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Milliardärssohn Alexandre Arnault steigt im Luxusreich von LVMH auf

Hanke, Thomas
·Lesedauer: 5 Min.

Der 28-Jährige wird Vizechef bei Tiffany. Alexandre Arnault hat gute Chancen, seinem Vater Bernard als Chef des Weltmarktführers LVMH nachzufolgen.

Auch wenn er offiziell noch lange keinen Nachfolger sucht, hat in Frankreich das Rätselraten schon begonnen: Wer wird Bernard Arnault, dem reichsten Mann des Landes, an der Spitze des Luxusgütergiganten LVMH nachfolgen? Der 72-Jährige hat die Wahl zwischen Delphine und Antoine, seinen Kindern aus erster Ehe, beide über 40, sowie Alexandre, Frédéric und Jean, die Nachkommen aus zweiter Ehe, alle noch in den Zwanzigern.

Bis auf Jean sind alle Sprösslinge schon im väterlichen Reich aktiv: Delphine ist Vizechefin des wichtigsten Gewinnbringers Louis Vuitton, Antoine arbeitet beim Modelabel Berluti, Frédéric ist seit Kurzem Chef der Uhrenmarke TAG Heuer. Alexandre, mit 28 der drittälteste und ebenso groß und schlank wie sein Vater, hat im nicht erklärten Rennen um die Nachfolge jetzt ordentlich Tempo aufgenommen.

Bis Ende 2020 leitete er die Koffermarke Rimowa, die der Konzern vor vier Jahren erworben hatte. Aus Sicht des Vaters wohl so erfolgreich, dass er ab sofort nach New York wechseln darf, als Nummer zwei bei der Neuerwerbung Tiffany. Die hat Arnault sich knapp 13 Milliarden Euro kosten lassen, es ist die teuerste Akquisition in der Geschichte des 75 Marken umfassenden Imperiums.

Der US-Juwelier Tiffany ist weltweit bekannt, aber etwas angestaubt, hat eher wenig jüngere Kunden. Fällt der Name, folgt unweigerlich ein Hinweis auf den Film „Frühstück bei Tiffany“ mit Audrey Hepburn.

Wenn die wichtigste Assoziation einem 60 Jahre alten Film zu verdanken ist, kommt man schon ins Grübeln. Wohl deshalb schickt Vater Bernard seinen Sohn Alexandre nach New York. Rimowa ist wesentlich kleiner als das Schmuckhaus, doch das Image des Herstellers von Reisegepäck mit der charakteristischen Riffelung war ebenfalls in die Jahre gekommen.

Alexandre hat die Marke in vier Jahren verjüngt. „Wir stellen uns viele Fragen über die Produkte, Dienstleistungen und Erlebnisse, auf die wir uns ausdehnen können, um eine zeitgenössische Marke zu werden“, sagte der 28-Jährige vor dreieinhalb Jahren im Interview mit dem Handelsblatt. Mittlerweile gibt es Uhrenetuis, Sonnenbrillen und Rucksäcke mit Rimowa-Motiven oder etwa Koffer, die wie ein Kampfanzug bemalt sind.

Alexandre lässt keine Gelegenheit aus, per Instagram die Produkte der Marke zu bewerben. Seine ältere Schwester Delphine ist überhaupt nicht auf dem Netzwerk aktiv, der ältere Bruder Antoine postet Fotos von Partys oder vom Golfen. Alexandre dagegen teilt am liebsten Bilder von den neuesten Produkten, neben denen von seiner Verlobten und Reisen nach Venedig, Harvard oder Japan. Bilder eines sorglosen Lebens, auch wenn er betont, als Kind habe er nicht in Saus und Braus gelebt.

Bernard Arnaults Kinder sollen sich trotz Reichtum anstrengen

Bernard Arnaults Angstvorstellung war stets, dass seine im Reichtum aufwachsenden Kinder dem Müßiggang frönen könnten. Wer auf Schlössern, bekannten Weingütern und einer Superjacht aufwächst, ist nicht unbedingt davon angetan, sich ins Zeug zu legen.

Seinem Vater sei es immer „um Anstrengung und Leistung gegangen“, versichert Alexandre. Schon mit neun Jahren musste er Bernard Arnault begleiten, wenn der in Geschäften von LVMH-Marken samstags nach dem Rechten sah. Begeistert klingt es nicht, wenn er davon erzählt.

