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„Moonshot“ Gaia-X – Die wichtigsten Fragen und Antworten zur europäischen Cloud

Deutschland und Frankreich wollen mit einem europäischen Cloud-Netzwerk unabhängiger von US-Konzernen werden. Doch wie soll das funktionieren? Ein Überblick.

Die Ambitionen von Gaia-X sind enorm: Von einem „Moonshot“, einer Mondmission, sprach Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, als er am Donnerstag in Berlin den offiziellen Start bekanntgab. Der Erfolg sei „zentral für Deutschland, für Frankreich und für Europa, wenn es um wirtschaftliche Stärke und Souveränität geht“, betonte er.

Kein Zweifel, für den CDU-Politiker ist es ein Prestigeprojekt. Er hat im vergangenen Jahr die Entwicklung einer digitalen Infrastruktur persönlich angestoßen, nun will er sie mit seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire zu einer europäischen Initiative ausbauen.

Für Le Maire, der aus Paris zugeschaltet war, ist eine sichere europäische Cloud heute noch wichtiger als zum Zeitpunkt der ersten Überlegungen, weil viele Unternehmen seit der Coronakrise Telearbeit einführen. Die großen Technologiekonzerne aus den USA „sind die Gewinner der Krise, der europäische digitale Raum muss geschützt werden“, sagte er. Gaia-X sichere Regeln, die auf EU-Werten und Standards basieren. Das Projekt könne damit sogar „der Goldstandard für Cloud-Dienste werden“, ergänzte Altmaier.

Ein halbes Jahr nach dem Beginn der Arbeit wurden nun Details aus den Arbeitsgruppen vorgestellt – zur Finanzierung beispielsweise, aber auch, wie Anwendungen aussehen könnten. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Warum braucht es überhaupt eine europäische Cloud?

Ob neue Spiele fürs Smartphone oder Videokonferenzen im Homeoffice, ob Industrie 4.0 oder vernetztes Fahren: Ohne die Cloud geht im Digitalzeitalter wenig. Eine IT-Infrastruktur für Software, Speicher und Rechenleistung, die von überall aus erreichbar ist und sich nutzen lässt, bildet die Grundlage für zahlreiche Anwendungen. Das gilt besonders für die Entwicklung künstlicher Intelligenz, von der sich viele Branchen einen Innovationsschub versprechen.

Den Markt dominieren allerdings Anbieter aus den USA: Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google sind mit Abstand die größten Anbieter. Die Politik fürchtet eine Abhängigkeit – und postuliert, dass es eine „vertrauenswürdige, souveräne digitale Infrastruktur für Europa“ brauche. Hinzu kommt die Sorge, dass die europäische Wirtschaft durch unzureichende Datennutzung ins Hintertreffen gerät. Altmaier denkt speziell an den industriellen Mittelstand.

Wie soll Gaia-X funktionieren?

Das Konzept sieht vor, Dienste verschiedener Unternehmen zu einem „homogenen, nutzerfreundlichen System“ zu vernetzen, wie Thomas Jarzombek, Beauftragter des Wirtschaftsministeriums für die digitale Wirtschaft, auf dem Digitalgipfel 2019 sagte. Die Initiative soll die verbindenden Elemente entwickeln, darunter technische Standards, Schnittstellen für den Datenaustausch, zudem ein Identitätsmanagement, ein Abrechnungssystem sowie eine Benutzeroberfläche.

Auch wenn Politiker wie Le Maire die Initiative als Gegenentwurf zu AWS, Microsoft und Co. darstellen, ist das keine rein europäische Angelegenheit: Grundsätzlich können sich Unternehmen aus aller Welt beteiligen, wenn sie sich auf die Regeln einlassen. In den Arbeitsgruppen machen mehrere US-Anbieter mit, darunter AWS, Microsoft, Google und IBM.

Was sind die Vorteile?

Aus den Argumenten für Gaia-X stechen zwei hervor. Zum einen will die Initiative ein Ökosystem schaffen. Sprich: Unternehmen sollen es dank der Standards leichter haben, datengetriebene Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, auch über die Grenzen der eigenen Organisation hinweg. Das biete den Anwendern mehr Auswahl und verschaffe zugleich den Anbietern eine große Sichtbarkeit, sagte Altmaier.

Zum anderen will die Initiative Europa mehr Souveränität verschaffen: Unternehmen, so die Hoffnung, bekommen volle Kontrolle über ihre Daten, selbst wenn diese bei amerikanischen Anbietern liegen – etwa durch Datenschutzregeln und Interoperabilität. „Wir laden Firmen aus aller Welt ein, ihre Cloud-Dienste nach europäischen Standards und Regeln anzubieten“, sagte Altmaier. Gaia-X soll also eine Art Gütesiegel werden.

