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Wie sich Millionen aus dem Land schaffen lassen

Die Börsen beschenken Anleger bereits den ganzen Herbst über. Die Rekordjagd vor allem an den US-Aktienmärkten kennt kein Ende. Foto: dpa

Eine kriminelle Vereinigung hat Millionenbeträge illegal und anonym ins Ausland geschafft. Dafür nutzten sie ein sogenanntes Hawala-System. Wie funktioniert das?

Am Dienstagmorgen wurden in fünf deutschen Bundesländern und den Niederlanden Razzien gegen eine kriminelle Vereinigung durchgeführt. Ihnen wird vorgeworfen, viele Millionen Euro aus mutmaßlich illegalen Quellen über ein sogenanntes „Hawala-System“ ins Ausland geschafft zu haben, unter anderem in die Türkei. Aber was ist das für ein System?

Matthias Casper ist ein deutscher Ökonom und Jurist. Er ist Professor für Kapitalmarkt- und Gesellschaftsrecht an der WWU Münster und spezialisiert auf Islamic Finance und Spekulation.

„Hawala“ bezeichnet eine Möglichkeit, Geld zu versenden – aber ohne Zeitverzögerung und anonym. Wie funktioniert das?
Hawala steht für ein Zwei-Töpfe-System. Das heißt, dass Sie als Zahler an einem Ort, sagen wir in Frankfurt, Geld an einen Händler zahlen, der Teil eines Netzes ist. Der entsprechende Händler am Ort des Empfängers, sagen wir in Somalia, zahlt den Betrag dann wieder in bar aus. Sie haben kein Konto bei dem Händler, der Empfänger in der Regel auch nicht. Das ganze System basiert auf Vertrauen. Es gibt eine Nachricht, einen Code, die dem Auszahlenden sagen, wieviel er auszahlen soll.

Wie unterscheidet sich dieses System von einer normalen Überweisung?
Bei einer normalen Überweisung gehen Sie zur Bank, das Geld wird von ihrem Konto abgebucht und die Bank schiebt das Geld dann über eine Zahlungskette, zwischengeschaltete Banken oder Zahlungsverkehrssysteme an die Bank des Empfängers, die es ihm dann gutschreibt. Bei der Hawala funktioniert es anders, etwa wie bei einer Sofortüberweisung: Es wird übermittelt, dass der Betrag sofort gutgeschrieben werden soll, und im Nachhinein wird dann dafür gesorgt, dass das Geld auch wirklich ankommt. Hawala-Händler müssen ebenso nachträglich dafür sorgen, dass die Beträge ausgeglichen werden. Dafür gibt es verschiedene Systeme.

Was für Systeme sind das?
Es gibt interne Verrechnungssysteme. Wenn 10.000 Euro nach Mogadischu geflossen sind, aber nur 5000 nach Frankfurt, wird die fehlende Summe beglichen. Entweder durch eine traditionelle Überweisung, per Kreditkarte oder per Lastschrift. Oft sind das aber auch komplexere Strukturen, bei denen viele Händler untereinander die Salden verrechnen. Der Fantasie sind da kaum Grenzen gesetzt.

Hawala ist vornehmlich in islamisch dominierten Regionen verbreitet. Ist es verwandt mit dem „islamischen Banking“?
Nein, Hawala hat sich unabhängig von dem entwickelt, was wir heute islamisches Banking nennen. Hawala kommt aus dem islamischen Kulturkreis, das gibt es aber auch in anderen Kulturkreisen, zum Beispiel in China.

Islamisches Banking ist ja vor allem durch die Einhaltung islamischer Regeln gekennzeichnet: Zinsverbot, Spekulationsverbot, Glücksspielverbot, keine Investitionen in „un-islamische“ Unternehmen wie Alkohol- und Tabakproduzenten. Islamische Banken führen ganz normale Überweisungen durch, geben reguläre Kreditkarten aus. Das sind Banken für normale Kunden, die diesen Regeln entsprechen wollen.

Damit hat Hawala nichts zu tun. Das ist ein einfaches Zahlungssystem, es hat keinen ethischen oder religiösen Anspruch. Und es wird traditionell eben nicht von Banken angeboten, auch nicht von islamischen.

Hawala gibt es in Deutschland als legale Dienstleistung. Unter welchen Bedingungen?
Wenn Sie in einem gewerblichen Umfang Hawala-Zahlungen anbieten, brauchen Sie eine Lizenz und sind aufsichtspflichtig. Die Hawala betrachten wir als Finanztransfergeschäft im Sinne des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetzes. Die legalen Hawala-Betreiber in Deutschland werden von der BaFin überwacht und müssen sich die Identitäten der Zahler und Empfänger offenlegen lassen, dokumentieren und nachhalten. Wie bei einer Überweisung, nur ohne Verwendungszweck.
Das ist natürlich bei einer „klassischen“ Hawala, wie sie wohl diesen Razzien vorausgegangen ist, nicht gegeben. Deswegen haben wir bei nicht registrierten Hawala-Systemen Probleme mit Geldwäsche und Terrorfinanzierung.

Wenn legale Hawala-Systeme also keine Anonymität bieten - welche Vorteile haben sie dann?
Hawala ist vor allem in Regionen wie beispielsweise Somalia beliebt, wo lange Bürgerkrieg herrschte und das Bankensystem weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Dann haben solche Systeme auch ihre Berechtigung. In die Türkei dagegen können Sie auch einfach konventionell Geld überweisen – aber das ist eben manchmal teurer. Denn die Gebühren für Überweisungen in Drittstaaten sind noch immer sehr hoch. Und zuletzt ist da noch die Geschwindigkeit: Das Geld kommt sofort an. Eine Überweisung von Deutschland nach Mogadischu dagegen dauert mindestens mehrere Tage, wenn nicht noch deutlich länger.

Werden solche Systeme auch von Unternehmen genutzt?
Das ist nicht ausgeschlossen, mir aber nicht bekannt. Summen wie beispielsweise drei Millionen Euro würden das System aber wohl auch regelmäßig sprengen. Dafür müssten die Händler einerseits so viel Geld überhaupt haben – und eben auch bereit sein, eine so hohe Summe auf Vertrauensbasis auszuzahlen.