Heute kann er sich über die strenge Schule des Vaters auch schon mal amüsieren. Alexandre postete vor knapp einem Jahr eine Karte, die sein 14 Jahre älterer Bruder ihm zur Geburt geschrieben habe: „Lieber Alexandre, ich hoffe, Deine Geburt ist gut gelaufen und es geht Dir gut. Ich empfehle Dir, sofort mit der Arbeit zu beginnen, weil sonst …“ Mittlerweile hat er das Foto allerdings gelöscht. Beim väterlichen Arbeitsethos hört der Spaß wohl immer noch auf.

Alexandre ist aufgewachsen mit den digitalen Netzwerken und nutzt sie selbstverständlich für die Markenkommunikation. Genau das braucht Tiffany, wenn mehr jüngere Kunden zu dem Juwelier finden sollen.

Als Vorentscheidung über die Arnault-Nachfolge sollte man Alexandres Beförderung aber nicht werten. Noch ist längst nicht klar, welche Form der Einfluss der Familie auf das Börsenschwergewicht LVMH nehmen wird, wenn Bernard das Unternehmen einmal nicht mehr führt, und wer dann die Arnaults repräsentieren wird.

„Der Familie stellen sich mehrere Fragen: Wie kontrolliert sie LVMH, und wie führt sie ihr eigenes Vermögen?“, erläutert Philippe Pelé-Clamour, der an Frankreichs wichtigster Business-School HEC über Familienunternehmen forscht und lehrt.

Er erinnert an das Vorbild Peugeot: Dort hat die Familie ganz die operative Führung aus der Hand gegeben, später auch auf die dominierende Position im Aufsichtsrat verzichtet. Stattdessen hat sie über eine Familienholding die eigenen Vermögenswerte diversifiziert.

Bei LVMH sei das eher unwahrscheinlich, sollte Bernards Wille in Erfüllung gehen, meint Pelé-Clamour. Schließlich sind die fünf Kinder erst die zweite Generation, da sei es unwahrscheinlich, dass sie bereits die Leitung des vom Vater in vielen Jahren geschaffenen Weltmarktführers für Luxus abgeben werden.

Erfahrungen sammeln an der Seite erfahrener Manager

„Mein Vater hat klargemacht, dass die Familie auf Dauer der Hauptaktionär sein wird“, bestätigte Alexandre bereits 2017. Die Familie solle im Fahrersitz bleiben, aber: „Was die Führung angeht, stellt sich die Frage jetzt nicht, und später hängt es davon ab, ob einer von uns dazu in der Lage sein wird, die Gruppe zu führen.“

HEC-Professor Pelé-Clamour verweist darauf, dass Arnault seinen Kindern seinen Wunsch eines familiengeführten LVMH nur nahelegen kann, zwingen könne er sie nicht. Heute besteht das Vermögen vor allem in der Beteiligung von 47,3 Prozent an LVMH, nach aktuellem Börsenkurs sind das 123 Milliarden Euro. Das Verfahren für die Nachfolge müsse vor allem fair sein, um einen Konsens unter den Kindern zu sichern, betont Pélé-Clamour.

Leistung soll entscheiden, deshalb lässt Bernard seine Nachkommen an der Spitze wichtiger „Häuser“, wie die Marken bei LVMH heißen, neben erfahrenen Managern Erfahrungen sammeln. Alexandre wird bei Tiffany von Michael Burke und Anthony Ledru flankiert werden.

Burke ist ein alter Arnault-Vertrauter, arbeitet seit 34 Jahren mit ihm zusammen, mittlerweile als Verwaltungsratschef von Tiffany und LVMH. Die operative Führung übernimmt Ledru, der seit rund zehn Jahren bei LVMH ist und früher schon einmal im Tiffany-Management wirkte.

Dort hat Arnault bereits am Tag nach dem Vollzug der Fusion Tabula rasa gemacht: Die obersten Chefs, der künstlerische Direktor und die Produkt- und Marketingdirektorin, mussten gehen. Alexandre wird umgeben von den Vertrauensleuten seines Vaters Gelegenheit haben zu lernen, wie man ein Weltunternehmen führt. Bewährt er sich, steht ihm der Weg an die Spitze offen – falls seine Geschwister mitspielen.