Welche Beispiele für Gaia-X-Projekte gibt es?

Die Arbeit ist längst noch nicht abgeschlossen, fertige Standards gibt es nicht. Die Arbeitsgruppen haben aber an Prototypen gearbeitet, die die Vorteile von Gaia-X zeigen sollen. Einige Unternehmen haben zudem Produkte entwickelt, die dem Geist der Initiative entsprechen und später deren Vorgaben erfüllen sollen.

Dazu zählt beispielsweise die Friedhelm-Loh-Gruppe mit dem Tochterunternehmen German Edge Cloud, das ein Mini-Rechenzentrum für die Industrie mit dem Namen Oncite entwickelt hat – es soll den Kunden eine strenge Kontrolle über ihre Daten bieten.

Ein Konsortium um das Start-up Cloud & Heat verfolgt einen ähnlichen Ansatz: Unternehmen sollen Cloud-Dienstleister nach Kriterien wie Datensicherheit, Datenschutz oder auch Nachhaltigkeit auswählen können, die Software Krake orchestriert anschließend die Verteilung der Daten.

Welche Unternehmen und Organisationen beteiligen sich?

Insgesamt sind 300 Firmen, Verbände und Forschungseinrichtungen involviert. 22 Unternehmen, die Hälfte aus Deutschland, die andere Hälfte aus Frankreich, wollen gemeinsam eine Organisation gründen, die Verwaltungsaufgaben des Netzwerks übernimmt und die Zusammenarbeit international vorantreiben soll. Auf deutscher Seite gehören BMW, Bosch, Siemens, die Telekom und SAP dazu. Sitz der Organisation wird Brüssel sein, auch um die europäische Dimension des Projekts zu unterstreichen. Bisher sind vor allem Deutschland und Frankreich bei Gaia-X aktiv, weitere Länder sollen hinzukommen.

Reicht das Budget?

Gemessen an den Erwartungen, die Altmaier weckt, erscheint das Budget für Gaia-X winzig. 27 Millionen Euro hat die Bundesregierung bisher reserviert. Hinzu kommt ein Teil der Mittel, die im Bundeshaushalt für die Förderung von Künstlicher Intelligenz vorgesehen sind. Verglichen mit den Milliarden, die Amazon und Microsoft in ihre Cloud-Angebote investieren, ist das sehr überschaubar. Und die französische Regierung gewährt gar keine staatliche Förderung für Gaia-X. „Das ist vor allem ein privates Projekt“, sagte ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums dem Handelsblatt. In anderem Kontext gebe es Staatshilfen für die digitale Infrastruktur, aber nicht in diesem Fall.

Die Bundesregierung betont deshalb, dass das Projekt kein rein staatliches Vorhaben, sondern eine Kooperation zwischen der EU-Kommission, europäischen Regierungen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen sei. Öffentliche Fördermittel sind damit nur ein Teil der Gesamtinvestitionen, die in Gaia-X fließen sollen.

Wie geht es weiter?

Bis zum Jahreswechsel sollen erste Produkte vorliegen. Dafür, so der IT-Branchenverband Bitkom, „braucht es eine arbeitsfähige und offene Gaia-X-Organisation, um das Cloud-Ökosystem zu steuern und die hochgesteckten Ziele zu erreichen.“

Auch Peter Heidkamp, Partner bei KPMG, mahnt schnelles Handeln an. Gaia-X könne einen wichtigen Beitrag leisten, um Unternehmen den Einstieg ins Cloud-Computing zu erleichtern: Haupthemmnisse für die Nutzung seien bislang Unsicherheiten über regulatorische Anforderungen und Sicherheit. Der Vorstoß komme „vielleicht noch gerade rechtzeitig, um den Siegeszug der Cloud nach europäischen Vorstellungen gestalten zu können“. Die Ergebnisse seien aber noch zu unkonkret, um die Erfolgsaussichten zu beurteilen.

Le Maire zeigte sich zuversichtlich, dass sich private Nachfrage entwickeln werde. Es gebe eine ganze Reihe von Unternehmen, die sich Sorgen machen wegen der US-Dominanz. Nicht nur Großunternehmen, auch Mittelständler und Start-ups warteten auf eine Alternative zu den dominanten US-Anbietern. „Wir sind nicht China, wir sind nicht die Vereinigten Staaten. Wir haben unsere eigenen wirtschaftlichen Interessen, die wir verteidigen wollen“, sagte Le Maire.

Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen in Europa weit auseinander. Während die Minister in ihren Ambitionen schwelgten, brach die Übertragung immer wieder zusammen. Europa hat bei seiner digitalen Mondmission noch einen weiten Weg vor sich.