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Merkel beruft wegen steigender Infektionszahlen Krisengipfel ein

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In mehreren deutschen Städten steigen die Fallzahlen. Die Kanzlerin will sich deshalb mit den Bundesländern Dienstag kommender Woche abstimmen.

Mehrere große Städte haben die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche überschritten. Kommende Woche will die Kanzlerin das mit den Bundesländern besprechen. Foto: dpa
Mehrere große Städte haben die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche überschritten. Kommende Woche will die Kanzlerin das mit den Bundesländern besprechen. Foto: dpa

Die Zahl steigender Coronavirusinfektionen in Deutschland und Europa ruft die Politik auf den Plan. Bundeskanzlerin Angela Merkel lädt die Ministerpräsidenten der Bundesländer für Dienstag kommender Woche zu einem Corona-Gipfel. Auf einer Videokonferenz soll die Corona-Politik abgestimmt werden.

Hintergrund ist, dass mehrere große Städte die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche überschritten hätten - ab dann sehen die Vereinbarungen von Bund und Ländern vorerst regionale Krisenmaßnahmen vor. Besonders betroffen sind unter anderem etwa Hamm (70,9), Würzburg (61), der Kreis Cloppenburg (59,1) und München (52,3).

Als erste deutsche Millionenstadt beschloss München am Montag Einschränkungen des öffentlichen Lebens und ordnete eine Maskenpflicht in der Innenstadt rund um den zentralen Marienplatz an. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) macht vor allem der Blick über die Grenzen Sorgen.

Man müsse verhindern, dass die Entwicklungen in den Nachbarländern auf Deutschland übergreife. „Wir haben es in der Hand, durch unser eigenes Verhalten“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Auf weitere Öffnungsschritte müsse daher verzichtet werden. Grenzschließungen sind nach Angaben einer Sprecherin von Innenminister Horst Seehofer (CSU) aber nicht geplant.

Mehrere Nachbarstaaten Deutschlands meldeten zuletzt stark steigende Infektionszahlen. Die Niederlande überschritten zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie die Schwelle von 2000 Neuinfektionen an einem Tag. Auch Frankreich, Österreich und Tschechien verzeichneten deutlich mehr Infektionen.

Gesundheitsminister Spahn setzt auf Schnelltests

In Deutschland meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) am Montag zwar mit 922 weniger Fälle als an den vorangegangenen Tagen. Am Wochenende melden die Gesundheitsämter die Zahlen aber weiterhin oft mit Verzögerung.

Auch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stieg die Zahl der Neuinfektionen nach Informationen des „Tagesspiegel“ auf über 50 pro 100.000 Einwohner. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sei besorgt, da es immer schwerer werde, die Kontaktketten nachzuverfolgen. Regierungssprecher Seibert warnte, dass die Lage dadurch außer Kontrolle geraten könnte.

Gesundheitsminister Spahn kündigte den beschleunigten Einsatz von Schnelltests an, die allerdings nicht als sehr verlässlich gelten. Sie sollen die normalen Corona-Tests ergänzen, von denen rund 1,1 Millionen pro Woche ausgewertet werden. Die Kapazität liege inzwischen bei 1,4 Millionen Tests, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Darüber werden die Bundesländer mit der Kanzlerin beraten

Mediziner warnen für den Herbst seit längerem vor steigenden Corona-Zahlen. Trotz der hohen Neuinfektionen stieg die Zahl der Corona-Toten zuletzt kaum. Regierungssprecher Seibert warnte jedoch vor Illusionen.

Zwar steckten sich derzeit vor allem jüngere Menschen an, bei denen sich weniger Symptome zeigten. Aber zum einen könnte das Virus auch Jüngere hart treffen, zum andern zeigten sich immer mehr Spätschäden nach anfänglich geringen Symptomen. Außerdem gebe es die Gefahr, dass Jüngere in ihren Familien ältere Personen ansteckten.

Seibert sagte, nach der Ferienzeit komme es „vermehrt zu Ansteckungen und Übertragungen innerhalb Deutschlands“. Zugleich gebe es in Nachbarländern ein teils noch deutlich höheres Infektionsgeschehen. Er betonte nach Beratungen des Corona-Kabinetts der zuständigen Minister mit Merkel, dass bei weiteren Öffnungsschritten generell „große Vorsicht“ angebracht sei.

