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Merck startet mit Gewinnsprung

Erfolgreiche Neuentwicklungen bescheren dem Pharmakonzern Merck ein gutes erstes Quartal. Doch mit dem Coronavirus wächst die Unsicherheit.

Das Pharmaunternehmen macht trotz Corona gute Geschäfte. Foto: dpa

Der Darmstädter Merck-Konzern ist dank starker Pharma- und Lifescience-Umsätze mit einem kräftigen Gewinnsprung in das neue Jahr gestartet. Im weiteren Verlauf des Jahres dürfte es aber nicht mehr so stark aufwärts gehen.

Für 2020 rechnet das Unternehmen insgesamt nur mit einem leichten bis moderaten Umsatzanstieg und einem in etwa stabilen operativen Ergebnis vor Abschreibungen und Sondereffekten (Ebitda). Gegenüber den Aussagen von Anfang März, als Merck noch von einem starken organischen Umsatz- und Ergebniswachstum ausging, ist der Konzern damit vorsichtiger geworden.

Firmen-Chef Stefan Oschmann zeigte sich in einer Telefonkonferenz dennoch zufrieden mit der Entwicklung. Zwar werde auch Merck in einigen Geschäften von der Krise getroffen und werde daher nicht alles umsetzen, was man sich ohne Pandemie vorgenommen hätte. Insgesamt habe der Konzern die Krise bisher ziemlich gut gemeistert.

„Unsere Strategie mit einem klaren Fokus auf hochinnovative Spezialgeschäfte funktioniert auch in Krisenzeiten, vielleicht besonders dann“, sagte Oschmann. Für die Zukunft verspricht er: „Wir werden Merck weiter ruhig durch diese schwierigen Zeiten navigieren.“

Angesichts der Unsicherheiten aufgrund der Covid-19-Pandemie gibt Merck in seiner ersten Prognose für 2020 eine relativ breite Spanne für das erwartete Ebitda an. Es dürfte sich nach Schätzung des Unternehmens zwischen 4,35 und 4,85 Milliarden Euro bewegen – gegenüber 4,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Analysten kalkulieren bisher im Schnitt mit etwas über 4,6 Milliarden Euro Ebitda für Merck im Gesamtjahr. Dem Umsatz im Gesamtjahr sieht Merck bei 16,8 bis 17,8 Milliarden Euro.

Aufgrund der hohen Ungewissheit hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Covid-19-Pandemie erfolgt die Prognose des Unternehmens unter einer deutlich höheren Unsicherheit als üblich“, teilte Merck am Donnerstagmorgen mit. Der Konzern unterstellt dabei, dass sich die Situation in China im zweiten Quartal weiter entspannt, dass die Pandemie in den USA ihren Höhepunkt aber erst im Laufe des zweiten Quartals erreicht.

Insgesamt zeigen die Zahlen des Darmstädter Konzerns, dass er sich mit seinem stark auf Pharma, Biotech und Elektronikmaterialien ausgelegten Geschäft in relativ krisenfester Verfassung befindet und die Effekte der Pandemie weitaus besser verkraftet als etwa Konkurrenten aus der Chemiebranche oder anderen Industrien.

Das spiegelt sich auch im Kurs der Merck-Aktie wider. Sie notiert inzwischen wieder auf dem Niveau von Jahresanfang, auch wenn sie am Donnerstagmorgen nicht weiter zulegte. Gegenüber dem weitaus größeren Chemiekonkurrenten BASF hat Merck mit einer Marktkapitalisierung von knapp 46 Milliarden Euro inzwischen einen Bewertungsvorsprung von über sechs Milliarden Euro.

Gutes Geschäft mit Neuentwicklungen

Im ersten Quartal legte der Darmstädter Konzern organisch um kräftige 7,6 Prozent zu. Zusätzliche neun Prozent Wachstum brachten die Integration der US-Acquisition Versum Materials sowie leicht positive Währungseffekte, so dass der Umsatz insgesamt um fast 17 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro stieg. Das bereinigte Ebitda, das für Merck intern die zentrale Steuerungsgröße darstellt, verbesserte sich um 27 Prozent, wozu die Akquisitionseffekte knapp elf Punkte beisteuerten.

