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Meinung: Die Mutter aller Rezessionen könnte kommen

Motley Fool Investmentanalyst

Egal ob du ein Anfänger oder ein erfahrener Veteran bist, du erlebst gerade, wie Geschichte geschrieben wird. In den letzten 122 Monaten expandierte die US-Wirtschaft. Seit den frühen 1860er-Jahren, als die relativ genaue Aufzeichnung von Wirtschaftswachstum und Rezessionen begann, stellt das die längste Expansionsperiode der Geschichte dar. Der bisherige Rekord lag zwischen März 1991 und März 2001 (120 Monate).

In den letzten 122 Monaten haben langfristige Investoren eine positive Entwicklung erleben können. Alle drei wichtigsten Indizes des Marktes – Dow Jones Industrial Average (WKN:969420), S&P 500 (WKN:A0AET0) und Nasdaq Composite (WKN:969427) – haben Allzeithöchststände erreicht, wobei sich diese Indizes von ihren Tiefstständen während der Finanzkrise praktisch vervierfacht bis verfünffacht haben.

Die Fed hat eine große Rolle gespielt, um die US-Wirtschaft zu dieser rekordverdächtigen Expansion zu beflügeln

Obwohl es eine Reihe von Faktoren gibt, die dazu beigetragen haben, dass sich der Markt erholt hat und die Verbraucher zum Kaufen bewegt wurden – der Konsum macht etwa 70 % des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus –, sind es die Maßnahmen der US-Notenbank, denen diese Entwicklung am häufigsten zugute gehalten wird.

Sowohl während als auch nach der Finanzkrise verabschiedete die Fed mehrere Runden eines Programms, bei dem Hypothekenkredite und US-Schatzbriefe gekauft wurden, um einen nervösen Markt zu stabilisieren.

Darüber hinaus senkte die Zentralbank des Landes im Dezember 2008 ihr Leitzinsniveau auf ein historisches Tief von 0 bis 0,25 %. Der Leitzins sollte dann sieben volle Jahre lang auf diesem Niveau bleiben. Diese Federal Funds Rate steuert die Zinssätze nicht direkt, aber sie beeinflusst andere Variablen, die sich effektiv auf die Zinsen auswirken, die die meisten Kreditnehmer zahlen. Dieser Politik liegt die Annahme zugrunde, dass Unternehmen, wenn sie Zugang zu Kapital haben, das sie für niedrige Kosten leihen können, dazu neigen, die US-Wirtschaft zu stärken, mehr Mitarbeiter einzustellen und einfach eine positivere Entwicklung zu nehmen.

Mit anderen Worten, die Federal Reserve öffnete die Tür für Kreditzinsen, die seit geraumer Zeit historisch attraktiv sind. Auch nach neun Viertelpunkten Erhöhung (25 Basispunkte) zwischen Dezember 2015 und Ende 2018 und zwei weiteren Viertelpunktsenkungen in den letzten Monaten bleiben die Kreditzinsen für Unternehmen und Verbraucher im Vergleich zu ihrem historischen Durchschnitt unglaublich attraktiv.

Seit Jahren funktioniert diese Niedrigzinsstrategie hervorragend. Aber die Maßnahmen der Fed und die Forderungen von Präsident Trump nach niedrigeren Zinsen könnten die US-Wirtschaft eher früher als später in die Mutter aller Rezessionen führen.

Hier erfährst du, warum du dir Sorgen machen solltest

Bevor ich das genauer erläutere, lass uns etwas Grundlegendes betrachten. Rezessionen sind nämlich ein unvermeidlicher Teil des Wirtschaftszyklus.

Da die Fed keinen Zugang zu Echtzeitdaten hat, wird sie immer auf Wirtschaftsindikatoren reagieren, die in einigen Fällen Monate alt sind. Selbst wenn die Fed handelt, kann es bei ihren geldpolitischen Instrumenten, wie der Erhöhung oder Senkung des Leitzinses oder dem Kauf/Verkauf von Schatzbriefen, Monate oder mehr als ein Jahr dauern, bis sie wirklich Wirkung zeigen. Obwohl ich mit dem Finger auf die Fed zeige, muss man dazu sagen, dass mir schon bewusst ist, dass Rezessionen unvermeidlich sind.

