalen Anwendung der Gesichtserkennungsalgorithmen im Überwachungssystem erhoben und Schadensersatz für bereits abgeflossene Daten eingefordert.

Die Moskauer Metro selbst sieht kein Problem. Das System sei freiwillig, heißt es. Das Unternehmen versicherte zudem, dass die Gesichtserkennung nur „wenige Sekunden in Anspruch“ nehme. Damit sei der Durchlass schneller als durch das Auflegen von Tickets oder Handys zu bewerkstelligen.