Deutsche Märkte öffnen in 40 Minuten
  • Nikkei 225

    23.494,34
    -22,25 (-0,09%)
     
  • Dow Jones 30

    28.335,57
    -28,13 (-0,10%)
     
  • BTC-EUR

    11.046,00
    +8,54 (+0,08%)
     
  • CMC Crypto 200

    262,70
    +1,24 (+0,47%)
     
  • Nasdaq Compositive

    11.548,28
    +42,28 (+0,37%)
     
  • S&P 500

    3.465,39
    +11,90 (+0,34%)
     

Wie die Mineralölwirtschaft klimaneutral werden will

·Lesedauer: 5 Min.

Der Verkehrssektor ist das Sorgenkind des Klimaschutzes: die Emissionen sinken nicht. Die Mineralölwirtschaft will das ändern – auch ohne Mineralöl.

Strengere CO2-Grenzwerte für Autos und Nutzfahrzeuge haben nicht bewirken können, dass die CO2-Emissionen im Verkehrssektor zurückgegangen sind. Foto: dpa
Strengere CO2-Grenzwerte für Autos und Nutzfahrzeuge haben nicht bewirken können, dass die CO2-Emissionen im Verkehrssektor zurückgegangen sind. Foto: dpa

Die Politik hat in den vergangenen Jahren viele Anläufe genommen, um die CO2-Emissionen des Verkehrssektors zu reduzieren. Die CO2-Grenzwerte für Autos und Nutzfahrzeuge sind nun strenger, für klimafreundliche Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr gibt es Subventionen. Trotzdem sind die CO2-Emissionen im Verkehrssektor nicht zurückgegangen. Sie verharren auf hohem Niveau. Rund 160 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verzeichnet der Sektor in Deutschland Jahr für Jahr.

Die europäische Mineralölindustrie stellt nun einen radikalen Kurswechsel in Aussicht. „Wir sind uns bewusst, dass es für die Mineralölindustrie kein Zurück zu einem ,business as usual‘ mehr geben wird“, sagt John Cooper, Geschäftsführer des europäischen Mineralölwirtschaftsverbandes Fuels Europe.

Unter der Überschrift „Clean Fuels for All“ hat der Verband ein Konzept erarbeitet, das den Weg zur Klimaneutralität im europäischen Verkehrssektor bis 2050 weisen soll. Das Konzept wird am Montag in Brüssel vorgestellt. Es liegt dem Handelsblatt vor. Unterstützt wird Fuels Europe unter anderem von der deutschen Branchenorganisation, dem Mineralölwirtschaftsverband (MWV), aber auch vom Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO).

Hinter den Überlegungen steht nicht mehr und nicht weniger als die Abkehr vom Mineralöl. Stattdessen sollen künftig synthetische Kraftstoffe sowie Biokraftstoffe der zweiten Generation die Rolle des fossilen Energieträgers Öl übernehmen.

Synthetische Kraftstoffe werden mittels Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellt: Durch Elektrolyse entsteht Wasserstoff, der direkt verwendet werden kann – oder beispielsweise in Methan, in synthetisches Benzin oder in synthetisches Kerosin umgewandelt wird.

Biokraftstoffe der zweiten Generation werden beispielsweise aus Pflanzenabfällen hergestellt, sie stehen daher nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.

Branche bereit zu erheblichen Investitionen

Die europäische Mineralölwirtschaft stellt beachtliche Klimaeffekte in Aussicht: Bei einem erfolgreichen Markthochlauf könnten bis 2050 bis zu 150 Millionen Tonnen CO2-arme flüssige Kraftstoffe zur Verfügung stehen, die Jahr für Jahr mehr als 400 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Bereits 2035 könnten die CO2-Emissionen aus Mineralölprodukten in Europa um 100 Millionen Tonnen pro Jahr reduziert werden, heißt es in den Szenarien der Branche. Diese CO2-Reduktion entspricht laut Mineralölwirtschaft der CO2-Einsparung von 50 Millionen Elektroautos.

Die Branche erklärt sich bereit, erhebliche Investitionen zu tätigen: bis zu 650 Milliarden Euro bis 2050. Dazu setzen die Unternehmen auf Impulse aus der Politik: „Ohne geeignete politische Rahmenbedingungen werden die erforderlichen Milliardeninvestitionen nicht getätigt werden können“, sagt Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des MWV. Die Branche setze dabei vor allem auf marktwirtschaftliche Elemente wie eine CO2-Bepreisung – und weniger „auf planwirtschaftliche Ansätze, die den Wasserstoff oder andere CO2-arme Produkte bestimmten Anwendungen zuteilen“, sagt Küchen.

