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Wie der Mercedes-Einkaufschef 2000 Lieferanten zum CO2-Sparen zwingt

Hubik, Franz
·Lesedauer: 3 Min.

Der Autobauer will bis 2039 klimaneutral werden. Auch alle Lieferanten der Edelmarke müssen sich zu dem Ziel bekennen – sonst werden sie aussortiert.

Gunnar Güthenke hat eine erstaunliche Wandlung hingelegt. Bis zum Sommer 2019 war der Mercedes-Manager noch für die G-Klasse verantwortlich – und damit für die wohl klimaschädlichste Baureihe der Marke mit dem Stern. Schließlich verbraucht jeder einzelne Luxusgeländewagen (Basispreis rund 100.000 Euro) selbst mit einem hocheffizienten Dieselmotor fast neun Liter auf hundert Kilometer.

In der besonders beliebten AMG-Variante schluckt das 2,5 Tonnen schwere Gefährt sogar 14,4 Liter und stößt bedenkliche 330 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus. Dass es so nicht weitergehen kann, weiß auch Güthenke. Noch unter seiner Führung wurde bei der G-Klasse die Stromwende eingeleitet. Das Modell fährt bald elektrisch, auch eine kleinere Version wird erwogen.

CO2 einzusparen ist längst zur wichtigsten Aufgabe von Güthenke geworden – auch in seiner neuen Funktion. Als Einkaufschef von Mercedes kümmert sich der 48-Jährige mittlerweile darum, die Lieferanten des Premiumherstellers auf die grüne Linie des Konzerns einzuschwören.

Mercedes will bis 2039 nur noch klimaneutrale Neuwagen verkaufen. „Um unsere Ambition zu erreichen, ist es elementar wichtig, dass auch unsere Lieferkette nachhaltig wird“, sagte Güthenke dem Handelsblatt. „Denn gut 70 Prozent der Teile in unseren Fahrzeugen kaufen wir extern zu.“

Vor ein paar Wochen verschickte der Manager daher an seine 2.000 direkten Lieferanten einen Brief. Darin fordert er seine Geschäftspartner auf, sich verbindlich zu den Klimazielen von Mercedes zu bekennen. „Das ist alles andere als ein einfaches Schreiben. Die Unterschrift ist für uns ein klares Vergabekriterium“, versichert Güthenke.

Der Beschaffungsspezialist tritt bei dem Thema kompromisslos auf. Er strebt zwar prinzipiell keine Ausdünnung des Lieferantennetzes an. „Klar ist aber auch: Wer unsere Ambition nicht teilt, wird künftig keine Geschäfte mehr mit uns machen können.“

Keine Ausnahmen in Sachen Nachhaltigkeit

Bisher hat etwa die Hälfte der Mercedes-Lieferanten den „Letter of Intent“ unterschrieben. Alle übrigen könnten künftig vom rund 40 bis 50 Milliarden Euro schweren Einkaufsvolumen der Stuttgarter abgeschnitten werden.

„Beim Thema Nachhaltigkeit machen wir keine Ausnahmen“, sagt Güthenke. Alle Lieferanten müssten Mindestanforderungen erfüllen und sicherstellen, dass auch ihre Sublieferanten ökologisch agieren. „Diese Anforderungen schrauben wir Jahr für Jahr nach oben“, erklärt Güthenke.

Besonderen Handlungsbedarf sieht der Manager bei Batteriezellen, Stahl, Aluminium und Kunststoffen. Zusammengerechnet stehen diese Rohstoffe und Bauteile für etwa 80 Prozent des CO2-Fußabdrucks eines Fahrzeugs. Hier komme man mit Trippelschritten nicht weiter, sondern brauche zügig große Fortschritte.

Während die Lage bei Stahl laut Güthenke noch „sehr herausfordernd ist“, gibt es bei der Batterie bereits erfolgversprechende Zusagen. So verpflichtet sich etwa der chinesische Konzern CATL dazu, Mercedes nur noch mit Batteriezellen zu beliefern, die ausschließlich mit Grünstrom erzeugt wurden. Alleine dadurch könnten 30 Prozent der CO2-Emissionen bei der Batterie reduziert werden.

Im Gegensatz zu konkurrierenden Fahrzeugherstellern wie VW oder Tesla lehnt es Mercedes weiterhin ab, selbst Batteriezellen im großen Stil herzustellen. „Die Batterietechnik entwickelt sich gerade sehr schnell weiter. Es wäre daher ein Fehler, wenn wir uns hier verfrüht auf eine Technologie festlegen würden“, erklärt Güthenke. Man müsse flexibel bleiben und am Ende das produzieren, was den größten Mehrwert für die Kunden biete.

Im Zuge der Antriebswende weg vom Verbrenner hin zu Stromern wird die Fertigungstiefe von Mercedes sinken. Die Rolle von Güthenke im Konzern dürfte folglich noch wichtiger werden. Denn mehr und mehr Fahrzeuginhalte werden von Dritten bezogen.

Das Einkaufsbudget, über das der studierte Maschinenbauer und Betriebswirt wacht, wird steigen – aber maßvoll, hofft man an der Konzernspitze. Denn bei den Kosten gilt das Gleiche wie bei den CO2-Emissionen: Sie müssen runter.

Güthenke ist in beiden Fällen zentral gefordert.