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Missglückte Schnäppchenjagd im Dax verunsichert Anleger – Experten raten zur Vorsicht

Viele Anleger hatten auf niedrigere Kurse gehofft. Der Dax fiel, doch die falschen Aktien rutschten ins Minus. Was das für die Handelswoche bedeutet.

Der Dax hat in der vergangenen Woche knapp vier Prozent verloren – allerdings gab es große Unterschiede zwischen den Branchen. Foto: dpa

Auf den ersten Blick haben sich die Erwartungen der Anleger in der vergangenen Handelswoche erfüllt. Sie hofften auf Schnäppchenkurse, und der Dax fiel um vier Prozent.

Doch die Auswertung der aktuellen Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 3500 Investoren zeigt: Zufrieden waren die Anleger mit dieser Entwicklung nicht, sie zeigen sich eher überrascht. Offenbar wurden die gewünschten Schnäppchenpreise nicht erreicht.

Ein Blick auf Gewinner- und Verliereraktien zeigt den vermutlichen Grund: Die Anleger suchten offenbar die Schnäppchen unter den Corona-Gewinnern wie Aktien in der Technologiebranche und im Gesundheitswesen. Doch bei diesen Aktien gab es kein großes Minus.

Für das Minus von vier Prozent sorgen in erster Linie Automobilwerte und Papiere aus den Branchen Finanzen, Logistik und Rohstoffe. Doch bei diesen Aktien wollten aber selbst die Schnäppchenjäger nicht einsteigen.

Der Ratschlag von Stephan Heibel nach Auswertung der Handelsblatt-Erhebung und weiterer Indikatoren lautet, „vorsichtig mit Überzeugungskäufen“ zu sein. In fallende Kurse hinein könnten Anleger sicherlich hier und da ein paar Aktien kaufen. „Doch behalten Sie ausreichend Cash, falls es doch noch deutlich tiefer gehen sollte.“

Er begründet seine Ansicht zum einen mit der Unsicherheit der Anleger. Nach der verpassten Chance in der vergangenen Woche stehen sie nun vor der Frage: Soll man den Kursen hinterlaufen und jetzt kaufen, oder auf einen Ausverkauf unter 10.000 Punkte warten?

Laut Heibel würde eine zweite Chance, ein Unterschreiten der 10.000-Punkte-Marke, wieder zu mehr Panik führen. „Dann ist es ungewiss, ob die Schnäppchenjäger dann noch die Nerven bewahren und kaufen“, meint der Inhaber des Analysehauses Animusx.

Zum anderen zeigen die Umfragewerte weiterhin eine ordentliche Investitionsbereitschaft. Anleger wollen also kaufen. Doch die ausführlichere Animusx-Erhebung zeigt auch: Die Investitionsquote ist sowohl unter Privatanlegern als auch Institutionellen in Deutschland bereits wieder recht hoch. Beide Anlegergruppen haben in den vergangenen Wochen bereits viel gekauft.

Der Blick auf die Umfrage zeigt: Für die Teilnehmer der Erhebung kam diese Konsolidierung überraschend, obwohl Heibel mehrfach darauf hingewiesen habe, dass diese Korrektur überfällig sei.

Denn der Dax war von seinem Hoch am 21. Februar bis zum Tiefpunkt am 18. März um 38 Prozent eingebrochen. Von diesem Tiefpunkt aus folgte ein Kursanstieg um 30 Prozent, ohne dass ein Ende der Coronakrise in Sicht ist. Ein solcher Kursrückgang wie in der vergangenen Woche hätte eigentlich keine Überraschung sein dürfen.

Dennoch ist das Anlegersentiment stark auf minus 2,9 eingebrochen. In den beiden Woche vorher wurde noch zaghaft gefeiert, nun ist wieder Katerstimmung angesagt.

Und das kratzt am Selbstwertgefühl: Mit einem Wert von minus 4,2 zeigt sich unter den Anlegern erneut eine starke Verunsicherung. Die Frage, ob man richtig positioniert ist, beschäftigt nun wieder viele.

Normalerweise wird eine pessimistische Erwartungshaltung mit fallenden Kursen abgebaut. Das ist diesmal jedoch nicht passiert, der Pessimismus bleibt mit einem Wert von minus 1,1 auf dem Niveau der Vorwoche.

In den kommenden zwei Wochen wollen viele Anleger wieder investieren. Die Investitionsbereitschaft ist auf 2,0 gesprungen. Wie vor einer Woche warten Schnäppchenjäger auf das Erreichen ihrer Wunschpreise.

Der Blick auf andere Indikatoren zeigt: Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, hat sich infolge der Konsolidierung etwas erholt – von minus 10 auf minus 7,5. Die starken Absicherungspositionen der Vorwochen wurden teilweise aufgelöst, die Zahl der Short-Produkte ging im Vergleich zu Call-Derivaten leicht zurück.

Das Put-/Call-Verhältnis der Frankfurter Terminbörse Eurex, über die sich die Profianleger absichern, ist ebenfalls stark zurückgegangen und zeigt schon wieder eine Netto-Long-Spekulation an: Institutionelle Anleger positionieren sich, um von steigenden Kursen zu profitieren.

An der Chicagoer Terminbörse CBOE ist das Put-/Call-Verhältnis ebenfalls weiter abgesunken. Auch US-Anleger gehen zunehmend von einer Fortsetzung der Ende März begonnenen Aktienmarktrally aus.

US-Fondsanleger haben ihre Investitionsquote um zehn Prozentpunkte auf nur noch 57 Prozent reduziert. Im langfristigen Vergleich ist das eine sehr niedrige Quote, lediglich im Monat März – auf dem Höhepunkt der Coronakrise – gab es deutlich extremere Werte.

Das Bulle-/Bär-Verhältnis unter den US-Privatanlegern zeigt mit minus 27 Prozent einen sehr starken Pessimismus an. Der absolute Wert erinnert an Extremwerte, die im chaotischen Börsenmonat Dezember 2018 und im Rahmen der Brexit-Entscheidung 2016 erreicht wurden. Das waren jeweils gute Zeitpunkte, um langfristig zu investieren.

Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Aktienmärkte notiert mit 38 Prozent weiterhin im neutralen Bereich, ebenso wie andere kurzfristigere Indikatoren.