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Metalltarifrunde: Gewerkschaften drohen trotz Arbeitgeberangebot mit Warnstreiks

Specht, Frank
·Lesedauer: 3 Min.

Von einem Ergebnis sind beide Seiten trotz wochenlanger Verhandlungen weit entfernt. Die Arbeitgeber untermauern den Ernst der Lage mit einer neuen Konjunkturumfrage.

Wenn es in der Metall- und Elektroindustrie so etwas wie ein Klumpenrisiko gibt, dann im Saarland. Die Fahrzeug- und Zuliefererindustrie steht dort für etwa 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Sie gibt 44.000 Menschen Arbeit – gemessen an der Einwohnerzahl so viel wie in keinem anderen Bundesland. Doch mehr als zwei Fünftel des Automotive-Umsatzes entfallen auf Verbrennungsmotoren, Getriebe und Katalysatoren – Produkte ohne Zukunft.

Im kleinen Saarland zeigen sich also wie unter dem Brennglas die Themen, die die IG Metall in der laufenden Tarifrunde aufgerufen hat: Arbeitsplätze sichern, die Transformation der Industrie gestalten, die Einkommen der Beschäftigten steigern.

Vier Prozent mehr Geld fordert die Gewerkschaft. Das Volumen soll je nach Lage eines Betriebs unterschiedlich eingesetzt werden können – für Entgeltausgleich in einer Viertagewoche beispielsweise oder für Lohnzuwächse.

Seit Mitte Dezember wird mittlerweile regional verhandelt, an diesem Donnerstag geht es auch im Saarland weiter. „Es gibt nichts zu verteilen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der saarländischen Metallarbeitgeber (ME Saar), Martin Schlechter. „Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben, die Fixkosten laufen weiter, aber die Umsätze fehlen.“ Und jetzt kämen noch die Sorgen wegen der Grenzschließungen hinzu.

Wie im Saarland verweisen die Arbeitgeber auch in anderen Teilen Deutschlands auf die weiter angespannte Lage. Nach der jüngsten Gesamtmetall-Umfrage rechnet jedes fünfte Unternehmen damit, dass der Umsatz in diesem Jahr noch einmal deutlich niedriger ausfallen wird als 2020.

40 Prozent erwarten, dass die Produktion erst 2023 wieder das Niveau vor Beginn der Rezession Ende 2018 erreicht, oder sie können noch gar keinen Zeitpunkt nennen. „Die Hoffnungen auf eine rasche wirtschaftliche Erholung waren offenkundig verfrüht“, kommentierte Gesamtmetall Hauptgeschäftsführer Oliver Zander die Ergebnisse der Umfrage, für die Ende Januar rund 1700 Betriebe befragt wurden. Die Zahl der Unternehmen, die coronabedingte Produktionseinschränkungen gemeldet hätten, sei im Vergleich zum Oktober 2020 sogar wieder gestiegen.

Arbeitgeber verlangen für 2021 eine Nullrunde

Entsprechend verhalten fällt das Angebot aus, das die Arbeitgeber mittlerweile in Nordrhein-Westfalen und Bayern präsentiert haben. Für 2021 sieht es eine Nullrunde vor, für das kommende Jahr einen Mix aus Einmalzahlung und Tariferhöhung. Über das genaue Volumen könne man reden, wenn man sich bei den qualitativen Themen wie der Gestaltung des Strukturwandels oder der Beschäftigungssicherung angenähert habe, sagte die Verhandlungsführerin der bayerischen Metallarbeitgeber (VBM), Angelique Renkhoff-Mücke.

Ein Hauptknackpunkt der weiteren Gespräche dürfte die geforderte automatische Differenzierung sein. Unternehmen sollen in Krisensituationen, beispielsweise bei einem negativen Ergebnis, vom Flächentarif abweichen dürfen, ohne dass wie bisher die IG Metall erst zustimmen muss. „Wenn es darauf ankommt, können wir es uns nicht leisten, gewissermaßen erst noch eine zweite Tarifrunde im Betrieb zu führen“, betont ME-Saar-Hauptgeschäftsführer Schlechter.

IG Metall will keine Verschlechterungen

Die Gewerkschaftsseite zeigt hier bisher keinerlei Kompromissbereitschaft: „Verschlechterungen im Flächentarif wird es mit uns definitiv nicht geben“, sagte Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger vor ein paar Tagen. In seiner Region, einem traditionellen Pilotbezirk, wird am 25. Februar weiterverhandelt.

Sollten sich die Arbeitgeber Zukunftsgesprächen weiter verweigern, dann sei ein Konflikt unausweichlich. Damit werden Warnstreiks nach dem Auslaufen der Friedenspflicht am 1. März wahrscheinlicher.

Die Metallarbeitgeber sind durchaus bereit, mit der Gewerkschaft über den Strukturwandel und Beschäftigungssicherung zu verhandeln. Sie stören sich nur daran, dass die IG Metall öffentlich gern den Eindruck vermittelt, sie allein wisse – gestützt auf eine Betriebsrätebefragung – um den nötigen Handlungsbedarf in den Betrieben und viele Arbeitgeber hätten kein Konzept für die Transformation.

„Die Unternehmen sind nicht blauäugig“, sagt Schlechter. Hätten sie die Zukunft nicht im Blick, würden sie am Markt nicht überleben. Eines müsse aber auch klar sein: „Unternehmerische Entscheidungen gehören in Unternehmerhand, weil da auch das wirtschaftliche Risiko liegt.“