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Wie Modrics besondere Geste Kroatiens Helden formte

Nicht von wenigen Leuten war Brasilien bei der WM als Topfavorit auf den Titelgewinn gehandelt worden. Mit den Kroaten hatte die Selecao im Viertelfinale auch noch eine vermeintlich machbare Aufgabe erwischt.

Doch es kam anders. Kroatien setzte sich - wieder einmal - in einem Elfmeter-Krimi gegen den Favoriten durch und zog überraschend in das Halbfinale ein.

Aus einer leidenschaftlich kämpfenden Mannschaft stach dabei einmal mehr Torwart Dominik Livakovic hervor, der die brasilianische Star-Offensive zur Verzweiflung brachte.

Kroatiens Krake lässt Rekorde purzeln

Schon in der regulären Spielzeit wuchs Livakovic erneut über sich hinaus. Mit zwischenzeitlich 8 Paraden stellte der Keeper schnell einen Rekord auf. Am Ende der 120 Minuten waren es gar 11 Paraden. Es waren die meisten eines kroatischen Torwarts bei einer WM - und die meisten eines Torhüters überhaupt beim Turnier in Katar.

Ob Vinicius Junior, Lucas Paqueta oder Neymar: Für die Stars der Selecao gab es zunächst kein Vorbeikommen am kroatischen Teufelskerl, der bis zum Viertelfinale überhaupt erst einmal hinter sich greifen musste.

In der 105. Minute war es schließlich doch so weit: Superstar Neymar konnte Livakovic überwinden, umdribbelte den Torhüter nach einem feinen Doppelpass aber zuerst, ehe er den Ball in das verwaiste Tor einschoss.

Und dennoch hatte Livakovic am Ende das letzte Wort. Denn dank überragender Moral und einer wahren Willensleistung kamen die Kroaten noch zum Ausgleich durch Bruno Petkovic (117.). (NEWS: Alles Wichtige zur WM)

Spezialdisziplin Elfmeterschießen

Im darauffolgenden Elfmeterschießen stand wieder Livakovic im Rampenlicht. Den ersten Strafstoß von Rodrygo konnte er parieren und sicherte Kroatien damit einen wichtigen psychologischen Vorteil. Auch gegen die Brasilianer half dem Keeper dabei wieder ein extra angefertigter Spickzettel.

Nebenbei bedeutete dieser gehaltenen Elfmeter für Livakovic eine weitere Bestmarke: Er wurde laut Opta damit zum dritten Torhüter, dem es gelang, bei einer einzelnen WM vier Strafstöße zu halten. Bezeichnenderweise schaffte dies zuletzt mit Daniel Subasic bei der WM 2018 ebenfalls ein kroatischer Keeper.

Weil sich die kroatischen Schützen nach Livakovics historischer Tat allesamt eiskalt vom Punkt zeigten und Brasiliens Marquinhos beim vierten Strafstoß den Pfosten traf, zog Kroatien schließlich zum zweiten Mal hintereinander in ein WM-Halbfinale ein.

Schon den Einzug in das Viertelfinale hatten die Kroaten zu großen Teilen Livakovic zu verdanken. Der Keeper parierte im Achtelfinale gegen Japan gleich drei Elfmeter und sorgte damit fast im Alleingang für das kroatische Weiterkommen.

Über sein Geheimrezept beim Elfmeterschießen äußerte sich Livakovic nach dem Japan-Spiel nur vage: „Es ist mehr der Instinkt und eine Analyse der Schützen“. Die eindrucksvolle WM-Historie kroatischer Elfmeterschießen war damit jedenfalls fortgesetzt. (DATEN: WM-Spielplan 2022)

Modric ermutigte Livakovic

Schon jetzt zählt der 27-Jährige, den vor der WM wohl die wenigsten Zuschauer auf dem Zettel hatten, zweifellos zu den großen Entdeckungen des Turniers. Das war allerdings vor einem Jahr nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Im November 2021 während der WM-Qualifikation war Livakovic im Nationalteam nicht erste Wahl. Doch Kapitän Luka Modric ermutigte ihn bei einem Gespräch in einem Hotel, was in der Netflix-Serie „Kapitäne“ zu sehen war.

„Ich würde dir das nicht sagen, wenn du mir nichts bedeuten würdest. Leider sehe ich bei dir keinen Fortschritt im Nationalteam“, sagte Modric: „Vielleicht ist es der Druck? Du strahlst Unsicherheit aus, das färbt auf das Team ab. Verstehst du? Darum geht es.“

Der Kapitän weiter: „Warum darfst du keinen Fehler machen? Jeder macht Fehler! Ich habe das Gefühl, dass du Angst hast, Fehler zu machen. Wer macht denn keine Fehler? Nenne mir eine Person. Angst hat mich sicher nicht hierher gebracht. Das verschlimmert nur alles. Hör zu: Du bist ein großartiger Torwart! Das ist dir bewusst, okay?“

Livakovic nahm sich Modrics Worte womöglich zu Herzen und erkämpfte sich den Stammplatz für die WM in Katar - und zahlte das Vertrauen eindrucksvoll zurück.

Co-Trainer Olic: „Weltklassetorwart“

Kroatiens Co-Trainer Ivica Olic wählte nach dem Spiel gegen Brasilien nicht zu Unrecht große Worte: „Wir haben einen Weltklassetorwart“, sagte Olic über Torwart Livakovic, der die Hoffnung Kroatiens auf den ersten WM-Titel am Leben hielt.

Auch Kapitän Luka Modric stimmte eine Lobeshymne auf den Mann des Spiels an: „Livakovic war während des gesamten Spiels und im Elfmeterschießen überragend, er hat alles gerettet und gezeigt, was für ein großartiger Torhüter er ist.“

Einen echten Ritterschlag gab es außerdem von Torhüter-Legende Iker Casillas, der Livakovic via Twitter nach seinem Gala-Auftritt als „Top-Torhüter“ adelte.

Ein weiterer Twitter-User verglich Livakovic mit der Bayern-Legende Oliver Kahn, der passenderweise die Partie im Stadion verfolgte. Und natürlich wurde Kroatiens Keeper nach dem Spiel auch als „Man of the Match“ ausgezeichnet.

Die WM als Sprungbrett?

Seine Fußballkarriere verbrachte Livakovic bisher ausschließlich in seinem Heimatland. Zunächst durchlief er die Jugendakademie von NK Zagreb. Seit 2016 steht Elfmeterkiller Livakovic bei Dinamo Zagreb unter Vertrag.

Angesichts seiner bärenstarken WM-Auftritte ist es nicht ausgeschlossen, dass sich Livakovics Karriere nach dem Turnier außerhalb von Zagreb fortsetzen wird.

Erst einmal hat die „Krake von Zadar“, wie die kroatische Presse Livakovic taufte, noch Großes vor. Mit seiner Mannschaft will er den ersten WM-Titel nach Kroatien holen.