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Montana: Der Staat der Cowboys – und der Trump-Anhänger

·Lesedauer: 9 Min.

Viel Platz, wenige Menschen, kaum Regulierungen: Die Bewohner des US-Bundesstaats Montana lieben ihre Heimat – und Donald Trump. Ein Besuch bei der Basis des Präsidenten.

Es sieht hier tatsächlich so aus wie in den alten Westernfilmen. Fährt man mit dem Auto durch Montana, begleitet einen der Anblick grasender Bisons und Kühe. Rinderschädel hängen an den hölzernen Torbögen, welche die Einfahrten zu den Ranches schmücken. Pferde galoppieren über schier endlose Wiesen, Plakate am Straßenrand werben für Rodeos.

In den Kleinstädten sehen Häuser noch aus wie zur Goldgräberzeit, mit Veranda vor dem Eingang und hochgezogener Fassade. Jeden Augenblick könnten Clint Eastwood oder John Wayne aus einem der Saloons treten.

In Montana ist Amerika noch so ursprünglich wie an nur wenigen Orten. In dem Bundesstaat im Nordwesten der USA leben auf einer Fläche so groß wie Deutschland eine Million Menschen und 2,6 Millionen Rinder. „Letzter bester Ort“ lautet einer der Slogans des Bundesstaats, und tatsächlich ist hier vieles anders als im Rest der USA: Eine Verkaufsteuer gibt es nicht, die Waffengesetze gehören zu den laxesten im Land.

Kopfgeldjäger stellen damals wie heute säumigen Angeklagten nach, die auf Kaution entlassen wurden. Rinder können dank Open-Range-Gesetzen grasen, wo sie wollen. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gab es bis Ende der Neunzigerjahre nicht, der Highway trug den Spitznamen „Montanabahn“. Auch heute ist das Speedlimit mit 80 Meilen (130 Kilometern) pro Stunde noch so hoch wie in nur wenigen anderen Bundesstaaten.

Und wer hier die Ansicht vertritt, die Covid-19-Infektion des Präsidenten weise quasi symbolisch auch auf ein allgemeines Versagen seines Corona-Krisenmanagements hin, der äußert eine klare Außenseiterposition.

Grizzlybären kommen bis in die Vorgärten

Nein, die Aufgeregtheiten der Metropolen im Osten sind hier wenig wert, an diesem Ort der Extreme. Die kontinentale Wasserscheide teilt Montana in einen flachen, steppenartigen Osten und einen grünen, bergigen Westen. Im Winter versinkt das Land unter einer meterhohen Schneedecke, im Sommer dörrt es unter sengender Sonne aus. Grizzlybären, Wölfe und Pumas kommen mancherorts bis in die Vorgärten.

Gesprächspartner erzählen einem oft im zweiten Satz, seit wie vielen Generationen ihre Familie schon in Montana lebt. „Die Leute sind wahnsinnig stolz darauf, an einem so extremen Ort nicht nur überlebt, sondern sich hier auch etwas aufgebaut zu haben“, erklärt David Parker, Politologe an der Montana State University.

Die raue Umgebung schweißt die Menschen zusammen: Hält man am Straßenrand für ein Foto, stoppt mit großer Wahrscheinlichkeit ein besorgter Autofahrer und erkundigt sich, ob man Hilfe brauche.

Verpönt sind bei den Einheimischen hingegen die vielen Zuzügler aus Oregon, Kalifornien und Texas – diese trieben nur die Immobilienpreise in die Höhe und verstünden nichts von den „Werten Montanas“, heißt es immer wieder. „Der Mikronationalstolz ist stark ausgeprägt“, sagt der Politologe Parker lachend über seine Wahlheimat.

Für Trump scheuen viele keine Mühen

Dieser Nationalstolz erklärt vielleicht auch, warum Montana nicht nur das Land der Cowboys, sondern auch der Trump-Anhänger ist. Die Fahnen mit dem Namen des Präsidenten gehören im Bitterroot Valley zum Landschaftsbild wie Kirchen und Waffenläden.

Hier, ganz im Westen Montanas, säumen steile Bergketten das Tal mit den sattgrünen Wiesen, durch das sich der Bitterroot River schlängelt. Touristen kommen zum Fliegenfischen, Wandern und Jagen. Die lokale Brauerei wirbt in Anlehnung an das Motto Montanas mit dem „letzten guten Bier“.

Vor unzähligen Häusern wehen Flaggen mit Trumps Parolen „Make America Great Again“ und „Keep America Great“. An einem Berghügel kurz vor der Kleinstadt Lolo hat jemand seinen Namen in riesigen Buchstaben auf einen kahlen Berghang geschrieben. Für Donald Trump scheuen viele keine Mühen.