Nun zurück zum aktuellen Thema: Warum du dir Sorgen machen solltest.

Laut einem im April veröffentlichten Bericht der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte steigt die Kreditaufnahme von Unternehmen. Obwohl die Kreditaufnahme ein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft ist, ist nicht alles so rosig, wie es sich anhört, wenn man sich die Daten genauer ansieht.

Zwischen dem ersten Quartal 2011 und dem dritten Quartal 2018 stellt der Bericht einen deutlichen Anstieg der Schuldtitel von Unternehmen (d. h. Anleihen) im Vergleich zu traditionellen Krediten fest. Die nichtfinanziellen Schulden der Unternehmen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 6,3 % pro Quartal, verglichen mit 4,5 % bei den traditionellen Krediten. Über einen Zeitraum von 28,5 Jahren zwischen dem ersten Quartal 1990 und dem dritten Quartal 2018 hat sich das Verhältnis des Wertes von Schuldverschreibungen zu traditionellen Krediten von 0,9 auf 1,9 mehr als verdoppelt. Kurz gesagt, Unternehmen ziehen es eindeutig vor, ihre eigenen Schulden auszugeben, als sich Geld von einer Bank zu leihen.

Ein separater Bericht von Forbes im Juli ergab, dass die nichtfinanziellen US-Unternehmensschulden großer Unternehmen bei fast 10 Billionen US-Dollar oder 48 % des BIP lagen. Das sind 52 % mehr als beim früheren Höchststand von 6,6 Billionen US-Dollar im dritten Quartal 2008, was damals 44 % des US-BIP entsprach.

Mit anderen Worten, die lockere Geldpolitik der Fed könnte die Unternehmen ermutigen, sich zu übernehmen. Sollte es mit der Wirtschaft bergab gehen, sind bestimmte Unternehmen und Branchen möglicherweise schlecht vorbereitet, um mit den Folgen der aggressiven Kreditaufnahme fertig zu werden.

Das könnte alle Branchen sowie große Unternehmen betreffen

Und denk nicht, dass es sich hierbei nur um kleine bis mittlere Unternehmen handeln würde. Die Analyse von Deloitte zeigt, dass der Zinsdeckungsgrad zwischen 2010 und 2017 für die Top-100-Unternehmen in Bezug auf den Marktwert insgesamt zurückgegangen ist. Darüber hinaus verschlechterte sich der Verschuldungsgrad (Net Debt/EBITDA) für die Top-50-Unternehmen nach Marktkapitalisierung sowie für die Top 100 bis 1.000 zwischen 2010 und 2017. Im Vergleich dazu verbesserten sich die Zinsdeckung und die Nettoverschuldung zum EBITDA in den beiden vorangegangenen Erholungsphasen (1992–2000 und 2002–2007) insgesamt.

Auch das ist nicht nur ein branchenspezifisches Problem. Der Fitch U.S. Leveraged Loan Default Index vom Juli zeigt, dass mehr „besorgniserregende Kredite“ in die Liste aufgenommen wurden, als in sechs der letzten sieben Monate gestrichen wurden, wobei Einzelhandel, Telekommunikation und Energie unter den am meisten betroffenen Branchen sind. Auf den Einzelhandel entfielen im Juli 18 % der ausstehenden Darlehen, bei denen man sich Sorgen machen könnte.

J.C. Penney (WKN:851991) zum Beispiel hatte 1,57 Mrd. US-Dollar ausstehende Kredite, die laut Fitch schwer zurückzuzahlen sind. J.C. Penney hat Mühe gehabt, sein Image neu zu erfinden, nachdem die Onlinehändler dem Unternehmen einen Preiskampf geliefert haben und Discounter wie TJX Companies Markenartikel in großen Mengen kaufen und Kunden von Kaufhäusern weglocken. Ein Unternehmen wie J.C. Penney braucht Kapital, um seine Strategie anzupassen, hat aber einfach keinen Zugang dazu.

