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MERCK IM FOKUS: Corona stellt Spezialmaterialien-Sparte auf die Probe

DARMSTADT - (dpa-AFX) - Die Corona-Krise könnte beim Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck KGaA <DE0006599905> vor allem die konjunktursensible Sparte mit Spezialmaterialien etwa für die Elektronik-, Halbleiter- und Autoindustrie treffen. Trotzdem hat der Aktienkurs der Darmstädter den Crash an den Börsen bereits recht gut verdaut. Zur Lage des Unternehmens, was die Analysten sagen und was die Aktie macht:

LAGE DES UNTERNEHMENS:

Nach einer Delle im Jahr 2018 befand sich Merck zuletzt wieder im Aufwind. Das Laborgeschäft brummt seit Jahren, und mit den zuletzt steigenden Umsätzen neuer Medikamente in der Pharmasparte schwor Merck-Chef Stefan Oschmann die Investoren auf eine neue "Wachstumsgeschichte" ein. Doch die Corona-Krise könnte die Planungen zurückwerfen.

Bei Merck steht dabei vor allem die Sparte für Spezialmaterialien im Fokus. Der - gemessen an Umsatz und Ergebnis - kleinste Geschäftsbereich des Konzerns leidet seit geraumer Zeit unter zunehmender asiatischer Konkurrenz bei den in Displays und Smartphones verwendeten Flüssigkristallen. Weil sich das Management nun stattdessen vielversprechende Geschäfte mit der Halbleiterindustrie erhofft, wurde umgebaut und 2019 der US-Halbleiterzulieferer Versum sowie der kalifornische Materialspezialist Intermolecular übernommen. Oschmann und sein Spartenchef Kai Beckmann haben sich ausgerechnet, den Geschäftsbereich so in diesem Jahr wieder zu Wachstum zurückzuführen.

Doch neben den Problemen bei den Flüssigkristallen kommt nun durch die Corona-Pandemie auch noch die tiefe Nachfragekrise in der Autoindustrie hinzu, die Merck mit Farbpigmenten für Lacke beliefert. Nichtsdestotrotz hatte sich das Management Anfang März zur Bilanzpräsentation für 2019 recht zuversichtlich geäußert und für 2020 "solide" Umsatzzuwächse und ein starkes Plus beim bereinigten operativen Gewinn in Aussicht gestellt.

Der Knackpunkt: Oschmann hatte damals, als Corona noch in Asien grassierte, den Höhepunkt der Pandemie im ersten Quartal erwartet und deshalb mit einer moderaten Umsatzbelastung - einem Prozent - für das Gesamtjahr gerechnet. Doch inzwischen ist die gesamte Welt betroffen, besonders Europa und die USA, die inzwischen auf eine tiefe Rezession zusteuern. Beide großen Märkte zusammen stehen für mehr als die Hälfte der Konzernerlöse der Darmstädter.

Welche Auswirkungen das auf Merck nun im ersten Quartal hatte, werden die Zahlen zeigen, die der Konzern an diesem Donnerstag (14. Mai) vorlegt. Beobachter rechnen allerdings damit, dass es im zweiten Quartal dicker kommt als zum Jahresstart.

Traditionell gibt das Merck-Management nach der zunächst qualitativen Prognose im ersten Quartal dann konkrete quantitative Jahresziele vor. Nicht ausgeschlossen, dass es diesmal eine Ausnahme von dieser Regel gibt. Merck hat sich ohnehin eine Anpassung der Prognose vorbehalten.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Bei den im dpa-AFX-Analyser seit März erfassten Experten halten sich mit jeweils fünf die Stimmen für "Kaufen" und "Halten" der Aktie die Waage. Zwei Analysten empfehlen, das Papier zu verkaufen.

Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 109,45 Euro - vom aktuellen Kurs bei rund 107 Euro ist es bis dahin also nicht mehr weit.

Während sich die Aktie zuletzt deutlich erholt hat, steht für viele Analysten fest, dass sich Merck mit den drei Geschäftsbereichen Pharma, Laborausrüstung und Spezialchemie den Belastungen durch die Corona-Pandemie schlechter entziehen kann als reine Pharmakonzerne. Eine solche breite Aufstellung könne schnell kompliziert werden, argumentiert etwa Falko Friedrichs von der Deutschen Bank. Mercks viele Bereiche sollten alle unterschiedlich stark betroffen sein.

Laut einer vom Unternehmen bereitgestellten Prognose gehen die befragten Analysten für das aktuelle Jahr zwar von Zuwächsen bei Umsatz und Ergebnis aus, dennoch haben einige Experten zuletzt ihre Prognosen gesenkt. Dazu gehört etwa Analyst Trung Huynh von der Schweizer Bank Credit Suisse. Der Experte hat allerdings mit 125 Euro eines der höchsten Kursziele für die Aktie angesetzt. Zudem gibt er auch Entwarnung für die Spezialmaterialien: Diese sollten mittelfristig vom neuen Mobilfunkstandard 5G und der voraussichtlichen Erholung in der Chipbranche profitieren, ist Huynh überzeugt.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Die Hoffnung auf eine Erholung bei den Spezialmaterialien hat die Merck-Aktie aus ihrem tiefen Tal geholt. Vom Ende März 2018 erreichten Zwischentief bei knapp 75 Euro legte das Papier binnen knapp zwei Jahren um fast siebzig Prozent zu: Ende Februar markierte die Aktie beim Kurs von 129,95 Euro ihr bisheriges Rekordhoch.

Der nur wenig später folgende Corona-Crash an den Börsen setzte zwar auch Merck kräftig zu - bis Mitte März fiel das Papier auf rund 76 Euro, womit die Gewinne aus zwei Jahren ausradiert wurden. Doch inzwischen ist auch das Geschichte, denn die Aktie hat es bereits zurück über die Marke von 100 Euro geschafft.

Mit aktuell etwa 106 Euro ist das Papier nahezu exakt auf dem Niveau vom Jahreswechsel, seit dem März-Tief beläuft sich das Kursplus auf fast 40 Prozent. Damit läuft Merck dem Dax <DE0008469008> vorweg. Der deutsche Leitindex hat sich zwar seit seinem März-Tief um knapp ein Drittel erholt, die bisherige Jahresbilanz ist mit einem Minus von rund einem Fünftel aber noch tiefrot.