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Moskau stellt Deutschlandreisende unter Quarantäne

Deutschland wird zur Gefahrenzone – zumindest für die Moskauer. Die sollen nach einer Reise ins „Seuchengebiet“ wegen Coronagefahr für zwei Wochen quasi in Hausarrest.

Eigentlich wollte sich der Auswärtige Ausschuss des Bundestags am nächsten Donnerstag mit Managern deutscher Firmen in Russland und dem Chef der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) Matthias Schepp in Berlin wegen der US-Sanktionen beraten. Doch die Delegation aus Moskau wird nicht kommen.

Grund ist die neue Verordnung des Moskauer Oberbürgermeisters Sergej Sobjanin. Der Putin-Vertraute hatte nämlich zuletzt eine gute und eine schlechte Nachricht für die Moskauer. Die gute: Die Russen scheinen fast unempfänglich für die Ansteckung mit dem Coronavirus.

Trotz einer mehrere 1000 Kilometer langen Grenze zu China, trotz des Drehscheibencharakters, den die Moskauer Flughäfen im Europa-Asien-Verkehr haben, melden die Gesundheitsbehörden nur wenige Einzelfälle von Ansteckungen. „Die Lage mit dem Coronavirus ist in der Stadt relativ ruhig“, informierte Sobjanin daher die Bewohner der russischen Hauptstadt.

Die schlechte Nachricht: Damit das so bleibt, ergreift die Stadtregierung nun rigorose Maßnahmen und nimmt die Bürger in die Pflicht. Aufenthalte in Regionen, wo der Coronavirus aufgetreten ist, sind ab sofort meldepflichtig. Mehr noch: Nach Reisen in Länder mit erhöhter Virengefahr sollen sich die Betreffenden zwei Wochen lang selbst isolieren. Dazu zählen die Behörden neben China, Südkorea, Italien, Iran, Frankreich, Spanien auch Deutschland.

Die Vorschrift besagt, dass die Reisenden auch ohne Krankheitssymptome nicht zur Arbeit oder zum Unterricht gehen dürfen und „den Besuch öffentlicher Plätze minimieren“ sollen. Sprich: Die Personen stehen quasi unter Hausarrest.

Restaurants und Cafés, Kino, Fitnessstudio oder Shopping-Malls sind tabu. Das Gesundheitsamt stellt allen Rückkehrern Krankenscheine aus. Der Besuch einer Poliklinik ist zudem nicht nur nicht erforderlich, sondern ausdrücklich unerwünscht.

Wer tatsächlich erste Anzeichen von Atemwegsbeschwerden aufweist, geht dann auch nicht ins Krankenhaus, sondern ruft den Notarzt. Die Stadtverwaltung baut derweil in aller Eile in einem derzeit im Umbau befindlichen Infektionskrankenhaus eine Abteilung für Corona-Kranke auf. Diese sollen dort auf isolierten Stationen untergebracht werden können.

Probleme für Geschäftsreisende

Mit der Vorsorge-Quarantäne sind Geschäftsreisen aus Deutschland nach Russland praktisch unmöglich geworden. Schließlich können die Einreisenden in den ersten 14 Tagen weder auf Konferenzen auftreten, noch Fabriken besichtigen, oder zu einem simplen Geschäftsessen gehen. Die AHK habe daher als Reaktion alle Reisen in die auf der Verordnung stehenden Länder abgesagt, teilte Schepp dem Handelsblatt mit.

Auch die Reise nach Berlin zum Bundestag wurde entsprechend gestrichen. Wie die Regierung mit den unter anderem gegen Nord Stream 2 gerichteten US-Sanktionen umgehen soll, will Schepp den Parlamentariern trotzdem erzählen. „Wir leben ja im 21. Jahrhundert, es gibt Videokonferenzen und andere Möglichkeiten der Kommunikation“, sagte Schepp.

Insgesamt bekomme von den Managern wegen des Coronavirus aber noch niemand Panik, versichert er. „Generell sind deutsche Manager gut darin, mit Krisen umzugehen, weil das Russlandgeschäft einerseits sehr lukrativ, andererseits aber auch immer mal wieder massiven Schwankungen unterworfen ist“, sagte Schepp.

Bisher habe die AHK noch keine „nennenswerten Unterbrechungen der Lieferketten“ deutscher Unternehmen in Russland feststellen können. Wenn sich die Epidemie noch über viele Wochen hinziehen werde, drohten natürlich Ausfälle, aber er hoffe, dass „der Virus bei höheren Temperaturen abstirbt und viele deutsche Unternehmen bis dahin durchhalten“, so der AHK-Chef.

Aber bis dahin müssen Geschäftsreisen aufgeschoben werden. Da die Deutschen nach den Chinesen die zweitgrößte Gruppe unter den Auslandstouristen in Russland stellen – und ein großer Teil davon Geschäftsreisende sind – wird es diesbezüglich in jedem Fall eine Delle geben. Da zudem die russischen Behörden auch das stets im Juni stattfindende Internationale Petersburger Wirtschaftsforum abgesagt haben, fehlt zudem eine wichtige Plattform, bei der in den vergangenen Jahren immer wieder Milliardenverträge unterzeichnet wurden.

Russland will Quarantäne-Brecher härter bestrafen

Die Quarantäne-Verordnung zu ignorieren ist übrigens nicht zu empfehlen: Die Verbraucherbehörde erinnerte die Russen bereits Anfang Februar daran, dass bei Verstößen gegen die behördlichen Anordnungen eine Ordnungsstrafe droht.

Alexej Jakowlew, der Chefarzt des Petersburger Botkin-Krankenhauses, aus dem eine Patientin mit Coronaverdacht geflohen war, drohte hingegen sogar mit Strafverfolgung: „Alle Spekulationen, dass man mit 500 Rubel (umgerechnet sieben Euro) Ordnungsstrafe bei einem Ausbruch aller Verantwortung ledig sei, sind ein großer Irrtum.“ Wer durch die Nichtbeachtung der Quarantäne andere anstecke, könne strafrechtlich verfolgt werden.

Das russische Strafgesetzbuch sieht bei der Verletzung von Epidemie-Regelungen tatsächlich eine Verantwortung der Betreffenden vor, wenn diese Fahrlässigkeit zu einer „Massenerkrankung, -vergiftung oder dem Tod von Personen“ führt. In beiden Kammern des russischen Parlaments, im Föderationsrat und in der Duma, wurden zuletzt Forderungen nach einer Verschärfung der diesbezüglichen Gesetze laut.