Noch stärker verbesserten sich die Zahlen unterm Strich. Der Betriebsgewinn (Ebit) lag mit 716 Millionen Euro um 89 Prozent über dem Vorjahreswert. Der Nettogewinn hat sich auf 458 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Der bereinigte Gewinn je Aktie verbesserte sich laut Merck um ein Drittel auf 1,50 Euro.

Grundlage für die starke Gewinnsteigerung war vor allem die Kombination aus kräftigem Umsatzwachstum bei nahezu stabilen Vertriebs- und Verwaltungskosten. Zudem hat sich auch das Finanzergebnis verbessert.

Operativ profitierte Merck zum einen von kräftigen Wachstumsbeiträgen seiner Pharma-Neuentwicklungen Mavenclad (gegen Multiple Sklerose) und Bavencio (Krebs), zum anderen von einer pandemie-bedingt höheren Nachfrage nach anderen Arzneien. Der Umsatz mit dem MS-Mittel Mavenclad verdreifachte sich dank der US-Zulassung vor gut einem Jahr auf 123 Millionen Euro.

Bavencio legte um 50 Prozent zu. Ähnlich wie viele andere Pharmahersteller kam Merck zudem das generelle Bestreben des Pharmahandels zugute, möglichst große Vorräte aufzubauen. Merck spricht in dem Zussmmenhang von „Vorzieheffekten“.

Forschungseinrichtungen leiden unter Corona

Schwächer entwickelte sich lediglich das Geschäft mit Fruchtbarkeitsmedikamenten. Hier sorgte der Lock-down in China für eine rückläufige Nachfrage. Insgesamt wuchs die Merck-Gesundheitssparte trotzdem um knapp 15 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro.

Die Lifescience-Sparte, in der Merck das Geschäft mit Labor-Reagenzien und Biotechmaterialien gebündelt hat, legte im ersten Quartal um 6,5 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro zu. Hier sorgten vor allem Vorprodukte für die Biotechproduktion für Wachstum, während das Geschäft mit akademischen Forschungseinrichtungen durch die Schließungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie gebremst wurde.

Ähnlich zwiespältig entwickelte sich die Sparte Performance Materials, die das Spezialchemiegeschäft des Merck-Konzerns repräsentiert. Hier sorgte die Integration von Versum für einen Umsatzsprung um knapp die Hälfte auf 900 Millionen Euro, während die Erlöse organisch insgesamt um fünf Prozent schrumpften. Dafür waren zum einen Umsatzrückgänge im Bereich Display-Materialien (Flüssigkristalle, Oled-Substanzen) verantwortlich, zum anderen eine schwächere Nachfrage aus der Autoindustrie und dem Kosmetiksektor nach den Pigmenten von Merck.

Positiv entwickelte sich dagegen das Geschäft mit Halbleitermaterialien, das der Darmstädter Konzern unter anderem durch die Übernahme von Versum stark ausgebaut hat. Hier verbesserte sich der Umsatz organisch um knapp neun Prozent.

Auch diese Entwicklung wertet Oschmann als Bestätigung für die Langfrist-Strategie von Merck. Die Pandemie könnte seiner Einschätzung nach die ohnehin erwartete Erholung im Halbleitersektor noch verstärken, da sie womöglich zu strukturellen Veränderungen im Leben der Menschen und der Arbeitsweisen führt.

„Wir sehen, dass auf der ganzen Welt die digitale Infrastruktur verstärkt wird. Und wir erleben ja täglich, wie unglaublich wichtig es ist, dass diese digitale Infrastruktur besteht. Auch unabhängig von der Pandemie hat da Merck auf den richtigen Megatrend gesetzt.“

Zusehends schwierig ist dagegen offenbar die Entwicklung der Pigmentsparte, die etwa 15 Prozent zum Chemieumsatz des Konzerns beisteuert und derzeit von der Schwäche in der Autoindustrie und im Kosmetikbereich stark betroffen ist. Schon seit längerem regen sich daher Spekulationen, dass sich Merck von dem Bereich trennen könnte.

Oschmann hatte demgegenüber bereits bei Bilanzvorlage Anfang März bekräftigt, dass man das Geschäft „revitalisieren“ wolle. Etwas verhaltener äußerte er sich nun nach den Q1-Zahlen: „Wir müssen uns sehr genau anschauen, wie wir die Zukunft dieses Bereichs sichern können“, so Oschmann. „Aber es gibt dazu keine grundsätzlich neuen Überlegungen.“