Derzeit gibt es eine Reihe von Regulierungsprojekten auf europäischer Ebene, die für die Branche relevant sind, etwa die Überarbeitung der europäischen Energiesteuer-Richtlinie. Sie wird sich mehr und mehr zu einer CO2-Besteuerung entwickeln. Das kommt dem Einsatz erneuerbarer synthetischer Kraftstoffe, die derzeit von der Konkurrenzfähigkeit gegenüber Mineralölprodukten weit entfernt sind, zwar entgegen. Aus Sicht der Branche braucht es aber zusätzliche Impulse, etwa Mehrfachanrechnungen für den Einsatz synthetischer Kraftstoffe.

Große Bedeutung hat für die Mineralölwirtschaft auch die für 2021 vorgesehene Revision der CO2-Flottenregulierung für Pkw. Derzeit werden E-Autos großzügig auf die CO2-Reduktion der Pkw-Flotte eines Herstellers angerechnet, der Einsatz von synthetischen, CO2-armen Kraftstoffen jedoch nicht. Das sollte sich nach Überzeugung der Branche ändern.

Nicht nur Begeisterung

Als großen Fortschritt betrachtet die Branche, dass die in der vergangenen Woche vom Bundeskabinett beschlossene Wasserstoffstrategie den Einsatz von grünem Wasserstoff im Raffinerieprozess als sinnvollen Beitrag zur Treibhausgasreduktion im Verkehrssektor hervorhebt. Die Bundesregierung sichert zu, dieses Thema voranzutreiben. Auch die in der Wasserstoffstrategie formulierte Beimischungsquote für synthetische Kraftstoffe im Flugverkehr geht aus Sicht der Branche in die richtige Richtung.

Der Ehrgeiz der Mineralölwirtschaft stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung: Der Einsatz von synthetischen Kraftstoffen, die auf der Basis von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt werden, wird von vielen Klimaschützern äußerst kritisch gesehen.

Ihr Hauptargument gegen synthetische Kraftstoffe ist die geringe Effizienz. Denn bei der Umwandlung von Strom in Kraftstoff geht Energie verloren. Die direkte Stromnutzung ist wesentlich effizienter. Klimaschützer setzen daher im Verkehrssektor auf batteriegetriebene Lösungen, bei denen der Strom ohne nennenswerte Verluste auf die Straße gebracht wird.

„Die Kosten für die Bereitstellung klimaneutraler synthetischer Kraftstoffe sind derzeit noch abenteuerlich hoch“, sagte Felix Mattes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik beim Öko-Institut und Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung, dem Handelsblatt. „Die Technologie, die dahintersteckt, befindet sich in einem sehr frühen Stadium, gerade zu welchen Kosten man klimaneutrales CO2 als wichtigen Produktionsinput beschaffen kann, ist höchst unsicher.“

Sicher werde es Anwendungsbereiche geben, in denen synthetische Kraftstoffe künftig eine Rolle spielen könnten, etwa im Flug- oder Schiffsverkehr. „Aber wir sehen zugleich, dass sich die Anwendungsbereiche für batteriegetriebene Lösungen bis hin zum Schwerlastverkehr ausweiten“, ergänzte Matthes. „Ich halte es für wahrscheinlicher, dass in bestimmten Anwendungsbereichen im Verkehrssektor Wasserstoff direkt eingesetzt wird, statt den kostenträchtigen Umweg über synthetische Kraftstoffe zu gehen.“

Kombination aus verschiedenen Kraftstoffen als Option

Die Mineralölbranche lässt dieses Argument nicht gelten. Im Flug-, Schiffs- und in großen Teilen des Schwerlastverkehrs gebe es zu flüssigen Kraftstoffen keine Alternativen, um die CO2-Emissionen zu senken, argumentieren die Mineralölunternehmen.

Auch im Pkw-Verkehr und im Gebäudebereich seien CO2-arme flüssige Kraft- und Brennstoffe langfristig neben der direkten Elektrifizierung erforderlich. „Selbst wenn wir bis 2030 zehn Millionen batterieelektrische Fahrzeuge in Deutschland haben sollten, werden dann voraussichtlich noch mehr als 35 Millionen herkömmliche Pkw auf den Straßen unterwegs sein“, argumentiert IWO-Geschäftsführer Adrian Willig.

Um die Klimaziele zu erreichen, seien auch Lösungen für den Fahrzeugbestand erforderlich, sagt Willig. Die Unternehmen wollen daher herkömmliche Kraftstoffe mit synthetischen Kraftstoffen kombinieren. Der Anteil der herkömmlichen Kraftstoffe soll dabei kontinuierlich sinken.

Um einen Markt für CO2-arme synthetische Kraftstoffe zu schaffen, bietet sich nach Überzeugung der Mineralölwirtschaft vor allem der Straßenverkehr an. „Von diesem Hochlauf würden in einem zweiten Schritt auch andere Sektoren und Einsatzbereiche wie die Luft- und Schifffahrt profitieren, heißt es in der Mineralölwirtschaft.