Am Rand der Schnellstraße 93, die durch das Bitterroot Valley führt, sitzt Randy Monrean auf einem Klappstuhl. Die Sonne hat den Asphalt aufgeheizt wie eine Herdplatte, Autos rasen vorbei, doch Monrean ruht wie ein Fels in der Brandung neben seinem Pick-up-Truck. Auf dem Kopf trägt er die rote Schirmmütze des Präsidenten, von seinem Ford wehen zwei Fahnen – die amerikanische und eine mit dem Slogan „Trump 2020“.

Randy Monrean bezieht am Straßenrand im Bitterroot Valley Position für Präsident Trump. Er wedelt mit dem Buch, das er gerade liest: „1984“, der dystopische Roman um die Frage, wie Politiker die Wahrheit verdrehen. „Das solltest du lesen, das ist hochaktuell“, ruft er der Reporterin zu.

Jeden Morgen und jeden Nachmittag wirbt Monrean so während einiger Stunden für Trump. „Wenn ich am Ende ein, zwei Wähler für ihn gewonnen habe, dann hat es sich gelohnt“, sagt er. Viel Überzeugungsarbeit scheint gar nicht nötig, anerkennend hupen ihm vorbeifahrende Autofahrer zu.

Monrean arbeitete früher als Rohrleger, gehörte einer Gewerkschaft an und stimmte für die Demokraten. Doch die Partei habe sich verändert, sagt er, jetzt händige sie nur noch Sozialleistungen aus. Am besten gefalle ihm an Trump, dass er versprochen habe, den Washingtoner „Sumpf trockenzulegen, und zwar in beiden Parteien“.

Die Liste seiner Erfolge sei lang: Trump sei hart gegenüber China, investiere in das Militär, beende sinnlose Kriege, habe die israelische Botschaft nach Jerusalem verlegt. „Frag mich lieber, was er noch nicht erreicht hat!“ Auch die ständigen Twitter-Nachrichten stören Monrean nicht, „ich mag das sogar, weil es die Medien so schön aufregt“.

Dass Präsident Trump 2016 Montana gewann, war wenig überraschend: Seit Jahrzehnten stimmt der Staat verlässlich für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Einzig der Demokrat Bill Clinton gewann hier 1992 knapp.

Bemerkenswert war jedoch, wie deutlich Trump hier siegte: mit mehr als 20 Prozentpunkten Vorsprung – viel mehr, als zuletzt die republikanischen Anwärter Mitt Romney und John McCain verzeichneten. Es schien, als spreche Trump den Bürgern Montanas aus dem Herzen.

Und er tut es bis heute. Wie wenige andere Präsidenten versteht es Trump, den Menschen im ländlichen Amerika zu signalisieren, dass er sie in Washington nicht vergessen hat. Allein 2018 besuchte er viermal Montana, im Oktober will er wiederkommen, um seinen Kandidaten für den Senat zu unterstützen. Auch Monrean besuchte schon eines von Trumps berüchtigten Rallys in der Hauptstadt Helena. Noch heute ringt er nach Worten, um die Stimmung dort zu beschreiben. „Das Gemeinschaftsgefühl war völlig surreal.“

Freiheit des Einzelnen

Ähnlich überwältigend ist die Euphorie für Trump in Hamilton, mit 5000 Einwohnern die größte Stadt im Bitterroot Valley. Giovanni Cidranes steht im Second Amendment Gun Store hinter der Theke, ein kräftiger Mann mit Glatze, Dreitagebart und Brille mit schwarzem Rand. Eine Maske trägt niemand im Laden, obwohl der Gouverneur eine Maskenpflicht verhängt hat.

Cidranes mag es nicht, wenn andere ihm vorschreiben, was er zu tun hat – oder welche Waffen er besitzen darf. „Wir in Montana glauben an die Freiheit des Einzelnen und eine möglichst kleine Regierung“, sagt er.

Ihm sei wichtig, dass der Präsident den zweiten Verfassungszusatz schütze, also das Recht auf Waffenbesitz. Trump tue das, sagt der 55-Jährige, und auch sonst ist er sehr zufrieden: Die Wirtschaft sei zu neuen Höhen aufgestiegen, für Veteranen wie ihn habe sich die Gesundheitsversorgung verbessert.