Ziel bleibe es, Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen zu können – ab einer gewissen Zahl täglicher Infektionen sei das kaum noch oder nicht mehr zu leisten. Mit Blick auf die kalte Jahreszeit geht es um mehrere Ansatzpunkte:

Corona-Test I:

Eine neu ausgerichtete Strategie für Corona-Tests im Herbst und Winter soll bis 15. Oktober umsetzungsbereit sein, wie Seibert sagte. Tests sollen dafür stärker auf Risikogruppen und das Gesundheitswesen konzentriert werden – weniger auf Reiserückkehrer. Bestandteil sein sollen auch Antigen-Schnelltests als Ergänzung zu den PCR-Tests mit Abstrichen, die ins Labor müssen. Die Schnelltests seien mittlerweile qualitativ besser, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). So könnten beispielsweise Besucher von Pflegeheimen schnell getestet werden, um direkt ein Ergebnis zu erfahren.

Corona-Test II:

Vorbereitet werden sollen auch Test-Möglichkeiten jenseits des normalen Praxisbetriebs, wie es sie schon im Frühjahr vielerorts gab. Es gelte sicherzustellen, dass sich nicht Menschen im Wartezimmer untereinander anstecken, sagte Spahn. Er sprach von Schwerpunktsprechstunden, Schwerpunktpraxen oder auch regionalen Fieberambulanzen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erklärte, die Praxen seien gut vorbereitet für die kommenden Wochen mit mehr grippalen Infekten und möglichen Corona-Fällen. Der Aufbau eigenständiger Corona-Einrichtungen könnte je nach Notwendigkeit hinzukommen - darüber sollte dann regional entschieden werden.

Reiserückkehrer:

Um falsche Angaben bei Einreisen aus Risikogebieten mit vielen Corona-Infektionen zu verhindern, soll die Bundespolizei sich künftig um die sogenannten Aussteigekarten kümmern. Sie müssen zum Beispiel Fluggäste ausfüllen und darin auch Angaben zu möglichen Corona-Symptomen machen. Wie das Bundesinnenministerium erklärte, soll die Polizei die Karten künftig mit den Pässen abgleichen und an die Gesundheitsämter weiterleiten. Diese Neuregelung soll noch vor Monatsende greifen. Bislang sollen Fluggesellschaften und Busanbieter die Formulare übermitteln. Da dabei in der Regel kein Abgleich stattfand, konnten Reisende, die sich einer möglichen Quarantäne entziehen wollten, im Prinzip einfach falsche Angaben machen.

Pflegeheime:

Derzeit betreffen viele Corona-Fälle eher junge Leute. Auch die Bundesregierung stellt sich aber darauf ein, dass mehr und mehr Menschen mit einem Risiko zu schweren Corona-Verläufen in den Blick rücken könnten. Die Gefahr für Pflegebedürftige steige, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der dpa. „Um für den Herbst gewappnet zu sein, braucht es vor Ort schnelle und flexible Corona-Einsatzteams.“ Bei Infektionsausbrüchen in Heimen könnte das Pflegepersonal von externen Kräften unterstützt werden. „Es darf sich nicht wiederholen, dass infizierte Pflegekräfte weiterarbeiten, nur weil es keinen Ersatz gibt.“

Kommunale Maßnahmen:

In München mit 1,5 Millionen Einwohnern soll ab diesem Donnerstag auf ausgewählten Plätzen und Straßen in der Innenstadt eine generelle Maskenpflicht gelten, wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte. Das gilt etwa am Viktualienmarkt. Auch in mehreren Städten in Nordrhein-Westfalen wollten Behörden beraten, ob wegen gestiegener Infektionszahlen wieder striktere Corona-Maßnahmen eingeführt werden. Am Montag gab das Robert Koch-Institut (RKI) erwartungsgemäß eine vergleichsweise niedrige Zahl von 922 neuen Infektionsfälle binnen eines Tags bekannt. Sonntags und montags sind die Zahlen aber meist niedriger, auch weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten an das RKI melden. Am Samstag war mit 2297 neuen Corona-Infektionen der höchste Wert seit April erreicht worden.

Mehr: Die Entwicklung der Corona-Pandemie im Newsblog.