Andere von Fitch erwähnte Namen, wo es vielleicht bei dir klingelt, sind Frontier Communications, Pier One Imports und Revlon.

Du wirst feststellen, dass das Unternehmen sind, deren Situation bereits von der Wall Street als düster angesehen wird. Aber es gibt auch andere Unternehmen, die nicht von Fitch gelistet sind und von denen ich glaube, dass sie unter Beschuss geraten könnten, wenn das Wirtschaftswachstum auch nur moderat belastet wird.

Es gibt keinen spezifischen Grund, hier Ford (WKN:502391) auszuwählen, aber der Autohersteller hat mehr als 50 Mrd. US-Dollar Schulden seit Ende 2012 angehäuft, er muss jetzt ein Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital von 431 % aushalten und seine Bonitätsbeurteilung wurde vor Kurzem durch die Ratingagentur Moody’s auf ein Schrott-Rating herabgestuft. Anders gesagt, die Finanzschulden von Ford zum EBITDA liegen nahe dem Höchststand seit 2009. Wir haben bei verschiedenen Aktionen im Rahmen des Handelskriegs gesehen, dass es nicht viel braucht, um Ford zu stören. Wenn die Schuldenlast den Unternehmen über den Kopf wächst, könnten Ford und viele andere namhafte Unternehmen in sehr große Schwierigkeiten geraten.

Zwei Gründe können dafür sprechen, dass diese Unternehmensschuldenrisiken übertrieben hoch sind

Man muss klar sagen, dass die Daten zur Unternehmensverschuldung darauf hindeuten, dass Probleme abzusehen sind. Das ist ein wichtiger Grund, warum ich weiterhin Gold- und Silberminenaktien besitze und warum ich gezögert habe, einen Großteil meiner Safe-Haven-Aktien trotz starker Rallyes in allen Fällen im Jahr 2019 zu verkaufen.

Optimisten können sich jedoch in zweierlei Hinsicht trösten lassen.

Erstens haben Schwarzseher nicht gerade die beste Erfolgsbilanz bei ihren Ankündigungen einer Rezession. Ich weiß, dass ich in den letzten zehn Jahren ein paarmal Alarm geschlagen habe, aber die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft, der Verbraucher und der Börse hat mir jedes Mal die Prognose verhagelt. Die Sache, an die man sich bei der US-Wirtschaft immer erinnern muss, ist, dass sie weit mehr Zeit damit verbringt, zu expandieren als zurückzugehen. Sicher, du könntest ein paar Minuten im Rampenlicht stehen, weil du einen Abwärtstrend in der US-Wirtschaft richtig vorhergesagt hast, aber die Geschichte deutet darauf hin, dass er kurzlebig sein und ihm eine wesentlich längere Phase der wirtschaftlichen Expansion folgen wird.

Das führt zum zweiten Punkt: Der Aktienmarkt tendiert dazu, langfristig an Wert zu gewinnen. Selbst in Fällen, in denen Dow, Nasdaq und S&P 500 die Hälfte ihres Wertes verloren, wurden langfristige Investoren belohnt. Alle drei Indizes liegen deutlich über ihren Höchstständen vor der Rezession 2007, und in vielen Fällen werden Börsenkorrekturen von 10 % oder mehr innerhalb weniger Wochen oder Monate durch eine Rallye aufgehoben.

Also, ja, die Mutter aller Rezessionen könnte kommen, zumindest basierend auf den verfügbaren Daten zur Unternehmensverschuldung. Aber das ist kein Grund, alles zu verkaufen und dein Geld unter der Matratze zu verstecken.

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Dieser Artikel wurde von Sean Williams auf Englisch verfasst und am 25.09.2019 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

The Motley Fool besitzt Aktien von Moody's und empfiehlt sie. The Motley Fool empfiehlt The TJX Companies.

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