Auch Shelli Evenson ist nach wie vor von Trump begeistert. Die gebürtige Britin verkauft im Lakeside Store Viehfutter. An Trump schätzt sie vor allem seinen Patriotismus. „Er macht das alles nicht für sich, was springt für ihn schon dabei heraus? Er glaubt an unser Land und tut das, was für uns am besten ist.“

Auch unter den Ranchern Montanas genießt Trump einen starken Rückhalt. Als Rückgrat der Wirtschaft sind sie eine Schlüsselgruppe unter Montanas Wählern. Viehzucht bedeutet Knochenarbeit in der rauen Natur, doch für dieses Leben entschied sich Rex Radtke ganz bewusst, als er vor achtzehn Jahren mit seinem Bruder Brad die Farm des Vaters übernahm.

„Wir führen sie in der vierten Generation“, sagt Radtke. „Ich habe in der Lotterie gewonnen, als ich in Amerika geboren wurde, und bei der Zusatzzahl, weil es hier in Montana war.

Es ist früher Morgen in Hall, einer Kleinstadt im Nachbartal des Bitterroot Valley. Die ersten Sonnenstrahlen klettern über die Hügel und tauchen die sattgrünen Wiesen in orangefarbenes Licht. Radtke trägt einen weißen Cowboyhut, Jeans und eine Sonnenbrille; er sitzt in seinem Pick-up-Truck und wirft sich eine Portion Kautabak in den Mund.

An einem Kaffeebecher auf dem Armaturenbrett prangt die amerikanische Flagge. Heute werden er und sein Bruder fast 300 Kälber wägen und für den Transport vorbereiten; im milderen Winter des Bundesstaats Washington sollen sie ihr Schlachtgewicht erreichen.

Brad und seine Ehefrau reiten ihm bereits entgegen und treiben auf ihren Pferden die Kälber vor sich her, Richtung Radtke-Ranch. Die Familie hat eine große Ranch für die Verhältnisse in Western Montana, wo – anders als im kargen Osten – die Wiesen grün und der Boden damit teuer ist.

Wie groß seine Farm ist, will Rex Radtke nicht in der Zeitung lesen – sonst könne sich ja jeder ausrechnen, wie viel die Ranch wert sei. Die Radtkes besitzen selbst kaum Rinder, sondern lassen das Vieh anderer auf ihrem Grund weiden. Für jedes Pfund Gewichtszunahme bekommen sie eine Prämie.

Diese dürfte heute größer ausfallen als erwartet: Die eineinhalbjährigen Rinder haben in den vergangenen Monaten mehr als 400 Pfund zugelegt. Freudig justiert Radtke immer wieder die Gewichte der Viehwaage nach, auf der er die Rinder in Kleingruppen wägt.

Ein Tierarzt attestiert, dass das Vieh gesund sei, bevor es in die Transporter trabt. Ein anderer Farmer kontrolliert, dass alle Kälber auch das richtige Brandzeichen aufweisen.
Seit Jahren nehme die Regulierung zu, erzählt Radtke später bei Bier und Burger, „in den letzten Jahren hat sich der Papierkram gefühlt verzehnfacht“.

Er wünscht sich Politiker, die die Regulierung wieder herunterfahren, „wir brauchen keinen Kindermädchenstaat“. Wie andere Rancher hofft Radtke auch auf ein Handelsabkommen mit China, wo die Nachfrage nach erstklassigem amerikanischem Rindfleisch riesig sei.

Die Radtkes sind zufrieden mit dem Präsidenten. „Er hat vieles erreicht“, meint Brad Radtke. Trump sei zwar ein Egozentriker, aber auch ein „go-getter“, also zielstrebig. Früher habe er bei den Kongresswahlen auch einmal für den demokratischen Kandidaten gestimmt, erzählt Brad Radtke, aber nun drifte die Partei in den Sozialismus ab, das störe ihn sehr. Spöttisch erkundigt er sich auch danach, was man vom angeblichen „systemischen Rassismus“ halte und vom Vorschlag, der Polizei die Ressourcen zu streichen.

0,4 Prozent Afroamerikaner

So viele Anhänger Trump in Montana hat, es gibt auch Ausnahmen. Auf dem Schießstand in Hamilton steht Eddie Smith und wässert die Wiesen. Der ältere Mann zählt zu den gerade einmal 0,4 Prozent Afroamerikanern in Montana; kaum ein Bundesstaat hat eine größere weiße Bevölkerung.

1975 zog Smith aus Kansas City hierher, „ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben“, sagt er. Doch er habe gelernt, mit den Leuten hier nicht über Politik zu sprechen – als Demokrat und Schwarzer sei er in der Minderheit. „Die Regeln für Weiße und Schwarze sind in diesem Land unterschiedlich.“ Joe Biden werde ein guter Präsident sein, glaubt Smith. Statt zu diskutieren, gehe er wählen.